Gegen eine klimabewegte Ersatzreligion

Extinction-Rebellion-Demonstration in Berlin
Foto: Extinction Rebellion

Das Plädoyer des evangelischen Pfarrers Thomas Zeitler für die radikale Klimaschutzbewegung Extinction Rebellion in zeitzeichen befremdet. Eine apokalyptische Weltuntergangspanik ist nicht angebracht, meint Wolfgang Sander, Professor für Didaktik der Sozialwissenschaften an der Universität Gießen.

Ein Pfarrer bei „Extinction Rebellion“ (XR), der neuen radikalen Klimaschutzbewegung? Auch Pfarrer sind Bürger, also wäre das erst einmal wenig Grund zur Aufregung. Aber Thomas Zeitler ist, wie er auf zeitzeichen.net schreibt, dezidiert „als Pfarrer bei Extinction Rebellion gelandet (...), und nicht nur als Bürger“. Das möge damit zusammenhängen, „dass es tatsächlich eine religiöse Dimension gibt bei XR, die fasziniert.“ Spätestens hier wird es beunruhigend.

Aber der Reihe nach. Extinction Rebellion will den „Klimanotstand“ ausgerufen sehen. Notstand ist bekanntlich ein Zustand, in dem Bürgerrechte außer Kraft gesetzt werden und der Staat sich nicht mehr und nur noch in Grenzen an Recht und Gesetz halten muss. Das fordert XR zwar nicht ausdrücklich und könnte sich insoweit darauf herausreden, die Rede vom Notstand seit nur metaphorisch gemeint. Aber gefordert wird sehr wohl, dass „alle“ politischen Entscheidung, die der Bewältigung der Klimakrise entgegenstehen, zu revidieren seien (wer entscheidet, welche das sind?) und dass der „ökologische Raubbau mit allen Mitteln (!) eingedämmt“ werden müsse.

Konkret gefordert wird von XR, „die vom Menschen verursachten Treibhausgas-Emissionen bis 2025 auf Netto-Null zu senken“. Praktisch gesprochen würde das bedeuten, dass in gut fünf Jahren niemand mehr mit Öl oder Gas heizen, niemand einen Benzin- oder Diesel-PKW fahren und niemand mehr Strom nutzen dürfte, der aus Kohle- oder Gaskraftwerken stammt. Heute decken erneuerbare Energien in Deutschland gerade mal 17 Prozent des Energiebedarfs. Es ist technisch wie politisch unmöglich, diesen Anteil bis 2025 auf 100 Prozent zu erhöhen. Würde die Forderung von XR realisiert, wären der Zusammenbruch des Wirtschaftssystems und bürgerkriegsähnliche Zustände die Folge, gegen die die „Gelbwesten“ in Frankreich nur ein laues Lüftchen sind. Hier wird eine Politik gefordert, die auf den ökonomischen Selbstmord aus Angst vor dem ökologischen Tod hinausläuft. Sie wäre letztlich nur mit diktatorischen Mitteln und mit Gewalt durchsetzbar.

Aber rechtfertigen nicht der drohende Untergang der Menschheit und die notwendige „Rettung des Planeten“ solche Maßnahmen? Muss nicht wirklich die Politik aus ihrem jahrzehntelangen Dornröschenschlaf in Sachen Klimaschutz geweckt werden? Auch das ist schlichtweg falsch. Klimaschutzpolitik gibt es in ersten Ansätzen seit den 1970er-Jahren und kontinuierlich auf globaler Ebene seit der Klimarahmenkonvention von 1992, auf die als besondere Meilensteine das Kyoto-Protokoll 1997 und die Pariser Klimakonferenz 2015 folgten, auf der, wie Zeitler erwähnt, das bekannte Ziel beschlossen wurde, die Erderwärmung auf unter zwei Grad im Vergleich zum vorindustriellen Niveau zu begrenzen. Es gibt jährlich stattfindende globale Klimakonferenzen sowie seit Jahrzehnten eine europäische wie eine deutsche Klimaschutzpolitik. In Deutschland hat sie bewirkt, dass der CO2-Ausstoß von 1.251 Mio. Tonnen im Jahr 1990 auf 866 Mio. Tonnen im Jahr 2018 gesunken ist.

Es trifft aber auch zu, dass sich ab 2020 in Deutschland mit Blick auf die avisierten Zwischenziele für eine weitere Senkung bis zur angestrebten Klimaneutralität im Jahr 2050 eine Schere zwischen diesen Zwischenzielen und der prognostizierten realen Entwicklung öffnet. Insoweit sind Proteste und politischer Druck durchaus verständlich und legitim. Aber das ist etwas anderes als das Gerede vom vorgeblichen drohenden Untergang. Nein, die düstere, „auf Tod und Untergang fokussierte Bildsprache von XR“ ist keineswegs das „Übersetzen von den realistischen Erwartungsprognosen in Bilder“, wie Zeitler meint.

Werfen wir beispielhaft einen Blick in die Zusammenfassung des jüngsten Sonderberichts des Weltklimarats vom September dieses Jahres über die Ozeane und die Eisregionen (Kryosphäre). Was ist hiernach bis Ende dieses Jahrhunderts in diesem Bereich an möglichen Folgen des Klimawandels für die Menschen zu erwarten? Geben wir dem Weltklimarat etwas ausführlicher das Wort und zitieren vollständig die einschlägigen Prognosen – in Klammern wird angezeigt, welches Maß an Vertrauen der Weltklimarat der jeweiligen Prognose einräumt:

„B7. Zukünftige Veränderungen der Kryosphäre an Land werden sich laut Projektionen auf die Wasserressourcen und deren Nutzung wie Wasserkraft (hohes Vertrauen) und bewässerte Landwirtschaft in und flussabwärts von Hochgebirgsgebieten (mittleres Vertrauen) sowie auf die Lebensgrundlagen in der Arktis (mittleres Vertrauen) auswirken. Veränderungen bei Überschwemmungen, Lawinen, Erdrutschen und Bodendestabilisierung werden laut Projektionen das Risiko für Infrastruktur-, Kultur-, Tourismus- und Freizeitgüter erhöhen (mittleres Vertrauen).

B8. Zukünftige Verschiebungen der Verbreitungsgebiete von Fischarten sowie Rückgänge ihrer Bestände und des Fangpotenzials aufgrund des Klimawandels werden sich laut Projektionen auf das Einkommen, die Lebensgrundlagen und die Ernährungssicherheit von Gemeinschaften auswirken, die von Meeresressourcen abhängig sind (mittleres Vertrauen). Langfristiger Verlust und Schädigung mariner Ökosysteme beeinträchtigt die Rolle des Ozeans im Hinblick auf kulturelle, freizeitbezogene und intrinsische Werte, die für die Identität und das Wohlergehen des Menschen wichtig sind (mittleres Vertrauen).

B9. Erhöhte mittlere Meeresspiegel und Extremwasserstände verschärfen neben der Erwärmung und Versauerung des Ozeans auch die Risiken für menschliche Gemeinschaften in tief gelegenen Küstengebieten (hohes Vertrauen). In arktischen menschlichen Gemeinschaften ohne schnelle Landhebung und auf städtischen Atollinseln werden die Risiken selbst bei einem niedrigen Emissionspfad (RCP2.6) als moderat bis hoch projiziert (mittleres Vertrauen), einschließlich des Erreichens von Anpassungsgrenzen (hohes Vertrauen). Delta-Regionen und ressourcenreiche Küstenstädte werden laut Projektionen im Rahmen eines Pfades mit hohen Emissionen (RCP8.5) nach 2050 mit gegenwärtiger Anpassung ein hohes Risikoniveau aufweisen (mittleres Vertrauen). Von einer ehrgeizigen Anpassung einschließlich transformativer politischer Steuerung wird erwartet, dass sie Risiko reduziert (hohes Vertrauen), allerdings mit kontextspezifischen Vorteilen.“

Ohne Zweifel sind dies ernsthafte Herausforderungen, und sie rechtfertigen Maßnahmen zur weltweiten Senkung von Emissionen wie auch zur regionalspezifischen Anpassung an Folgen des Klimawandels. Aber hier ist weder vom Untergang der Menschheit noch von einer notwendigen Rettung des Planeten die Rede. Und keineswegs hat der Weltklimarat in alle diese Prognosen „hohes Vertrauen“.

Wir brauchen nüchterne und kluge Politik, aber keine „Arche Rebella“, und wir sollten die Apokalypse dort lassen, wie sie hingehört, in der Offenbarung des Johannes im Neuen Testament. Erst recht brauchen wir keine klimabewegte Ersatzreligion mit Pseudo-Propheten. Aus evangelischer Sicht wäre gegenüber solchen Ersatzreligionen wohl nicht Faszination, sondern Religionskritik angebracht. Denn nicht „der gewaltfreie Aufstand (ist) die letzte Hoffnung, die uns bleibt“, wie Zeitler schreibt, sondern die Zusage Gottes: „Solange die Erde steht, soll nicht aufhören Saat und Ernte, Frost und Hitze, Sommer und Winter, Tag und Nacht.“ (1. Mose 8, 22). Dass diese Zusage heute wie zu allen Zeiten kein Grund dafür ist, die Hände in den Schoß zu legen, versteht sich von selbst.

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