Salz säen

US-Südstaaten 1957

Es gibt keinen Grund zur Sorge. Wir haben sie nie gewollt, wir haben sie nie gebraucht, und wir werden sehr gut ohne sie auskommen – auch wenn unsere Bevölkerungszahl um ein Drittel verringert ist.“ Das wollen sie dem Gouverneur gern glauben, haben aber „noch nicht lange genug in einer Welt ohne schwarze Gesichter gelebt, um irgendeine Gewissheit zu haben“. Die Situation ist gerade erst eingetreten. Mit Autos, Bussen, Zügen oder zu Fuß haben innerhalb weniger Tage im Juni 1957 alle Schwarzen jenen fiktiven US-Südstaat verlassen, in dem William Melvin Kelleys Debutroman Ein anderer Takt spielt. Ausgelöst hat den Exodus Tucker Caliban: Er streute Salz auf sein Land, erschoss Pferd und Kuh, setzte das Haus in Brand, nahm Frau und Kinder und fuhr davon. Und die Männer, die sich im Städtchen Sutton sonst immer zum Spannen und Tratschen auf der Veranda von Thomasons Lebensmittelgeschäft treffen, haben zugesehen. Sie sind dem Salzlaster zur Farm gefolgt. Man kennt sich hier. Ihre Kommentare reichen von „Wahn“ bis zur „Stimme des Blutes“, die da, einer alten Geschichte aus Sklavenhalterzeiten zufolge, aus Tuckers Verhalten spräche. Einig sind sie sich darin, dass ihn wohl nichts aufhalten könnte. Die Veranda-Männer sind der Chor in dem mit prägnanten Bildern in fesselnder Southern-Gothic-Tradition erzählten Roman. Zuschauer, Zeugen, aber auch Täter. Ungewöhnlich ist indes, dass Kelley nur weiße Stimmen erzählen lässt – weshalb das 1962 mit dem Titel A Different Drummer (ein Zitat von Henry David Thoreau) erschienene Buch in der schwarzen Community wohl auch nur wenige Leser fand. Dabei macht genau dies die subversive Kraft aus: Die Weißen sehen zwar alles, verstehen aber nicht, was passiert, und schon gar nicht, was das über sie verrät. Fast so, wie es in Willie Dixons Bluessong „Backdoor Man“ heißt: „the men don‘t know, but the little girls understand“. Tucker erklärt dem Mann, dem er das später versalzene Land abkauft: „Ich brauche nicht auf jemanden zu warten, der mir die Freiheit gibt – ich kann sie mir selbst nehmen.“ So und nicht anders. Und es geht keinesfalls um irgendein „Schwarzen-Problem“, sondern einzig und allein um das „Weißen-Problem“, wie es James Baldwin 1963 in dem Dokumentarfilm „Take This Hammer“ so aufspießte: Er sei kein „Nigger“, und „Nigger“ sei ohnehin eine Erfindung. „Ich habe ihn nicht erfunden. Weiße erfanden ihn. Und wenn ich nun nicht der Nigger bin, es aber zugleich stimmt, dass deine Erfindung letztlich dich entlarvt – wer ist dann der Nigger? Also, ich brauche ihn nicht, aber du brauchst ihn unbedingt. Darum gebe ich dir dein Problem zurück: Du bist der Nigger! Ich bin es nicht.“ Das Buch endet mit einem Schrei, den der achtjährige Mister Leland fälschlich für typischen Feierlärm von Erwachsenen hält. Der großartige Roman zeigt das „Weißen-Problem“ im Kern und in den zerstörerischen Folgen, ohne es je so zu benennen. Das macht seine Wucht aus. Ein schlaues Buch und, bitter genug, so aktuell wie beim ersten Erscheinen. Insofern lässt zumindest hoffen, wie frenetisch die Kritik in den USA die Neuveröffentlichung feierte. Das ist der deutschen Ausgabe ebenfalls zu wünschen, und zwar beileibe nicht nur, weil der hierzulande wieder aggressiv wuchernde Rassismus in der Analogie mühelos zu identifizieren ist. Ergänzt ist sie um einen Essay von Kathryn Schulz, die Kelley (1937–2017) literarisch hervorragend einordnet, und ein Nachwort seiner Tochter. Die erzählt, wie er selbst „die Plantage verlassen“ musste und ins Ausland ging, weil er nach den Morden an Malcolm X und Martin Luther King keine Hoffnung mehr sah. Dass er jetzt mit A Different Drummer zurück ist, wirkt da wie ein großes Geschenk. Unbedingt lesen.

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