Warten auf Kairos

EKD-Ratsvorsitzender fordert „Frömmigkeit und gesellschaftliches Engagement“

Vergangenheit und Zukunft, Ost und West, politisches Engagement und geistliche Erneuerung: In seiner Auftaktrede zur EKD-Synode zeigte Ratsvorsitzender Heinrich Bedford-Strohm erneut sein Talent als rhetorischer Brückenbauer. Was war aber mit den Themen, die in jüngster Zeit für Unruhe sorgten?

Chronos war kein Sympathieträger. In der griechischen Mythologie stand er, später oft dargestellt mit Stundenglas und Sichel, für das unbarmherzige Fortschreiten der Zeit. Er erinnerte stets an die Vergänglichkeit und die Begrenztheit der eigenen Lebenszeit, daran das alles ein Ende hat. So gesehen war es ganz passend, dass die Synodalen der Evangelischen Kirche in Deutschland dieser Figur zum Auftakt ihrer Tagung in Dresden in der Rede des Ratsvorsitzende Heinrich Bedford-Strohm begegneten. Nicht, dass Protestanten nicht grundsätzlich um die Vergänglichkeit ihres eigenen Lebens wüssten. Aber auch die Zeit der Kirche, zumindest so, wie wir sie kennen, scheint abzulaufen. Die Freiburger Forscher, die im Frühjahr ihre Prognosen zur zukünftigen Mitgliederentwicklung der großen Kirchen in Deutschland vorstellten, hatten zwar weder Stundenglas noch Sichel dabei, dafür aber unbarmherzige Zahlen: Bis 2060 wird die Zahl der Kirchenmitglieder um die Hälfte sinken. Die Gründe dafür sind bekannt: Demographie, Individualisierung, Verlust der volkskirchlichen Bindung. Wie soll Kirche darauf reagieren?

Heinrich Bedford-Strohm setzte dem Prinzip des Chronos das der mythologischen Figur Kairos entgegen, der Jüngling mit Flügeln, der stets auf Zehenspitzen umherhuscht, nicht zu fassen und doch so wirkungsvoll ist, wenn er auftaucht. Dann zündet der „göttliche Funken“, der plötzlich etwas in Gang bringt, was sonst nicht gelingen will. „Für uns als Kirche heißt das: Warten lernen auf solche Kairos-Momente“, mahnte Bedford-Strohm. Denn die größte Herausforderung für die Kirche sei ja  nicht, dass sie zu wenig tue, sondern, „zu wenig hören, auf Gott hören, seinen Wegen nachspüren und unser Tun darauf ausrichten, den Erfolg unseres Tuns in seine Hand legen“. Was aber nicht bedeute, die Hände in den Schoß zu legen. „Niemand sollte Aktivität und Kontemplation gegeneinander ausspielen.“

Damit reagierte Bedford-Strohm auf die immer wieder auch an ihn gerichtete Kritik, dass Kirche zu politisch agiere (und dabei etwa bei der Klima- und Flüchtlingspolitik eher linksliberale Positionen vertrete), darüber dann aber die Verkündigung des Evangeliums vernachlässige. Zu beiden Themen bezog Bedford-Strohm deutlich Position, verwies aber zunächst auf das Beispiel der Kirchen in der DDR und ihre Rolle bei der politischen Wende vor dreißig Jahren. Die „enge Verbindung von Frömmigkeit und gesellschaftlichem Engagement“ sei eine der wichtigsten Erfahrungen, die heute genauso aktuell sei wie damals und die Evangelische Kirche in Deutschland von der Kirche der DDR aufnehmen könne. Dass eine solche Kirche „eigentliches unmöglich Scheinendes erreichen kann, wenn Gott den Kairos dazu schenkt, haben wir vor dreißig Jahren erlebt“.

Kairos für den Klimaschutz 

Damit goss der Ratsvorsitzende nicht nur Balsam auf die Seelen der ostdeutschen Synodalen, sondern nahm dem Bild der kommenden Kirche als „Minderheitenkirche“ die graue Firnis. Die Zukunft der Kirche entscheide sich nicht an ihren Mitgliedschaftszahlen, sondern an ihrer „im Evangelium gegründeten Ausstrahlungskraft“. Dass dies für ihn auch eine klare politische Haltung einschließt, macht der Ratsvorsitzende deutlich. Er positionierte sich deutlich gegen Antisemitismus und Rechtradikalismus und forderte von der Bundesregierung ein Nachbessern des beschlossenen Klimapakets. "Das öffentliche Aufrütteln, das auch wir als Kirchen seit Jahrzehnten immer wieder vergeblich versucht haben, scheint jetzt durch den Anstoß einer 16-jährigen Schülerin aus Schweden gelungen zu sein. Es könnte sein, dass wir nun tatsächlich an der Schwelle der Großen Transformation stehen, von der auch in den Papieren und Stellungnahmen der Kirchen seit Jahren die Rede war." Ein Kairos-Moment also für das Klima, der nicht ungenutzt vorbeigehen sollte...

Vergangenheit und Zukunft, Ost und West, politisches Engagement und geistliche Erneuerung – in seiner Auftaktrede zeigte Bedford-Strohm erneut sein Talent als rhetorischer Brückenbauer. Was war aber mit den beiden konkreten Themen, die in jüngster Zeit für Unruhe sorgten, der Einsatz der EKD für ein weiteres Schiff zur Rettung schiffbrüchiger Flüchtlinge und der Rücktritt des sächsischen Landesbischofs Carsten Rentzing wegen rechtsnationaler Schriften, die er in seiner Jugend verfasste?

Rettungsschiff auf Kurs

Beim Rettungsschiff blieb Bedford-Strohm auf Kurs und kündigte den Start einer Spendenkampagne für den 3. Dezember an. Gemeinsam mit der Organisation „Sea Watch“ und anderen soll dann möglichst im kommenden Jahr ein Schiff erworben werden. Die bisherigen Reaktionen auf das Vorhaben sieht der Ratsvorsitzende eher als Ermutigung an, auch wenn es kritische Stimmen gebe. Diese seien allerdings deutlich in der Minderheit, zumindest mit Blick auf die Briefe, die die EKD dazu erreichten.  „Doch wie soll man mit dieser Minderheit umgehen“, fragten auch einige Synodale in der anschließenden Diskussion. So etwa der Synodale Till Vosberg aus Sachsen, für dessen Ehefrau das geplante Engagement der EKD bei der Seenotrettung Anlass war, aus der Kirche auszutreten. „Sind wir für alle Kirchenmitglieder gemeinsam da? Gibt es eine Minderheit, die wir übersehen dürfen? Müssen wir alle  mitnehmen?“ Zwei weitere Synodale äußerten sich ebenfalls skeptisch und fragten danach, ob die EKD nicht nur ein Rettungsprogramm verfolge, sondern weitergehende migrationspolitische Ziele. Die Synode reagierte auf solche Beiträge mit stillem Schweigen, der sonst oft übliche Applaus nach Redebeiträgen blieb aus. Die Synode bestärkte Bedford-Strohm eindeutig in seinem Kurs.

Zur Causa Rentzing äußerte sich Bedford-Strohm in seiner Rede nur indirekt, indem er darauf verwies, dass die sächsische Kirche derzeit durch „eine schwere Zeit“ gehe. „Liebe Brüder und Schwestern hier in Sachsen, danke für Euren besonderen Umgang mit dieser Situation! In Euren Bemühen, die entstandenen Gräben wieder zu überwinden, habt Ihr unsere volle Solidarität und unseren Beistand im Gebet!“ Vor Journalisten verteidigte der Ratsvorsitzende dann seine Zurückhaltung. „Die Situation ist eine sächsische Situation.“ Dann referierte er nochmals seine bisherigen Statements zum Thema und betonte: „Aus diesem ganze Vorgang darf nicht geschlossen werden, dass Konservative keinen Ort in dieser Kirche haben.“ Allerdings hoffe er, dass sich Rentzing nochmal zu den Vorgängen äußert. Dies soll am kommenden Freitag vor der Synode der sächsischen Landeskirche geschehen, vor die  Rentzing treten will. Allerdings sind bislang, so war zu hören, keine Nachfragen der Synodalen  oder der Presse vorgesehen.

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