Augenöffner

Die Muslime und die Erotik

Fünfzehn Kapitel wie Museumshallen, durch die man schlendert, um in andere Sphären einzutauchen und Neues zu entdecken und das Museum am Ende mit vielen Eindrücken und neuen Fragen zu verlassen. Ein solches Gefühl möchte der Autor vermitteln. Gleich zu Anfang weist er darauf hin, dass das Schlusskapitel die Rolle der Ausgangshalle einnimmt. Ist man mit den jüngsten Debatten um die vormoderne „Ambiguitätstoleranz“ des Islam (Thomas Bauer) und den – in Hinsicht auf diese Toleranz als verheerend eingeschätzten – Einfluss der kolonialistischen Epoche sowie der westlichen verzerrten Wahrnehmung des Orients nicht vertraut, ist es in der Tat sinnvoll, damit zu beginnen. Denn ohne diesen Hintergrund würde kaum deutlich, dass und wie das Thema entfaltet wird. Das Europäische als Maßstab für das „Normale“ und das „Natürliche“, der moderne „Eindeutigkeitswahn“ und die (viktorianische) Moralisierung der Sexualität, all das und mehr führte zum Traditionsbruch in den muslimisch geprägten Ländern; die aufkommenden Nationalstaaten machten aus der ursprünglich „hochambigen muslimischen Normenlehre“ und der pluralistischen muslimischen Rechtstradition eindeutige Vorschriften, die mit staatlicher Macht und Kontrolle zu einem wichtigen Element islam(ist)ischer Identitätsdiskurse stilisiert wurden. So die Grundthese des Autors, der deshalb jene Ambiguität und Pluralität im Umgang mit der Sexualität, die ohne moralische Wertung auskamen, in der islamischen Geschichte herausarbeitet. Dazu stellt er in Sachbuchprosa geschichtliche Konstellationen, koranische und islamische Normen sowie vor allem die gesellschaftliche Praxis, die keineswegs immer den Normen entsprach, mit vielen Beispielen aus Literatur und Dichtung dar.

Das erste Kapitel beleuchtet den historischen Kontext vor dem Islam, das zweite Kapitel erörtert den nikāh, was genau genommen nicht Ehe(schließung) heißt, sondern Geschlechtsverkehr und Heiratsvertrag – was entsprechende rechtliche Fragen im Blick auf einige Koranstellen aufwirft. Es folgen die Themen Polygamie (es gebe „keine Beweise aus der Biologie oder Anthropologie, dass Monogamie für den Menschen natürlich oder normal ist“) sowie die zeitlich begrenzte „Genussbeziehung“ (mut‘a, Sure 4,24), die aktuell unter jungen Menschen in Iran oder Libanon eine große Rolle spielt. Sex und Sklaverei wird in Kapitel fünf verhandelt, Prostitution und Zuhälterei in Kapitel sechs. Homoerotik ist ein zentrales Thema (Kapitel sieben), da die Praxis über Jahrhunderte den heutigen strengen Moralregeln islamischer Länder diametral gegenübersteht. Immer wieder werden Begrifflichkeiten geklärt und erläutert, so etwa, dass der arabische Ausdruck liwāt eben nicht mit Homosexualität gleichzusetzen sei, da er keine (psychologische, physiologische) Anlage/Neigung bezeichne, sondern (nur) die Penetration. „Reinheit, Hygiene und gute Sitten“ ist das achte Kapitel überschrieben, um Schönheitsideale geht es in Kapitel neun. Aphrodisiaka, Phallus und Vulva, Geschlechtsverkehr und Genuss erhalten gesonderte Kapitel. Mit einem Blick auf die erotische Literatur und die „Verschmelzung von Erotik und Mystik“ schließt sich der Rundgang. Ein (sehr) knappes Glossar, Anmerkungen als Endnoten und ein Literaturverzeichnis schließen den Band ab.

Neben dem offenen Umgang mit der Homoerotik wird der positive, auch dem Genuss dienende, ja gottesdienstliche Charakter des Geschlechtsverkehrs in der islamischen Welt immer wieder betont. Wo Probleme angezeigt werden, wie männliche Dominanz, männliches Recht auf Sex, kein gleichberechtigtes weibliches Subjekt, strafbewehrte Sexualmoral, neigt der Autor dazu, auf vorislamische und Stammes-Traditionen, kolonialistische beziehungsweise christliche Einflüsse oder auch auf die Sozialisierung der Gelehrten zu verweisen.

Auch wenn einerseits in konstruktivistischer Manier sehr davor gewarnt wird, „die Muslime“ als Einheit zu denken, und andererseits doch von Quellen bestimmter urbaner Milieus auf nahezu alle Städte der islamischen Welt geschlossen wird, ist das Buch allemal ein Augenöffner für die vielfältige Dynamik kultureller Entwicklungen und die Gefahr, bestimmte kontextbedingte Einstellungen für das Absolute zu halten. Es stellt (Vor-)Urteile von Muslimen wie Nichtmuslimen gleichermaßen infrage.

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Friedmann Eißler

Dr. Friedmann Eißler ist Wissenschaftlicher Referent bei der Evangelischen Zentralstelle für Weltanschauungsfragen (EZW) in Berlin.


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