Kontrast zur Gegenwart

Klartext

Sanfter Vorbote

3. Advent, 15. Dezember

Und die Menge fragte ihn (Johannes den Täufer) und sprach: Was sollen wir nun tun? Er antwortete aber und sprach zu ihnen: Wer zwei Hemden hat, der gebe dem, der keines hat; und wer Speise hat, tue ebenso…Und mit vielem andern mehr ermahnte er das Volk und predigte ihm. (Lukas 3,10+18)

Johannes der Täufer ist eine der ungemütlichsten Figuren des Neuen Testamentes. Denn er verkündigt ethische Maßstäbe nicht nur, sondern legt sie zuerst an sich selbst an und lebt so glaubwürdig.

Aus pädagogischen Gründen mag Lukas – im Unterschied zu den anderen Evangelisten – auf eine detaillierte Beschreibung von Johannes‘ Äußerem und seinen Lebensgewohnheiten verzichtet haben. Aber viel geschmeidiger stellt sich der Täufer auch ohne die Erwähnung seines Kamelhaargewands nicht dar. Von einem, der Tag für Tag, ohne mit der Wimper zu zucken, Heuschrecken verspeist, ist wahrscheinlich wenig diplomatischer Honig bei der Beurteilung anderer Menschen zu erwarten. Aber Johannes ist ein glaubwürdiger Bußprediger und darf daher das sagen, was anderen im Halse stecken bleiben müsste: Ändert euer Leben! Und seid euch nicht zu sicher, dass ihr das Verhältnis zu Gott ins Reine bringen könnt. Eure Taufe ist höchstens ein Anfang, um dieses klären zu können.

Die Nachfragen, mit denen sich die durchaus umkehrwilligen Menschen bei Johannes erkundigen, wie sie richtig leben sollen, haben einen leicht verzweifelten Unterton: So wie du, Johannes, das werden wir nicht schaffen. Das müsst ihr auch nicht, lautet seine überraschend sanfte Antwort. Behaltet von mir aus Hemd und Brot, aber gebt anderen davon ab. Ihr müsst nicht einmal wie die Zöllner euren fragwürdigen Beruf aufgeben. Aber verhaltet euch wenigstens korrekt statt korrupt, und nutzt eure Macht nicht aus.

Honigsüß sind diese Worte nicht. Aber Johannes weiß ja, dass nach ihm noch Jesus kommt. Und dessen Forderungen werden noch um einiges kompromissloser sein: Besitzverzicht, Machtlosigkeit, Feindesliebe. Wer schon bei Johannes schlucken musste, der wird dann erst recht zu kauen haben – bis heute.

Erfüllte Sehnsucht

4. Advent, 22. Dezember

Bei der Treue Gottes, unser Wort an euch ist nicht Ja und Nein zugleich. Denn der Sohn Gottes, Jesus Christus, der unter euch durch uns gepredigt worden ist, durch mich und Silvanus und Timotheus, der war nicht Ja und Nein, sondern das Ja war in ihm. (2. Korinther 1,18–19)

Jetzt ist die schönste Zeit des Jahres – und der Enttäuschungen. Auch wer aus dem Alter heraus ist, in dem man angesichts unerfüllter Wünsche unter dem Weihnachtsbaum in Tränen ausbrach oder sich zu Boden warf, die Dynamik von Erwartung und Enttäuschung bestimmt wie eine Unterströmung die gesamte Advents- und Weihnachtszeit. Und das macht sich nicht nur an den Geschenken fest. Wenn sie uns nicht gefallen, tauschen wir sie um oder suchen mit Hilfe eines Geschenkgutscheins nach Weihnachten selbst etwas aus. Viel schwieriger ist dagegen der Umgang mit den emotionalen Enttäuschungen. Dass Advent und Weihnachten doch nicht so schön waren, wie erhofft. Oder wieder einmal zu spüren war, wie wenig man sich in der Familie eigentlich zu sagen hat, trotz der mühsam arrangierten und inszenierten Festlichkeit.

Auch die Beziehung zwischen Paulus und seiner Gemeinde ist nicht frei von Enttäuschungen. Anders als geplant, ist er zusammen mit Silvanus und Timotheus nicht persönlich angereist. Paulus hat seine Reisepläne geändert. Was immer der Grund dafür war. Nun sind sie in Korinth zum wiederholten Male von ihm enttäuscht worden, ausgerechnet die Gemeinde, mit der es Paulus noch nie leicht gehabt hat. Ihre Beziehung ist offenbar sehr zerbrechlich, und die emotionalen Reaktionen sind heftig.

Die Hilflosigkeit des Apostels ist deutlich zu spüren. Wie nachvollziehbar ist seine Erfahrung, dass gerade die am leichtesten zu enttäuschen sind, mit denen uns am meisten verbindet.

Im Ton der Beschwörung erinnert Paulus die korinthischen Mitchristen an die Treue Gottes. Auf der menschlichen Ebene bleiben Enttäuschungen unausweichlich und sind auch mit den allerbesten Absichten und Vorsätzen nicht zu vermeiden. Aber Christinnen und Christen teilen eine andere Erfahrung: Die des Ja ohne ein Nein. In Jesus Christus sind alle die Erwartungen und Sehnsüchte, angenommen und verstanden zu werden, endgültig erfüllt. Er ist das Ja – ohne Naja und Na gut.

Ewiger Wunsch

Heiligabend, 24. Dezember

Meine Wohnung soll unter ihnen sein, und ich will ihr Gott sein, und sie sollen mein Volk sein, damit auch die Völker erfahren, dass ich der Herr bin, der Israel heilig macht, wenn mein Heiligtum für immer unter ihnen sein wird. (Hesekiel 37,27+28)

Der Mann feiert seit Jahren jeden Tag Weihnachten. Jeden Tag kommt er nach Hause, wo der stets geschmückte Tannenbaum wartet, packt ein kleines Geschenk aus und verspeist das Weihnachtsessen, einen Truthahn mit Beilagen. So ein Exzentriker kann natürlich nur in einem Land zuhause sein, in Großbritannien nämlich.

Für immer Weihnachten? Es ist schon schade, dass wir uns nur kurz im Jahr so zeigen, wie wir auch sind, liebevoll, großzügig, friedfertig. Die Sehnsucht nach dem „Für immer“ von Weihnachten, einer helleren, wärmeren, friedlicheren Welt, ist alt. Sie ist schon immer in hartem Kontrast zur Gegenwart gestanden: Zu Hesekiels Zeit saßen die Israeliten fern von ihrer Heimat in Gefangenschaft, während diese von einer fremden Macht besetzt war.

Zu der Zeit, als ein Gebot von dem Kaiser Augustus ausging, lebten Juden zwar wieder im eigenen Land, aber unter fremder Herrschaft. Und heute werden die Felder um Bethlehem nicht vom Schein eines Sterns beleuchtet, sondern von Suchscheinwerfern. Im Heiligen Land dürfte auch in dieser Heiligen Nacht kein Frieden herrschen.

Die Sehnsucht danach spricht Hesekiel aus. Es ist die Hoffnung Israels, in der wir uns wiederfinden können: Frieden und ein Herrscher, der ein Hirte ist.

Das Kind, dessen Geburt wir heute feiern, hat später von sich gesagt: „Ich bin der gute Hirte.“ Seine Option für die Armen und Schwachen, seine Kritik an den Reichen, seine Forderung nach Gewaltverzicht und Feindesliebe waren und sind politische Forderungen. Aber weil Jesus darauf verzichtete, sie mit Gewalt durchzusetzen, weil sein Regierungsantritt eine dürftige Geburt in einem Stall war, ist das Wesen seiner Herrschaft bis heute schwer zu erkennen. Der Herrscher ein Hirte – bleibt das ein Wunsch für immer?

Großes Ziel

Silvester, 31. Dezember

Jesus Christus gestern und heute und derselbe auch in Ewigkeit. Lasst euch nicht durch mancherlei und fremde Lehren umtreiben, denn es ist ein köstlich Ding, dass das Herz fest werde, welches geschieht durch Gnade. (Hebräer 13,8–9)

Über den Jahreswechsel kommt man am besten mit dem Herzen. In der Logik der Bibel ist es Sitz des Verstandes, nach unserer Auffassung eher des Gefühls. Aber oft verrät das Herz dem Kopf, was der Bauch schon viel länger weiß.

Im letzten Kapitel des Hebräerbriefes, dieser langen und mitunter merkwürdigen Beschreibung menschlicher Wege auf der Suche nach dem großen Ziel, gibt es am Ende eine Art Zusammenfassung, Orientierungshilfe auf dem Weg zum rechten, guten Leben. Auch als Einspruch gegen das, was einen täglich neu umtreiben könnte. Denn dass es von Jahr zu Jahr neue und fremde Lehren gibt, hat sich über die Zeiten nicht geändert.

Aber auch das Gute ist zeitlos: gastfreundlich sein, Mitleid haben, ehrlich sein in Beziehungen, zufrieden, mit dem, was man hat, sich klarmachen, dass man nicht alles aus eigener Kraft erreicht hat, bereit sein, anderen Gutes zu tun. Damit das Herz fest wird statt hart. Und man seinen Lebensweg weitergehen kann, Schritt für Schritt gehen, im Rhythmus des eigenen Herzschlags, ohne Rasen oder Stolpern. In der Gewissheit, dass einer da war, ist und sein wird, der alle Wege meines Lebens mitgeht.

Gnädiges Jahr

2. Sonntag nach Weihnachten, 5. Januar

Ich freue mich im Herrn, und meine Seele ist fröhlich in meinem Gott; denn er hat mir die Kleider des Heils angezogen und mich mit dem Mantel der Gerechtigkeit gekleidet, wie einen Bräutigam mit priesterlichem Kopfschmuck geziert und wie eine Braut, die in ihrem Geschmeide prangt. (Jesaja 61,10)

In einigen Bundesländern ist morgen „Dreikönig“, ein staatlicher Feiertag. Anderswo muss man dagegen schon wieder in die Schule und den Betrieb. Und die Drei Könige oder Weisen aus dem Morgenland ziehen sich dahin zurück, wo sie hergekommen sind. Mit Glanz und Herrlichkeit ist es vorerst vorbei. Die festliche Kleidung kommt in den Schrank oder in die Reinigung. Jetzt sind wieder Alltagsklamotten gefragt.

Auf dem Weg zur Reinigung ein Gedankenspiel: Wie wäre es, würde man das Glitzerkleid oder den schicken Anzug einfach zur Arbeit mitnehmen, sich auf der Toilette umziehen, vollkommen overdressed am Schreibtisch sitzen oder – noch besser – an der Kasse oder der Maschine? „Ist doch noch kein Fasching“ wäre der gutwilligste Kommentar. Der würde aber gleich in die richtige Richtung führen. Auch Masken und Verkleidungen inszenieren ja ein Leben jenseits des Alltags, Rollen werden nach Belieben getauscht, und wer will, kann Prinz oder Prinzessin sein.

Fasching ist noch nicht – aber Jesaja schmeißt mit Hoffnungsbildern nur so um sich. Die festlichen Kleider, die er entwirft, sind wohl kaum die passende Bekleidung für den dürftigen Alltag seiner Zeit. Diese fühlte sich eher nach Sack und Asche an. Aber noch über den Trümmern kleidet Jesaja die Sehnsucht nach dem anderen Leben in Worte. Jede und jeder kann sie sich anziehen. Damit es ein gnädiges Jahr wird – schon in der ersten Arbeitswoche im Januar.

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