Umfangreich

Geschichte von Reformierten

Hier liegt eine Geschichte von Reformierten in Deutschland in den vergangenen hundert Jahren vor. Geschrieben hat sie Hans-Georg Ulrichs (Jahrgang 1966), der derzeit Referent im Nationalen Koordinationsbüro für die ÖRK-Vollversammlung 2021 in Karlsruhe ist. Sein Buch umfasst achthundert Seiten und mehr als zweieinhalbtausend Fußnoten. Die vorgelegten 25 historischen Studien sind allermeist von 1994 bis 2018 an anderen Stellen veröffentlicht worden. Sie werden hier für eine kumulative Habilitation in Osnabrück miteinander verbunden.

Der Verfasser muss mehrere Jahre an seinen Studien gearbeitet und unzählige Stunden verbracht haben in Konsistorien und Landeskirchenämtern, in Archiven, Bibliotheken und in Universitäten mit Erkundigungen und Gesprächen und der Arbeit am Schreibtisch.

Das Gewicht der Ausführungen des Autors liegt bei reformierten Einzelpersönlichkeiten des Reformierten Bundes in Westdeutschland. Es sind vornehmlich Kirchenleiter, also „Moderatoren“, die in den Blick kommen. Aber auch zwei Frauen werden geehrt. Eine von ihnen ist Susanna Pfannschmidt (1895–1989) deren Bericht über die Barmer Synode 1934 dokumentiert wird. Dieser Text ist das Zeugnis einer jungen Frau, die die Aktivitäten der Männer-Bekenner-Schar bilderreich und eindringlich zu schildern vermag. Zu danken ist dem Verfasser, dass er das Dokument zitierfähig untergebracht hat.

Susanna Pfannschmidt wurde später die Frau Wilhelm Niesels, des seit den 1950-er-Jahren in der weltweiten Ökumene bekanntesten und reformiertesten Reformierten aus Deutschland. Mit ihm befasst sich der Verfasser vielseitig und mannigfach in mehr als der Hälfte seiner Studien. Hier gibt es Wiederholungen und Textüberschneidungen.

Exemplarisch in der Einordnung und Wertung von Kirchenleitern ist Ulrichs’ Referat über den Alttestamentler und Systematiker, den späteren Moderator der 1980-er-Jahre, Hans Joachim Kraus (1918–2000). Es heißt, er habe eine verderbliche „Sozialismus-Affinität“ gehabt und sein Wirken als „Kirchenpolitiker“ sei desaströs gewesen. Gleichwohl gönnt der Verfasser ihm ein gutes Wort.

Der Autor erschien als unnachsichtiger Kritiker der von 1968 geprägten Linken im Reformierten Bund. So hätten jene eine Resolution zugunsten mosambikanischer Flüchtlinge auf der Hauptversammlung 1972 zu Hamburg eingebracht: „Das war bereits die Tonlage des neuen Linksprotestantismus, der durchaus stille Sympathien für diejenigen hatte, die auch mit Waffengewalt die politischen Verhältnisse ändern wollten.“ Am Ende seiner Studie über die Reformierte Friedenserklärung („Nein ohne Ja zu den Atomwaffen“ 1982), die recht eigentlich nur das Ergebnis linksradikaler Unterwanderung des Reformierten Bundes gewesen sei, dokumentiert Ulrichs einen bei der Behörde des Bundesbeauftragten für die Stasi-Unterlagen gefundenen, sehr peinlichen und untertänigen Briefes. Diesen Brief hat 1984 der Vorsitzende des Reformierten Generalkonvents (DDR) aus Anlass des 35. Jahrestages der DDR verfasst. Er ist gerichtet an den Staatssekretär für Kirchenfragen Klaus Gysi – und leider abgeschickt worden. Die Veröffentlichung dieses Briefes ist in Hans-Georg Ulrichs Werk die einzige und einzigartige brüderliche Berücksichtigung der Reformierten aus Ostdeutschland. Sie soll beim Leser den Eindruck erwecken: Die Friedenserklärung des Reformierten Bundes und die Reformierten in der DDR haben zugunsten der Diktatur wohlfeile Lippendienste geleistet und willfährig Erich Honecker zu Diensten gestanden.

Was wollen wir nun (nicht nur) hierzu sagen? Georges Casalis, französisch-reformierter Pfarrer, Widerstandskämpfer, nach dem Krieg kurzzeitig Militärpfarrer der Franzosen in Berlin, Ikone aller senkrechten Calvinisten hüben und drüben schreibt 1983: „Ein Kommilitone sagt einem Freund von mir auf dem Kasernenhof: ‚Du bist reformiert, nicht wahr?‘ – ‚Wieso?‘ antwortete mein Freund. – ‚Klarer Fall: Du richtest mich und die ganze Welt ständig‘!!!“

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