Es hatte, zugespitzt gesagt, etwas von einem Exorzismus, als Irmgard Schwaetzer, die Präses der Synode der Evangelischen Kirche in Deutschland, Mitte September ans Rednerpult des überaus prächtigen Festsaals der Wartburg über Eisenach trat. Sie fackelte nicht lang, sondern sagte so eindrücklich wie trocken: Der Protestantismus in Deutschland sei hier zwischen 1939 und 1945 in die Irre gegangen, habe seine Augen verschlossen und Schuld auf sich geladen. Denn hier sei versucht worden, Gott zu einem Arier zu machen „aus voller Überzeugung“.

„Gott zu einem Arier machen“ – was ist darunter zu verstehen? Im edlen Hotel gleich neben der Wartburg wurde vor achtzig Jahren unter einer großen Hakenkreuzfahne das so genannte Entjudungsinstitut gegründet, das offiziell „Institut zur Erforschung und Beseitigung des jüdischen Einflusses auf das deutsche kirchliche Leben“ hieß. Die bis 1945 existierende kirchliche Einrichtung wurde ins Leben gerufen von elf deutschen Landeskirchen. Das Ziel der Einrichtung: das Christentum zu „entjuden“. Oder anders gesagt: aus Jesus einen Nicht-Juden zu machen.

Welche absurden intellektuellen Pirouetten die Theologen dafür unternehmen mussten, schlimmer noch: wie sie zu theologischen Schreibtischtätern des millionenfachen Mordes an den europäischen Juden wurden – das waren zwei zentrale Fragen einer großen wissenschaftlichen Tagung, die gerade hier an der Wartburg, drei Tage lang zum Thema „Entjudungsinstitut“ stattfand. Zugleich wurde im Eisenacher Lutherhaus eine neue Sonderausstellung zur Geschichte des pseudowissenschaftlichen Instituts eröffnet, unter Beisein illustrer Ehrengäste wie etwa des thüringischen Ministerpräsidenten Bodo Ramelow (Linke) und des Präsidenten des Zentralrats der Juden in Deutschland, Josef Schuster.

Kaum bekannt

Noch nie hat sich eine Tagung so intenstiv mit dem „Entjudungsinstitut“ beschäfigt, das bis heute kaum bekannt ist. Und ein Name fiel dabei immer wieder, der des evangelischen Theologen Walter Grundmann (1906 – 1976). Der Professor für Neues Testament in Jena war nicht nur förderndes SS-Mitglied, sondern auch Initiator und wissenschaftlicher Leiter des Eisenacher Instituts. Diese „Forschungseinrichtung“ hatte 180 Mitarbeiter, darunter zwei Dutzend Professoren, wenn auch wenige hauptamtlicher Angestellte.

Die Argumentation Grundmanns war abenteuerlich und rassistisch. Jesus sei, so der Theologe 1940, ein nichtjüdischer Galiläer gewesen. Denn: „Die Unterwerfung der Galiläer unter die Juden erfolgte durch Zwangsbeschneidung und Zwangsannahme der jüdischen Religion. Wer sich weigerte, wurde von seinem Boden vertrieben … Wenn also die galiläische Herkunft Jesu unbezweifelbar ist, so folgt auf Grund der eben angestellten Erörterung daraus, daß er mit größter Wahrscheinlichkeit kein Jude gewesen ist, vielmehr völkisch einer der in Galiläa vorhandenen Strömungen angehört hat. Daß er wie die meisten Galiläer von seiner Familie her jüdischer Konfession gewesen ist, die er selbst restlos durchstoßen hat, hatten wir bereits festgestellt.“ In dieser Pseudo-Logik Grundmanns wurde Jesus eine Art galiläischer, nicht-jüdischer Freiheitskämpfer gegen die Pharisäer und das jüdische Establishment der römischen Provinz Palästina um die Zeitenwende – und bezahlte diesen Kampf mit seinem Tod am Kreuz.

Daran ist zu sehen: Es waren, wie Präses Schwaetzer zurecht sagte, NS-Überzeugungstäter, die unter der Wartburg arbeiteten. Und es waren viele. Zu den Jahrestagungen des Instituts kamen von 1940 bis 1942 bis zu sechshundert Teilnehmer.

Dabei wurde, was nicht passte, einfach passend gemacht. Schon 1940 wurde zum Beispiel eine „entjudete“ Bibel mit dem Namen „Botschaft Gottes“ vom Institut veröffentlicht, immerhin mit einer Auflage von 200 000 Stück. Das war nur möglich durch umfassendste Verzerrungen der Heiligen Schrift. Ein Beispiel war die Zensur, die Grundmann und seine Leute vornahmen, um die jüdische Identität Jesu schon bei seiner Geburt zu verschleiern: Aus der Weihnachtsgeschichte nach Lukas entfernten sie die Sätze oder Halbsätze, wonach Jesu (Stief-)Vater Joseph aus „dem Hause und Geschlechte Davids“ stammte. Die Beschneidung Jesu im Tempel wurde schlicht gestrichen.

Ähnlich absurd war die Tilgung jüdischer Bezüge im Evangelischen Gesangbuch. Das Institut gab 1941 ein „entjudetes“ neues Gesangbuch heraus – mit dem Titel „Großer Gott wir loben dich“. Darin wurden etwa im Lied „Wie schön leuchtet der Morgenstern“ die Zeilen „die süße Wurzel Jesse. / Du Sohn Davids aus Jakobs Stamm, / mein König und mein Bräutigam“ umgedichtet in: „uns herrlich aufgegangen. / Du hohe klare Himmelssonn, / du ewge Freud und wahre Wonn“.

„Ein Stück Kriegseinsatz“

So ging das sechs Jahre lang. Auf der Tagung wurde deutlich, dass sich der Ton des Instituts im Laufe der Jahre radikalisierte, wohl auch, weil das NS-Regime die Unterstützung nazifreundlicher Christen – etwa der „Deutschen Christen“ – zum Machterhalt immer weniger nötig hatte und das Institut um so mehr seine Linientreue und antisemitische Radikalität betonen musste. So schrieb Grundmann 1942, die Theologie à la Eisenach stelle „ein Stück des Kriegseinsatzes der deutschen Religionswissenschaft dar“. Die Eisenacher Schreibtischtäter wollten mittöten, zumindest verbal.

Und nach dem Krieg? So gut wie keiner der Mitarbeiter des Instituts zeigte nach 1945 auch nur eine Spur von Reue für ihre ideologisch-theologische Begründung des Völkermords an den Juden Europas. Grundmann etwa log sich 1969 in einem für seine Angehörigen verfassten Buch so raus, dass sich ihm in der NS-Zeit die Frage gestellt habe: „Können wir Christen bleiben …?“ Seine Antwort und die seiner theologischen Mitstreiter sei die Gründung des Instituts gewesen. „Wir hofften mit unserer Arbeit dem deutschen Volk, der deutschen Christenheit und dem Nationalsozialismus einen Dienst zu tun.“ Aus gelegentlichen Konflikten mit höheren, manchmal religionsfeindlichen Nazi-Stellen konstruierte Grundmann und andere die Legende, sie hätten mit dem Institut nur Schlimmeres verhindern wollen.

Keiner der führenden Theologen des „Entjudungsinstituts“ wurden nach 1945 ernsthaft zur Rechenschaft gezogen – die meisten von ihnen landeten wieder weich im Schoß von Mutter Kirche. Grundmann wurde 1954 Rektor des Katechetenseminars in Eisenach, was ihm immerhin noch großen Einfluss auf die Kirche in der DDR gab. Übrigens wurde Grundmann später Inoffizieller Mitarbeiter der Stasi. Es ist eine deutsche Karriere.

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