Bedingt versöhnlich

Die Offenbarungsrede Carsten Rentzings enthält Zündstoff
Zeitung zu Retzing
Foto:Reinhard Mawick

Unmittelbar nach seinem Verabschiedungsgottesdienst in Dresden spricht der sächsische Landesbischof a.D. Carsten Rentzing und beendet endlich sein wochenlanges Schweigen. Doch die 20-minütige Rede ist nur bedingt versöhnlich, denn Apologetik überwiegt.

Es gibt ein Sprichwort, dass die Kirche noch nicht aus sei, solange die Orgel spielt. Am gestrigen Freitag vor Volkstrauertag in der Dresdner Martin-Luther-Kirche war das anders. Die Orgel verklang, und es begann der spannendste Teil des Vormittags, indem sich der gerade entpflichtete, frischgebackene Landesbischof a.D. Carsten Rentzing anschickte, zu der Synode und der versammelten Gemeinde zu sprechen.

Zunächst die „Causa Rentzing“ in aller Kürze (wer das zu Genüge zu kennen meint, möge zehn Absätze runterscrollen):

Im Frühjahr 2015 wird Carsten Rentzing , wie seine beiden Vorgänger Kress und Bohl, mit einer Stimme Mehrheit zum sächsischen Landesbischof gewählt. Rentzing gilt als konservativer Kandidat, was sich für die breitere Öffentlichkeit darin äußert, dass er die kirchliche Segnung gleichgeschlechtlicher Lebensgemeinschaften ablehnt und dies kurz vor seiner Einführung im August 2015 in einem Interview mit der WELT noch einmal klar erwähnt und damit bundesweit für Aufsehen sorgt. Sein Gegenkandidat, der damalige Landesjugendpfarrer Tobias Bilz, ein Vertreter des liberalen Lagers, hat nicht nur in dieser Frage eine gegenläufige Auffassung, sondern steht auch sonst für eine politische Kirche, die sich aktiv im öffentlichen Diskurs einmischt.

Traditionell stehen in der sächsischen Landeskirche sogenannte Fromme und sogenannte Liberale immer wieder im Streit miteinander. Während erstere eine unpolitische Kirche wollen, eine Kirche, die sich in erster Linie liturgisch, seelsorglich und diakonisch äußert, wollen die Liberalen eine Kirche, die in vermeintlicher Tradition der Barmer Theologischen Erklärung ein politisches Wächteramt einnimmt und die politisch-gesellschaftliche Entwicklung mit klarer „Zeitansage“ begleitet und dabei gerne mit NGOs und anderen sozialen Bewegungen zusammenwirkt.

In seinem Amt machte Rentzing in den vergangenen Jahren außerhalb Sachsens nicht von sich reden. Aber er besucht Gemeinden, ist im persönlichen Umgang freundlich und hörbereit und sorgt sogar für einen Kompromiss bei der Segnung gleichgeschlechtlicher Partnerschaften, der bis heute trägt: Die Gemeinden können selbst frei entscheiden, wie sie mit Segnungsanfragen umgehen.

Erst Mitte September 2019 gerät Rentzing plötzlich in die Schlagzeilen. Ein anonymer Autor, der sich „Fluklix 123“ nennt, hatte in den Wikipedia-Artikel über Carsten Rentzing den folgenden Satz eingefügt: „Während seines Studiums in Frankfurt wurde er Mitglied der Alten Prager Landsmannschaft Hercynia“. Von der Sächsischen Zeitung dazu befragt, sagt Rentzing, dass er aus alter Verbundenheit immer noch Mitgliedsbeiträge zahle, aber nicht mehr aktiv dort mitwirke. Und ja, er habe auch Mensuren geschlagen, das sei sein „Bungee-Sprung in Jugendtagen“ gewesen. Zudem bestätigte Rentzing in diesem Interview auch, dass er im Dezember 2013, also vor seiner Zeit als Landesbischof, als er noch Pfarrer im vogtländischen Markneukirchen war, einen Vortrag in der deutlich rechts konnotierten Berliner Bibliothek des Konservatismus gehalten habe.

Diese Informationen und eine allgemeine Unzufriedenheit liberaler und linker Kreise, da sich Rentzing ihrer Meinung nach zu wenig von der AfD distanziert habe, die bei den Landtagswahlen mit 27 Prozent wieder in den sächsischen Landtag eingezogen war, führte dazu, dass Ende September in Leipzig unter der Überschrift Aufforderung zur Stellungnahme und Distanzierung von den Neuen Rechten an Bischof Rentzing“ eine Online-Petition ins Leben gerufen wurde, die schnell von mehreren hundert Menschen unterzeichnet wurde.

Kernforderung der Petition ist, dass der Bischof sein Verhalten ändern möge. In der Petition stand unter anderem: „Unverständlich blieb uns auch, warum Sie statt einer klaren Abgrenzung von der rechtsnationalistischen AfD auf Gespräch, Verständnis und gemeinsame Zukunftsgestaltung gesetzt haben und sich weigerten, die antievangelische Haltung und unchristliche Ideologie dieser völkischen Partei vor der Wahl zu benennen. Es drängt sich die Vermutung einer inhaltlichen Nähe auf, die durch Ihre Äußerungen nicht entkräftet wurde.“ Durch die Petition, deren Initiatoren zwei Leipziger Pfarrer sind, stand  der Vorwurf im Raum, dass Rentzing politisch der AfD nahestehe.

Am 11. Oktober bot Rentzing überraschend seinen Rücktritt zum nächstmöglichen Zeitpunkt an. In der Erklärung sagte Rentzing: „Ich stehe für konservative Positionen und Werte, die ich in einem langen Entwicklungsprozess für mich als richtig erkannt habe. Dabei war die Begegnung mit Jesus Christus und mein Glaube für mich prägend. Der Weg in die Kirche hat mich verändert. Positionen, die ich vor 30 Jahren vertreten habe, teile ich heute nicht mehr.“

Alle, die dies lasen, dachten nun, mit den „Positionen“ von „vor 30 Jahren“ wären die damaligen Aktivitäten in der Burschenschaft gemeint und wunderten sich, da dies ja schon eine Weile diskutiert worden war. Aber es ging längst um etwas anderes, etwas, was der  Öffentlichkeit erst am nächsten Tag aufging. Da veröffentlichte die Tagesschau Texte, die Rentzing von 1989 bis 1992 für eine Publikation namens „Fragmente“ geschrieben hatte. In diesen Texten hatte Rentzing, der 1989-1992 noch hauptsächlich Jura und Philosophie studierte, rechtskonservative, ja antidemokratische Gesinnung vertreten, die in der Sächsischen Zeitung heute so zusammengefasst wurde: Rentzing hatte dort unter anderem geschrieben, „die demokratische Staatsverfassung lege auf die Freisetzung großer Persönlichkeiten keinen großen Wert. An die Stelle der einsamen Entscheidungen großer Männer setzt man vielfältige Beratungen und Mehrheitsentscheidungen, die letztlich die Nivellierung der Geister fördert‘. Oder: Wer alte Werte anzweifle, dem sollte klar sein, ,dass er auf den Widerstand derjenigen stoßen wird, die an ethnisch und religiös Tradiertem festhalten wollen – allen Anfeindungen und Verleumdungen zum Trotz!‘ Oder: ,Die neuzeitliche Frage nach den Menschenrechten ist unprotestantisch.“

Besonders Zitate wie diese schürten Empörung und lösten, als sie in den Tagen nach der Erklärung Rentzings öffentlich wurden, ein großes Bedürfnis aus, der Bischof möge sich erklären. Sicher, es sei lange her, sicher, er habe sich bestimmt geändert, aber etwas genauer wollte man es doch wissen! Doch Rentzing tauchte in den Urlaub ab und war für niemanden zu sprechen – noch nicht mal für die Leitung seines Kirchenamtes und seine Pressestelle.

Kurz nach seinem Abtauchen wurde eine Gegenpetition veröffentlicht, in der Rentzing als Opfer bezeichnet wurde und seinen Rücktritt vom Rücktritt erreichen wollte. Das Portal citizen.org ermöglicht allerdings Mehrfachnennungen und anonyme Einträge, was die Zahl der innerhalb eines Monats eingegangenen über 20.000 Einträge in ihrer Bedeutung deutlich relativiert.

Anlässlich der gestrigen Eröffnung der Sächsischen Landessynode hatte sich Rentzing zur Verabschiedung im Gottesdienst und zu einer ausführlicheren Erklärung vor der Synode und der im Gottesdienst versammelten Gemeinde bereiterklärt. Entpflichtet wurde Rentzing zuvor von Ralf Meister, dem Landesbischof aus Hannover, seit 2018 auch Leitender Bischof der Vereinigten Evangelisch-Lutherischen Kirche Deutschlands – kurz VELKD.

In seiner tiefsinnigen Predigt setzte der Leitende Bischof klare Signale: „Petitionen über Personen sind gnadenloses Gift“ – damit teilte er klar gegen die Mittel beider Seiten aus. Aber dann warnt er vor einer falsch verstandenen Innerlichkeit: „Christliche Existenz, so Meister, sei immer eine „verantwortliche Existenz in der Welt, wie wir sie vorfinden. Und ,Verantwortung bedeutet, dass die Ganzheit des Lebens eingesetzt wird…‘ sagt Dietrich Bonhoeffer. Das heißt: Es gibt keine ausgegrenzten Bezirke religiöser Zuständigkeit, sondern die ,ganze Alltagswirklichkeit der Welt‘ muss im Blick sein. Es liegt ein Grundfehler darin, wenn wir unseren Glauben auf seine Innerlichkeit reduzieren. Oder ihn auf bestimmte Lebensbereiche reduzieren.“  Wer Ohren hat, zu hören, der konnte bei Meister durchaus ein respektvolles, aber klares „contra Rentzing“ wahrnehmen und zwar dergestalt: Eine Kirche, die verantwortlich in unseren Tagen agiert, kann nicht nicht auf unsere Zeitläufte sensibel und wachsam reagieren! Suaviter in modo aber durchaus fortiter in re

Nun aber war Rentzing selbsr an der Reihe (Vollständiger Text siehe unten). Als das machtvolle Orgelnachspiel „Litanies“ des französischen Komponisten Jehan Alain (1911-1940) dröhnend verklungen war, begann der gerade Entpflichtete mit der sympathischen Klarstellung: „In meiner Verkündigung habe ich immer sehr, sehr viel Wert darauf gelegt, dass der christliche Umgang mit dem Leben nicht darin besteht, die Schuld bei anderen zu suchen, sondern zu allererst darin, bei sich selbst anzufangen. Und das gilt natürlich auch für mich selbst.“

Bevor Rentzing dann aber bei etwaiger Selbst-Schuld stehenblieb, stilisierte er sich zunächst als Opfer lang geplanter Machenschaften: „man“ sei schon „seit langem auf der Suche nach einem Angelhaken in meinem Leben (…). So erfuhr ich erst in der Hochphase der öffentlichen Erregung davon, dass bereits vor über anderthalb Jahren ein Kommilitone meines damaligen Jurastudiums, zu dem ich seit über dreißig Jahren keinen Kontakt mehr hatte, auf mich hin befragt worden war. Er meldete sich bei mir und sagte mir, dass er überhaupt erst jetzt verstehe, weshalb er damals auf mich angesprochen worden sei. Man hat gesucht und schließlich hat man gefunden.“

Erst nach dieser Stilisierung räumt Rentzing fehlerhaftes Verhalten ein – allerdings nur in seiner Kommunikation: Er sei mit der Situation „überfordert“ gewesen und, „bitte um Verzeihung für alle falsche beziehungsweise unzulängliche Kommunikation nach innen und nach außen.“ Das war’s schon mit der Buße. Recht ausführlich stellte Rentzing dann seine jugendliche Politisierung im West-Berlin vor 1989 da, seine Verzweiflung an der fehlenden deutschen Einheit und seine politischen Gedanken in den Jahren um 1990, die dann Eingang in die Fragmente-Texte gefunden haben, die in das „Visier der Öffentlichkeit“ sind.

Rentzing führt die „demokratiekritischen Gedanken“ seiner damaligen Texte auf die Lektüre von Alexis de Tocqueville und Edmund Burke („zwei geistesgeschichtliche Größen der europäischen Geschichte“) zurück. Dann spielt Rentzing auf den baden-württembergischen Ministerpräsidenten Wilfried Kretschmann und Joschka Fischer an, indem er sagt: „In meiner Hosentasche befand sich keine Maobibel. Ich habe nicht dem afrikanischen Diktator Idi Amin gehuldigt und schon gar nicht einem Menschenschlächter wie Pol Pot. So, wie es ein amtierender Ministerpräsident der Bundesrepublik Deutschland in seiner Jugend getan hat. Auch habe ich keine Polizisten auf der Straße verprügelt, wie ein ehemaliger Außenminister der Bundesrepublik. Gnadenlosigkeit aber habe ich erfahren.“  Nein, er Rentzing, habe lediglich seine „jugendliche(n) Gedanken“ geäußert. Und zur Verteidigung derselben merkt er noch an, „dass jede echte Kritik nicht darauf zielt, das Kritisierte zu zerstören, sondern zu verbessern.“

Festzuhalten also ist: Noch dreißig Jahre nach seinen jugendlichen Texten verwahrt sich Rentzing dagegen, dass eine Zerstörung der Demokratie damals seine Zielsetzung gewesen sei. Jedoch stellte er auch klar: „Jeder nationale Geist, der sich selbst überhebt und andere Menschen, andere Nationen, andere Völker und Kulturen verachtet und abwertet, widerspricht dem Geist meines Herrn Jesus Christus. Jeder Geist, der die Freiheit der Lebensführung und der Lebensüberzeugungen, sofern diese nicht anderen Menschen Schaden zufügen, in Frage stellt, widerspricht dem Geist meines Herrn Jesus Christus. Mögen andere beurteilen, was dies bezogen auf meine Artikel von vor dreißig Jahren bedeutet. Ich jedenfalls distanziere mich seit über 25 Jahren von allem, was dem Geiste Christi widerspricht.“

Schon diese Passagen zeigten klar, dass Rentzing heutige Reue für seine damaligen Texte nicht für nötig hält. Dies unterfütterte er später in seiner Rede noch theologisch, als er ausführte, dass er sich für das, was er „damals gedacht und geschrieben"  habe, nicht rechtfertigen müsse. Rentzing: „Warum sollte ich auch? Gott ist seinen Weg mit mir damals weitergegangen. Zu der Zeit, als die Artikel entstanden, habe ich mein Theologiestudium begonnen. Jetzt erst fing ich an, nachhaltig in der Bibel zu lesen. Der Horizont öffnete sich vor mir und ganz neue Denkwelten erschlossen sich. Es hat noch Jahre gedauert, bis in die Mitte der 90er-Jahre, bis mein Entschluss feststand, in den landeskirchlichen Dienst zu gehen. Es war der Moment meiner Spätberufung, von der ich später und häufig immer sprach. Von da ab galt meine Loyalität nicht mehr einer Nation, nicht einer Philosophie oder politischen Anschauung. Von da ab galt meine Loyalität Jesus Christus und der Familie Gottes aus vielen Völkern und Nationen. Die Geschichte und Vorgeschichte dazu habe ich nie erzählt. Dies hatte einen einfachen Grund: Ich bin dem Wort des Apostels Paulus gefolgt „das Alte ist vergangen, siehe, Neues ist geworden“ (2.Kor 5,17) und dem Worte Jesu „wer seine Hand an den Pflug legt und sieht zurück, der ist nicht geschickt für das Reich Gottes.“(Lk 9,62).“

Erster Applaus etwa eines knappen Drittels der etwa 500 Besucherinnen und Besucher des Gottesdienstes kam auf, als Rentzing sagte, er hätte sich bei der Bewertung seiner Artikel aus jungen Jahren „mehr Sorgfalt“ gewünscht. Er sei „weit, weit entfernt, irgendjemandem daraus aus einen Vorwurf zu machen“, aber er hätte sich gewünscht, „dass wir mit diesen Texten so umgehen, wie wir als Kirche immer mit Texten umgehen, nämlich historisch-kritisch.“ Denn nur so könne man „den wahren Inhalt einer Schrift annäherungsweise erfassen und einordnen.“ Für gewisse Kreise bestimmt eine gelungene Pointe. Zweifelhaft ist, ob sich Rentzing bei seiner Bewertung von Homosexualität anhand biblischer Kriterien auch von historisch-kritischer Bibelexegese leiten lassen würde...

Sicher, so Rentzing weiter, die „öffentliche Bedeutung“ des Amts des Landesbischofs, das er seit 2015 innegehabt habe, setze ihre „eigenen Rahmendaten“. Darin liege „ein zerstörerisches, sogar vernichtendes Potential, das ich bisher nur vom Hörensagen her kannte. Nun haben es meine Augen gesehen und meine Familie und ich haben es am eigenen Leibe erfahren. Was meiner Familie aufgrund der Art und Weise der öffentlichen Diskussion über meine Person angetan wurde, das kann wohl nur sie selbst ermessen.“ Dann zitiert Rentzing seine Töchter, unter anderem mit den Worten: „In dem Moment, als ich in der Tagesschau las, dass mein Vater rechtsextrem sei, brach für mich eine Welt zusammen. Wie können Mitglieder der Kirche, Nachfolger von Jesus so etwas initiieren? Das ist Rufmord, Verleumdung.“

Hier brandet erneut Applaus in der Kirche auf. Allerdings nahm es Rentzing hier mit der Wahrheit nicht so genau: In der Veröffentlichung der Tagesschau war immer nur von „rechtsextremen Texten“ die Rede, aber für seine Anhängerschaft, die weiter an ihm festhalten will, und für ihn sind solche Differenzierungen anscheinend nicht interessant. Und ob es geschmackvoll ist, die eigenen Kinder in dieser Sache vorzuschicken, kann bezweifelt werden.

Wenigstens stellte Rentzing klar, dass er nicht zum Rücktritt gedrängt worden sei, sondern von sich aus das Amt niedergelegt habe, da er seiner Kirche eine Diskussion um einen vermeintlich rechtslastigen Bischof nicht zumuten habe wollen. Damit dürfte er mancher Legendenbildung, die sich in den vergangenen Wochen ihren Lauf nahm, den Boden entzogen haben. Auch sicherte Rentzing zu: „Meiner Nachfolgerin oder meinem Nachfolger möchte ich schon jetzt zurufen, dass sie meiner unbedingten Loyalität gewiss sein können.“

„Ich gehe heute nicht im Zorn. Ich gehe heute im Frieden“, sagte Rentzing gegen Ende seiner gut 20-minütigen Ansprache. Ob das wirklich so ist?

Fast skurril mutete an, dass Rentzing preisgab, er habe im letzten Wahlgang der Bischofswahl 2015 nicht sich selbst, sondern seinen Konkurrenten Tobias Bilz gewählt, weil er in ihm „einen geeigneten Kandidaten“ gesehen habe. Dann aber teilt Rentzing nochmal aus: Von Anfang an“ sei das knappe Ergebnis der Wahl von 2015 „von einer kleinen Gruppe in der Landeskirche nicht akzeptiert und unter die Hermeneutik des Verdachts gestellt worden. Formen der politischen Agitation und des politischen Kampfes sind dabei zur Anwendung gekommen, die schon im Bereich der Politik verderbliche Wirkung entfalten können. Im Bereich der Kirche aber zerstören sie das Entscheidende: Die kirchliche Gemeinschaft.“

Darin mag ein Korn Wahrheit stecken, denn als Rentzing sagte, „es gibt keine progressive, keine liberale und auch keine konservative Kirche. Es gibt nur die Kirche unseres Herrn Jesus Christus. Diesem Christus nähern wir uns von verschiedenen Seiten und bilden doch durch Ihn eine Gemeinschaft“,  beschrieb der Landesbischof a.D. präzise die Herausforderung, vor der die real existierende Volkskirche der zwanzig Landeskirchen im Verbund der EKD steht.

Die kirchlich Verantwortlichen in Sachsen stehen nun vor der Aufgabe die Grabenkämpfe in der Landeskirche zu befrieden. Eine Aufgabe, um die sie nicht zu beneiden sind. Keine leichte Aufgabe ist es auch, eine geeignete neue Person für das Amt des Landesbischofs oder der Landesbischöfin zu finden. Schnell muss es gehen, denn bereits am 29. Februar 2020 soll auf einer außerordentlichen Tagung der Landessynode die Wahl stattfinden.

Ob der neue Landesbischof oder die neue Landesbischöfin mal mit mehr als einer Stimme Mehrheit gewählt werden wird? Wer weiß, jedenfalls wird am 8. März, also nur eine Woche danach eine neue Landessynode gewählt. Wahlberechtigt dafür sind alle Kirchenvorsteher und Kirchenvorsteherinnen der Landeskirche, sowie alle ordinierten Theologinnen und Theologen, auch die, die sich schon im Ruhestand befinden.

Der sächsische Landeskirche ist auf diesem Weg alles Gute zu wünschen. Möge wahr werden, was in der ersten Strophe des ersten Liedes des gestrigen Gottesdienstes steht: „Herr Jesu Christ, /dich zu uns wend, dein‘ heilgen Geist du zu uns send, mit Hilf und Gnad er uns regier / und uns den Weg zur Wahrheit führ.“ (EG 155,1).

 

Ansprache von Landesbischof a.D. Dr. Carsten Rentzing am Freitag, 15. November 2019, wie er sie in der Martin-Luther-Kirche in Dresden-Neustadt im Wortlaut gehalten hat:

Sehr geehrter Herr Präsident der Landessynode, hohe Synode, liebe anwesende Öffentlichkeit, die ich jetzt nicht protokollarisch korrekt hier begrüßte! Herr Ministerpräsident, Sie waren vorhin noch nicht da, Herr Stellvertretender Ministerpräsident, auch Ihnen hatte ich noch nicht Gelegenheit, die Hand zu reichen. Schön und danke, dass Sie hier sind!

Liebe Schwestern und Brüder, bitte sehen Sie mir nach, dass ich heute, obwohl ich in viele bekannte Gesichter schon geblickt habe und auch jetzt blicke, nicht mit jedem von Ihnen werde sprechen können. Ich werde nach dieser Ansprache überhaupt mit niemandem von Ihnen sprechen können. Es wird andere Orte und andere Gelegenheiten dazu geben, aber seien Sie versichert, ich sehe genau, wer hierhergekommen ist und wer Anteil nimmt an diesem für mich ja nicht ganz unbedeutenden Tag.

Zunächst einmal möchte ich mich bedanken für die würdigenden Worte, die mir hier und heute mit auf den Weg gegeben worden sind und für ihre würdigende Anwesenheit an diesem Gottesdienst. Es tut gut, das so zu erleben. Es war mein Wunsch, noch einmal vor die Landessynode treten zu können, die mich in das Amt des Landesbischofs gewählt hat. Und auch für diese Gelegenheit möchte ich mich ausdrücklich danken.

Wenn ich hier mein persönliches Wort beginne, dann möchte ich festhalten, dass es mir darin nicht darum geht, Schuldige zu finden und mich in falscher Weise reinzuwaschen. Seit 22 Jahren stehe ich im Dienst dieser Landeskirche. In meiner Verkündigung habe ich immer sehr, sehr viel Wert darauf gelegt, dass der christliche Umgang mit dem Leben nicht darin besteht, die Schuld bei anderen zu suchen, sondern zu allererst darin, bei sich selbst anzufangen. Und das gilt natürlich auch für mich selbst.

Als ich vor einigen Monaten darüber nachdachte, unter welches Wort ich meinen Bischofsbericht in diesem Jahr stellen soll, fiel mein Blick auf ein Wort aus dem Johannesevangelium. Dort heißt es: „In der Welt habt ihr Angst; aber seid getrost, ich habe die Welt überwunden.“ Mir erschien dies Wort recht passend für unsere Lage als Kirche und als Gesellschaft. Angst ist ein Menschheitsphänomen. Angst ist ein Warnsignal, das das Überleben von uns Menschen sichert. Aus der Angst heraus können konstruktive Sorge oder aber destruktive Panik erwachsen.

Gerne, sehr gerne, hätte ich über die Sorge um diese Kirche und diese Gesellschaft gesprochen. Eine Sorge, die die Chancen sieht und ergreift, um in eine gute Zukunft zu gehen. Eine Sorge, die unter der Verheißung steht, dass die Angst nicht das letzte Wort ist, das gesprochen wird. Ich habe damals nicht ahnen können, dass dieses Wort für mich schon bald eine ganz eigene existentielle Bedeutung erlangen würde. Als die ersten Vorwürfe hinsichtlich meines früheren Lebens auftauchten, hatte ich noch keine Vorstellung davon, dass es längst um viel, viel mehr ging. Und so antwortete ich lediglich auf die gestellten Fragen. Im Nachhinein war dies ein Fehler, denn so konnte im weiteren Verlauf der Eindruck entstehen, ich wollte weiteres verschweigen, was aber niemals der Fall war.

Wie hätte ich mir auch vorstellen sollen, dass man schon seit langem auf der Suche nach einem Angelhaken in meinem Leben war. So erfuhr ich erst in der Hochphase der öffentlichen Erregung davon, dass bereits vor über anderthalb Jahren ein Kommilitone meines damaligen Jurastudiums, zu dem ich seit über dreißig Jahren keinen Kontakt mehr hatte, auf mich hin befragt worden war. Er meldete sich bei mir und sagte mir, dass er überhaupt erst jetzt verstehe, weshalb er damals auf mich angesprochen worden sei. Man hat gesucht und schließlich hat man gefunden. Und ich war damit überfordert, und ich bitte um Verzeihung für alle falsche beziehungsweise unzulängliche Kommunikation nach innen und nach außen.

Wenn man etwas verstehen will von meinem früheren Leben und von dem Weg, den ich genommen habe, dann muss man ziemlich weit zurück in die Vergangenheit. Und genau davon will ich hier erzählen.
Anfang der 80er-Jahre wurde noch als Teenager mein politisches Bewusstsein erweckt. Ich möchte darin erinnern, dass ich in Berlin-Spandau, in West-Berlin also, geboren und aufgewachsen bin. Auslöser war u.a. die Erschießung eines Flüchtlings an der Berliner Mauer ganz unweit von meinem Wohnort. Die Gräber der Erschossenen hatten mich schon von Kindestagen an begleitet und sich tief in mein Herz eingebrannt.

So wuchs ich auf in einer eingeschlossenen Stadt, die man nicht einfach verlassen konnte, es sei denn über die Transitwege nach Westdeutschland. Manch einer meiner Generation, die keinen anderen Zustand kennengelernt hatte, empfand dies als dauerhaft inakzeptabel für das eigene Leben. Ich gehörte mit dazu. Wir setzten auf ein Ende der kommunistischen Herrschaft, wir setzten auf die Wiedervereinigung Deutschlands. Unsere politische Heimat fanden wir damals in der CDU. Wir machten Wahlkampf für Helmut Kohl und für Eberhard Diepgen, den damaligen Regierenden Bürgermeister von West-Berlin.

Als Ende der 80er-Jahre in der CDU in Westdeutschland, wie zuvor schon in allen anderen Parteien, die Debatte darüber ausbrach, ob man sich nicht den „Realitäten“ fügen und die dauerhafte Zweistaatlichkeit Deutschlands akzeptieren müsste, waren wir als West-Berliner Jugendliche geradezu verzweifelt. Wir konnten und wir wollten diese „Realitäten“ gerade eben nicht annehmen. So wandten wir uns enttäuscht ab von der Parteipolitik und beschäftigten uns mit Grundlagenthemen, die wir für wichtig hielten.

Zwei Jahre später war das Geschichte. Und heute erinnert sich kaum noch jemand daran. Die Bevölkerung in Ostdeutschland, sie hatte die „Realitäten“ selbst in die Hand genommen, und wir konnten unser Glück kaum fassen. Und wir gerieten in einen nationalen Überschwang. Die nationale Frage und die Wiedervereinigung, sie waren für uns keine Fragen der Ausgrenzung und Abgrenzung. Es waren für uns Fragen der Gerechtigkeit und Freiheit für unser eigenes Leben als West-Berliner.

Wie aber sollte es nun weitergehen? Das beschäftigte uns und führte zu den Artikeln, die ins Visier der Öffentlichkeit geraten sind. Bei der Bewertung dieser Artikel hätte ich mir im Nachhinein mehr Sorgfalt gewünscht. Aber ich kenne den Druck, unter dem wir alle zu dieser Zeit standen. Und ich bin weit, sehr weit davon entfernt, irgendjemandem daraus einen Vorwurf zu machen. Vor allen Dingen hätte ich mir gewünscht, dass wir mit diesen Texten so umgehen, wie wir als Kirche immer mit Texten umgehen, nämlich historisch-kritisch. (Applaus!) Denn nur so kann man den wahren Inhalt einer Schrift annäherungsweise erfassen und einordnen.

Eines will ich aber auch an dieser Stelle auch sagen: In meiner Hosentasche befand sich keine Maobibel. Ich habe nicht dem afrikanischen Diktator Idi Amin gehuldigt und schon gar nicht einem Menschenschlächter wie Pol Pot. So, wie es ein amtierender Ministerpräsident der Bundesrepublik Deutschland in seiner Jugend getan hat. Auch habe ich keine Polizisten auf der Straße verprügelt, wie ein ehemaliger Außenminister der Bundesrepublik. Gnadenlosigkeit aber habe ich erfahren.

Ich habe meine jugendlichen Gedanken geäußert. Auf meinem Schreibtisch lagen die Bücher von Alexis de Tocqueville und Edmund Burke, zwei geistesgeschichtliche Größen der europäischen Geschichte. Ihnen entstammen die demokratiekritischen Gedanken, die ohne Zweifel in meine damaligen Schriften Eingang gefunden haben. Dabei möchte ich darauf hinweisen, dass jede echte Kritik nicht darauf zielt, das Kritisierte zu zerstören, sondern zu verbessern.

Ein Zweites füge ich hinzu und möchte unmissverständlich klarstellen: Jeder nationale Geist, der sich selbst überhebt und andere Menschen, andere Nationen, andere Völker und Kulturen verachtet und abwertet, widerspricht dem Geist meines Herrn Jesus Christus. Jeder Geist, der die Freiheit der Lebensführung und der Lebensüberzeugungen, sofern diese nicht anderen Menschen Schaden zufügen, in Frage stellt, widerspricht dem Geist meines Herrn Jesus Christus. Mögen andere beurteilen, was dies bezogen auf meine Artikel von vor dreißig Jahren bedeutet. Ich jedenfalls distanziere mich seit über 25 Jahren von allem, was dem Geiste Christi widerspricht.

Deshalb werde ich auch nichts von dem, was ich damals gedacht und geschrieben habe, rechtfertigen. Warum sollte ich auch? Gott ist seinen Weg mit mir damals weitergegangen. Zu der Zeit, als die Artikel entstanden, habe ich mein Theologiestudium begonnen. Jetzt erst fing ich an, nachhaltig in der Bibel zu lesen. Der Horizont öffnete sich vor mir und ganz neue Denkwelten erschlossen sich. Es hat noch Jahre gedauert, bis in die Mitte der 90er-Jahre, bis mein Entschluss feststand, in den landeskirchlichen Dienst zu gehen. Es war der Moment meiner Spätberufung, von der ich später und häufig immer sprach. Von da ab galt meine Loyalität nicht mehr einer Nation, nicht einer Philosophie oder politischen Anschauung. Von da ab galt meine Loyalität Jesus Christus und der Familie Gottes aus vielen Völkern und Nationen.

Die Geschichte und Vorgeschichte dazu habe ich nie erzählt. Dies hatte einen einfachen Grund: Ich bin dem Wort des Apostels Paulus gefolgt „das Alte ist vergangen, siehe, Neues ist geworden“ (2.Korinther 5,17) und dem Worte Jesu „wer seine Hand an den Pflug legt und sieht zurück, der ist nicht geschickt für das Reich Gottes.“(Lukas 9,62). Auch wollte ich keine subjektive Bekehrungstheologie anhand meiner eigenen Biographie entwickeln. In der sächsischen Kirche sind mir viel zu viele beeindruckende Bekehrungsgeschichten begegnet, als dass ich daneben meine eigene Westbiographie hätte stellen wollen.

Ich bin auch nicht den Weg vom Saulus zum Paulus gegangen. Weder habe ich jemals die christliche Gemeinde verfolgt, noch bin ich Apostel der Kirche geworden, sondern lediglich einer seiner demütigen Diener. Als solcher stand ich die letzten Jahre in einem Amt von hoher öffentlicher Bedeutung. Diese öffentliche Bedeutung setzt ihre eigenen Rahmendaten. Sie ist zunächst ein Segen für die Kirche und das Evangelium, das ihr aufgetragen ist. Allerdings liegt darin auch ein zerstörerisches, sogar vernichtendes Potential, das ich bisher nur vom Hörensagen her kannte. Nun haben es meine Augen gesehen und meine Familie und ich haben es am eigenen Leibe erfahren.

Was meiner Familie aufgrund der Art und Weise der öffentlichen Diskussion über meine Person angetan wurde, das kann wohl nur sie selbst ermessen. Ich bin es meinen Kindern, die die Hauptlast meines Amtes tragen mussten, schuldig, dass sie hier zu Wort kommen. Ich habe es ihnen versprochen und deshalb werde ich dies mein Versprechen halten.

Meine älteste Tochter, die heute nicht hier sein kann, schreibt: „Ich möchte Gerechtigkeit. Ich möchte nicht, dass Menschen für ihre Vergangenheit verurteilt werden oder kapitulieren müssen. Denn dann könnte keiner die Kirche leiten. In dem Moment, als ich in der Tagesschau las, dass mein Vater rechtsextrem sei, brach für mich eine Welt zusammen. Wie können Mitglieder der Kirche, Nachfolger von Jesus so etwas initiieren? Das ist Rufmord, Verleumdung. (Applaus) In meinen Augen einfach nur respektlos. Ich denke, Jesus würde weinen. Ich tue es bereits. Das ist nicht die Kirche, hinter der ich stehe. Das ist nicht der Geist der Wahrheit, für den ich mich als Christin einsetze. Das ist nicht der Glaube, in dem mich mein Vater liebevoll erzogen hat. Und das sollte allen zu denken geben. Am Ende siegt Christus. Darauf verlassen wir uns als Familie. Darauf sollte sich nun auch die Evangelisch-Lutherische Landeskirche Sachsens verlassen.“

Und meine zweite Tochter scheibt: „Wenn ich unsere sächsische Landeskirche ansehe, dann werde ich traurig. Ich sehe den Schaden, den wir angerichtet haben, indem wir anfingen, uns gegenseitig zu verurteilen und dazu die mediale Gewalt missbraucht haben. Wie mit meinem Vater umgegangen wurde, betrübt mich sehr. Ich selbst weiß, wie gut und gerne er seine Arbeit getan hat. Ich weiß, wie viel er für diese Arbeit geopfert hat. Ich glaube, dass etwas in unserer Landeskirche verloren gehen wird. Jeder, der sich Zeit genommen hat, meinen Vater wirklich kennenzulernen, weiß, wie er in Wahrheit ist. Ich kann nicht verstehen, warum wir uns in das politische Spiel des Gegeneinanders verstrickt haben. Ich wünsche mir, dass wir wieder anfangen wie Jesus Christus zu werden. Ich selbst danke Gott, dass er all jenen ihre Sünden vergeben wird, die sich an meinem Vater schuldig gemacht haben. Ich möchte zugleich daran erinnern, dass Gott zwar uns Menschen gnädig ist, aber dennoch die Sünde nicht gutheißt.“ (Applaus)

Als die öffentliche Debatte mit der bevorstehenden Veröffentlichung der Aufsätze von vor dreißig Jahren auf ihren Höhepunkt zulief, stand ich vor einer schwerwiegenden Frage. Rücktritt oder Verteidigung. Ich möchte an dieser Stelle noch einmal betonen, dass ich von niemandem zum Rücktritt gedrängt worden bin. Eher das Gegenteil war der Fall. Ich habe diese Entscheidung allein mit meinem Herrn getroffen. Angesichts der gesellschaftlichen und kirchlichen Lage konnte und durfte ich dieser Kirche, die ich liebe, keine öffentliche Debatte über einen vermeintlich rechtslastigen Landesbischof zumuten. Ich wäre danach auch nicht mehr in der Lage gewesen, mein Amt frei auszuüben. Ich hätte mich nicht mehr darauf verlassen können, dass man meine Worte und Taten akzeptiert, auch wenn man mit ihnen nicht voll übereinstimmt. Davon aber ist das Amt eines Bischofs in der Lutherischen Kirche abhängig. Denn es ist ein Amt „sine vis sed verbo“, wie die Confessio Augustana dazu sagt. Ein Amt ohne weltliche Macht aber mit dem Wort. So bin ich gegangen.

Und ich habe geschwiegen, so schwer es auch zeitweise war. Auch das ist mir zum Vorwurf gemacht worden. Dabei bin ich darin nur einem alten geistlichen Prinzip gefolgt, das heute aus der Welt gefallen zu sein scheint. Für mich aber hat es bleibende Bedeutung. „Rede nicht aus dem Schock heraus und auch nicht aus Wut und Zorn, sondern aus der Stille.“ Genau das wollte ich tun und tue es nun mit diesem persönlichen Wort.

Vor viereinhalb Jahren hat mich diese Landessynode zu ihrem Bischof gewählt. Manchmal wird gesagt, dass das Wahlergebnis knapp gewesen sei. Wir haben die Tradition der Sächsischen Kirche schon vernommen. Verschwiegen wird dann eben, dass dies auch für alle meine Vorgänger galt. Hinzu kommt die Behauptung, dass ich nur durch meine eigene Stimme in dieses Amt gekommen wäre. So will ich hier auch noch mit einem letzten Tabu brechen, der geheimen und freien Wahl. In den letzten Wahlgängen galt meine Stimme meinem Gegenkandidaten Tobias Bilz. Ich wollte mich nicht selbst zum Bischof machen. Und ich sah in ihm einen geeigneten Kandidaten. (Applaus) Die Landessynode hat dennoch mich bestimmt. Sie hat dies nicht getan trotz oder wegen meiner Jugend. Sie hat es getan mit Blick auf einen 18jährigen Dienst in dieser Landeskirche und mein Auftreten vor den Wahlversammlungen. Der Blick auf diesen Dienst zeigt, wofür ich immer stand und stehe.

Von Anfang an ist dieses Ergebnis von einer kleinen Gruppe in der Landeskirche nicht akzeptiert und unter die Hermeneutik des Verdachts gestellt worden. Formen der politischen Agitation und des politischen Kampfes sind dabei zur Anwendung gekommen, die schon im Bereich der Politik verderbliche Wirkung entfalten können. Im Bereich der Kirche aber zerstören sie das Entscheidende: Die kirchliche Gemeinschaft. Diese Gemeinschaft führt uns mit unseren unterschiedlichen Auffassungen in Christus zusammen. Denn es gibt keine progressive, keine liberale und auch keine konservative Kirche. Es gibt nur die Kirche unseres Herrn Jesus Christus. Diesem Christus nähern wir uns von verschiedenen Seiten und bilden doch durch Ihn eine Gemeinschaft. Wenn uns das gelingt, dann könnten wir der Gesellschaft, in der wir leben, ein Vorbild geben. Ein Vorbild des Miteinanders gegen den Geist der Ausgrenzung, der Spaltung und des Unfriedens. Und ich bete zu unserem Herrn, dass dieser Kirche diese Gnade geschenkt werden möge.

Lassen Sie mich zum Schluss noch zwei Bitten äußern. Nach dem Geschehenen können wir nicht zur Tagesordnung übergehen. Wir müssen unseren Umgang miteinander neu besprechen und regeln. Und wir müssen Loyalität zu den Wahlen und Beschlüssen der Landessynode einfordern. Wir sollten dabei klarstellen, dass sich diejenigen, die sich dieser Loyalität verweigern, selbst aus der kirchlichen Gemeinschaft exkommunizieren. (Applaus)

Ein Zweites noch dazu: Fangen wir nicht an, gegenseitig in unseren Biographien herumzuwühlen. Dieser Weg wäre menschlich und geistlich verheerend. Jesus Christus ist gegenüber Menschen niemals diesen Weg gegangen, und dieser Weg fände niemals seinen Segen. Ich bitte darum nicht mehr für mich. Ich bitte darum für alle meine Nachfolgerinnen oder Nachfolger im Amt.

Ich gehe heute nicht im Zorn. Ich gehe heute im Frieden. Ich liebe diese Kirche, trotz alledem. Ich habe dieser Kirche unendlich viel Gutes zu verdanken. Mein Glaube hat sich in dieser Kirche weiter vertieft. In großer Freiheit durfte ich meinen Dienst tun. In zahllosen Begegnungen habe ich wunderbare Menschen kennengelernt, die mit großer Treue zu Christus und zu dieser Kirche stehen. Mir war es in den letzten Jahren vergönnt bei vielen internationalen Begegnungen auf die lutherische Weltgemeinschaft zu treffen. Und ich habe mich nach Kräften bemüht, die sächsischen Kontakte zu dieser Weltgemeinschaft kontinuierlich auszubauen. Sie erweitern unseren Horizont und führen uns heraus aus den Beschränkungen unserer Sorgen, unserer Nöte und unserer Welt. Ich würde mich freuen, wenn dieses Werk fortgesetzt würde. Zum Segen für diese Kirche.

Um Vergebung bitte ich für alles, was ich an Worten und Taten schuldig geblieben bin. Ich habe versucht, mein Bestes zu geben. Meiner Nachfolgerin oder meinem Nachfolger möchte ich schon jetzt zurufen, dass sie meiner unbedingten Loyalität gewiss sein können. Ich gehe meinen Weg mit Christus in dieser Landeskirche weiter. Und ich fordere uns alle auf, es mit mir gemeinsam zu tun. Christus ist treu, so fehlbar und schwach wir Menschen auch sein mögen. Er segne und schütze die sächsische Landeskirche. Er bewahre ihre Einheit. Ich danke Ihnen! (Applaus)

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Erklärung der 27. Landessynode der Evangelisch-Lutherischen Landeskirche Sachsens anlässlich des Rücktritts des Landesbischofs:

„Denn wie der Leib einer ist und hat doch viele Glieder, alle Glieder des Leibes aber, obwohl sie viele sind, doch ein Leib sind: so auch Christus. Denn wir sind durch einen Geist alle zu einem Leib getauft.“ (1. Korinther 12,12-13a)

Diese Wahrheit bleibt trotz aller Konflikte bestehen. Deshalb schreibt Paulus nach Korinth eine Aussage über die Gegenwart und keine Aufforderung für die Zukunft. Wir halten es für wichtig, gerade auch in der gegenwärtigen Situation unserer Landeskirche daran festzuhalten. In allen Unterschieden und Konflikten trägt uns eine geistliche Basis: Die Gemeinschaft aller Schwestern und Brüder gründet in der gemeinsamen Zugehörigkeit zu Christus.

Die Landessynode hat den Rücktritt von Dr. Carsten Rentzing als Landesbischof und die damit verbundenen Diskussionen mit Betroffenheit zur Kenntnis genommen. Nicht alles wird sich klären lassen. Vieles wird offen bleiben. Als Landessynodale nehmen wir auch unter uns keine einmütige Beurteilung der Ereignisse der letzten Wochen wahr. Wir klagen über die entstandenen Verwerfungen. Mit unseren Fragen treten wir vor Gott, erkennen unsere Unvollkommenheit und bitten um Vergebung.

Im Anschluss an die Würdigung durch den Synodalpräsidenten Otto Guse im Gottesdienst am 15. November 2019 blickt die Landessynode mit Dankbarkeit auf das Wirken von Dr. Carsten Rentzing als Landesbischof zurück. Ihm war die Einheit unserer Landeskirche ein zentrales geistliches Anliegen. Stets ist er dafür mit hohem persönlichem Einsatz eingetreten.

Diesem Anliegen weiß sich die Landessynode weiterhin verpflichtet und stellt in Bezug auf die Erklärung der 27. Landessynode vom 17. April 2015 fest, dass der dort formulierte Anspruch im Kontext des Rücktrittes des Landesbischofs nicht eingelöst wurde:

„Im Blick auf unser zukünftiges Miteinander in der Ev.-Luth. Landeskirche Sachsens betrachten wir es als eine wichtige Aufgabe, weiter an einer von Respekt und Wertschätzung getragenen Debattenkultur zu arbeiten. Wir haben gelernt, dass der Wille zur Gemeinschaft auch mit Schmerzen und Mühen verbunden ist. Wichtig ist, dass wir einander trotz unterschiedlicher Positionen nicht verurteilen. Nur dann wird das Bemühen um Einheit glaubwürdig sein. Und nur dann kann der Streit dem Zueinanderkommen und Beieinanderbleiben dienen.“ (Drucksache Nr. 42, Punkt 5).

Deshalb bitten wir,

• für die Einheit unserer Landeskirche und füreinander zu beten,

• Beichte, Gnade und Vergebung als Weg zu einem Neuanfang zu sehen,

• einen respektvollen Umgang miteinander zu pflegen, der es ermöglicht, auch kontroverse Positionen ins Gespräch zu bringen, ohne dabei den Gesprächspartner persönlich zu verletzen,

• dem Gesprächspartner in seiner jeweiligen Situation in Demut und Geschwisterlichkeit zu begegnen,

• die Ereignisse der letzten Wochen auch als Chance zu nutzen, um zu einer Gesprächs- und Kommunikationskultur in unserer Landeskirche zu kommen, die klar, transparent und verlässlich ist,

• die Gremien und Ämter der Landeskirche und die Ausübung der ihnen übertragenen Aufgaben zu achten,

• den Reichtum im Anderen für unser Leben, Bekennen und Verkündigen unseres Glaubens an Jesus Christus zu entdecken.

In Übereinstimmung mit der Generalsynode der VELKD mahnen wir einen achtsamen Umgang mit Sprache an, den Verzicht auf Verletzung und Herabwürdigung des Gegenübers, Sorgfalt im Umgang mit allen Medien und den Mut, nötige Auseinandersetzungen zu führen, wo sie dem Ziel des Friedens dienen. Öffentliche Petitionen gegen Personen und Amtsträger sind in diesem Zusammenhang kein Mittel zur Klärung von Sachfragen und beschädigen unsere Strukturen.

Darüber hinaus bitten wir, den Buß- und Bettag am 20. November 2019 mit seinen vielfältigen Angeboten in unserer Landeskirche auch als Gebetstag für das Verständnis untereinander und für die Einheit unserer Ev.-Luth. Landeskirche zu nutzen.

Wir vertrauen darauf, dass Gott gerade in diesen Tagen und Wochen unter uns wirken und uns zu neuer Einheit führen kann.

Dresden, am 16. November 2019

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