Auf dem Weg zur Caring Community

Warum sich Kirche und Diakonie im Quartier stärker öffnen müssen
Im Potsdamer Landtag
Kathrin Jütte

Die gesellschaftlichen Transformationsprozesse  der kommenden Jahre können nur bewältigt werden, wenn in den Quartieren und Nachbarschaften alle Akteure zusammenarbeiten. Der Fachtag „Sorgende Gemeinde“ in Potsdam stellt die Demographie und die Potenziale der Kirchengemeinden in den Mittelpunkt. 

Wenn sich Bevölkerungswissenschaftler zu Wort melden, um die demographische Entwicklung in Deutschland zu beschreiben, war das Szenario bislang erwartbar: Die Zahl der jüngeren Menschen sinkt, die der älteren steigt, während die Bevölkerungszahlen insgesamt rückläufig sind. Dass sich diese Prognosen jedoch verändert haben, zeigte sich vor kurzem  bei dem  Fachtag „Sorgende Gemeinde“ im Potsdamer Landtag. Susanne Dähner vom Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung machte unmissverständlich deutlich: Die Bevölkerung in Deutschland wächst und ist mit über 82 Millionen Einwohnerinnen und Einwohnern größer als je zuvor. Also kein Grund zur Sorge? Keineswegs, denn von diesem Wachstum profitieren längst nicht alle, die urbanen Zentren wachsen, während der ländliche Raum an Einwohnern verliert, was sich im Osten des Landes am deutlichsten zeigt. Denn während Leipzig und Dresden so genannte Wachstumsinseln sind, leiden die ostdeutschen Bundesländer seit 1989 unter dem Verlust von 1,8 Millionen Einwohnern. Sie haben das Land verlassen und ihr Glück im Westen gesucht. Gleichzeitig sanken aufgrund von ungewisser Zukunft die Geburtenzahlen. Prognosen zeigen, dass im Land Sachsen-Anhalt bis 2035 mit einem Rückgang der Bevölkerung von 16 Prozent zu rechnen ist, während Leipzig um die gleiche Zahl wachsen wird.

Keine Frage, die Alterung ist das zentrale Thema der ländlichen Regionen. Das macht die Bevölkerungswissenschaftlerin Susanne Dähner in Potsdam deutlich. Doch während auf dem Land der Bedarf an altersgerechter sorgender Unterstützung wächst, schließen dort, wo es am nötigsten ist, Arztpraxen, werden der Öffentliche Nahverkehr und die letzten Einkaufsmöglichkeiten aufgegeben.         

Wie diese Entwicklung begleitet werden kann und was die Kirchengemeinden als Teil einer sorgenden Gemeinschaft mit ihren zahlreichen Ehrenamtlichen leisten können, das war Thema des Potsdamer Fachtags, zu dem die Diakonie Deutschland und Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz sowie die Evangelische Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz eingeladen hatten.

Auch der siebte Altenbericht der Bundesregierung hatte vor zwei Jahren unter dem Thema „Sorge und Mitverantwortung in der Kommune – Aufbau und Sicherung zukunftsfähiger Gemeinschaften“ darauf verwiesen, dass die regionalen Unterschiede in Deutschland in Zukunft eher größer als kleiner werden. Und dass ältere Menschen, die in wirtschaftlich benachteiligten Regionen leben, sich in doppelter Weise von regionaler Ungleichheit betroffen zeigen: zum einen leben sie in strukturschwachen und von Alterung betroffenen Regionen, so dass die Kommune kaum Spielraum hat, über ihre  Pflichtaufgaben hinaus, freiwillige Dienstleistungen oder Infrastruktur anzubieten. Zum anderen haben Menschen in diesen Regionen aufgrund einer tendenziell schlechten Gesundheit einen höheren individuellen Unterstützungsbedarf, so das Fazit der Altenberichtskommission.

Was also können Kirchen und Diakonie leisten, um das Zusammenleben im Quartier zu stärken? Was können sie beitragen, damit sich Alte und Junge begegnen, damit die, die ihre Rechte nicht mehr selbstverständlich wahrnehmen können, trotzdem gehört werden. Und wie können sie Teil einer sorgenden Gemeinschaft (Caring Community) werden?
Die evangelische Theologin und EKD-Oberkirchenrätin a. D. Cornelia Coenen-Marx zeigt in Potsdam auf, wie Kirchengemeinden mit ihrer Infrastruktur und Ortsgeschichte Brücken bauen können. Denn schließlich manifestieren sich in der Gemeinde vor Ort die aktuellen Probleme und genau dort finden sich auch Antworten auf die drängenden Bedürfnisse der Zeit. Ihr Credo: „Das gelingt aber nur, wenn Gemeinden und soziale Träger nicht nur auf den Einzelfall schauen, sondern auf den Lebensraum.“

Sie macht deutlich: Wer bestimmte Zielgruppen unterstützen will, zum Beispiel Demenzkranke, Menschen mit Behinderungen oder Familien in Armut, muss die Angebote verknüpfen. Kommunen, soziale Dienste, Kirchen, Einkaufszentren, Wohnungswirtschaft und  Verkehrsbetriebe müssen sich vernetzen.

Für die Kirchengemeinden heißt das, andere Akteure einladen, mit ihnen in den Austausch gehen und fragen, was der Ort oder das Quartier brauchen. Und Coenen-Marx bringt es auf den Punkt: „Wenn Kirchengemeinden sich auf eine Haltung nicht für, sondern mit den Menschen einlassen, zeigen sie, dass sie wirklich an den Lebenslagen der Menschen vor Ort interessiert sind.“

Die Fakten und das Wissen liegen auf dem Tisch, allein es fehlt an der Umsetzung. Das mahnt  in Potsdam während des Fachtags auch die Göttinger Soziologieprofessorin Claudia Neu an, die sich mit den Themen Demographischer Wandel, Zivilgesellschaft sowie Daseinsvorsorge im ländlichen Raum beschäftigt. Ihre These: Caring Communities  versuchen auf verschiedene Herausforderungen wie Alterung, veränderte Familienstrukturen und Rückzug des Wohlfahrtsstaates aus der Fläche zu reagieren. Diese Gemeinschaften entstehen jedoch nicht aus dem Nichts. Sie brauchen Rahmenbedingungen und finanzielle wie rechtliche Unterstützungssysteme. Denn wenn Orte schon stark überaltert sind, weil jüngere Leute weggezogen sind, wenn öffentliche Infrastruktur fehlt, dann wird es eine Caring Community schwer haben. Claudia Neu steht für ein Soziale-Orte-Konzept, das sich neben der Versorgung auch um den sozialen Zusammenhalt kümmert. Die Soziologin hält nichts von Projektförderung, sondern setzt sich für eine Förderung von Prozessen ein. Und sie betont, dass gerade Menschen in Armutslagen Zugang zu öffentlichen Räumen haben müssen. So sind zum Beispiel Stadtteilläden oftmals die einzigen Orte, die in die Gesellschaft vernetzen.    

 

In Potsdam wird an diesem Fachtag deutlich: Das Miteinander im Quartier, im Kiez und in den Nachbarschaften für alle Generationen kann nur gelingen, wenn alle Akteure wie die Kirche und ihre Diakonie, die Wohlfahrtsverbände, öffentliche Verwaltung und die Menschen selbst  gemeinsam handeln und auftreten. Nur so kann das Leben im ländlichen Raum gestärkt werden. Und: Es geht sicherlich nicht darum, auszufüllen, was der Staat nicht leisten kann. Sondern um Zugehörigkeit, gemeinsame Werte und darum, Verantwortung für den gesellschaftlichen Zusammenhalt zu übernehmen.

 

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Kathrin Jütte

Kathrin Jütte ist Redakteurin der "zeitzeichen". Ihr besonderes Augenmerk gilt den sozial-diakonischen Themen und der Literatur.


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