Detailgetreu

Unvollendete Biographie

Dieses Buch ist eine Schrift über Möglichkeiten, über Potenzialität. Es handelt davon, was Wirklichkeit werden könnte, aber nicht realisiert wurde. Ein Buch über Ansätze im Leben, die Zukünftiges schon erkennen lassen. So wie es im Leben vieler Menschen, vor allem junger Männer, war, die viel zu früh ihr Leben an den Fronten des Zweiten Weltkrieges verloren. Was hätte aus ihnen werden können? Wie hätten sie sich entwickelt? Wie hätten sie in ihrem Beruf gewirkt? Wie wären sie mit ihren Kindern und Familien umgegangen? In jeder europäischen Familiengeschichte gibt es diese abgebrochenen Biografien, diese nicht zu Ende gelebten Leben.

Albrecht Beutel zeichnet das Leben von Erich Klapproth (1912–1943) nach. Er gehörte zu den begabtesten Nachwuchstheologen der Bekennenden Kirche. Am 18. Juli 1943 wurde sein Leben im 31. Lebensjahr an der „Ostfront“ durch einen Granatvolltreffer ausgelöscht. Er war enger Freund Gerhard Ebelings, über den Albrecht Beutel 2012 eine Biografie verfasst hat. Wie Ebeling war auch Klapproth ein Schüler Dietrich Bonhoeffers. Bonhoeffer hielt diesen, Klapproth, für einen seiner begabtesten Schüler, „er war unzweifelhaft derjenige, der am selbständigsten arbeitete, dachte und mithalf“, wie sein Mentor in einer internen Beurteilung festhielt. Klapproth gehörte zu den Absolventen des illegalen Predigerseminars in Finkenwalde. Während seine Weggefährten nach dem Krieg in leitende Positionen der Kirche, der Wissenschaft und der jungen politischen Bundesrepublik aufstiegen, blieb sein Name weitgehend vergessen. Beutels Recherchen in Archiven bringen ans Licht, mit welchen geistlichen Begabungen Klapproth ausgestattet war. Sie lassen nur erahnen, wie sich seine Biografie nach dem Krieg hätte entfalten können. Zu seinen Weggefährten zählten neben Bonhoeffer und Ebeling etwa auch der fast gleichaltrige Albrecht Schönherr, späterer Bischof in Ostberlin, der kaum ältere, spätere Alttestamentler Claus Westermann und Hermann Ehlers, Jahrgang 1903, der seine kirchliche und politische Laufbahn 1950 bis 1954 als Bundestagspräsident beendete.

Mehrfach geriet Klapproth in Konflikt mit dem Nationalsozialismus und wurde inhaftiert. Er gehörte zur Bekenntnisbewegung in Berlin-Brandenburg, war ab 1935 Vikar in Berlin-Wilmersdorf und Prädikant in Alt- und Neuruppin. 1938 amtierte er zunächst als Studieninspektor am Katechetischen Seminar der Goßner-Mission in Berlin-Friedenau, wurde zum Pfarrer ordiniert und fungierte als Vertrauensmann der Bekennenden Kirche von Berlin und der Mark Brandenburg. Ab 1940 erfolgte die militärische Grundausbildung, der sich Kriegsdienst in Flandern, Nordfrankreich und schließlich der Sowjetunion anschloss.

Eindrücklich sind die Gedichte und Briefe Klapproths, die Beutel in einem umfangreichen Anhang mitgibt. Sie bringen zum Ausdruck, wie sehr um einen Weg in und mit der Bekennenden Kirche im Nationalsozialismus gerungen wurde. Ein Gedicht aus Klapproths Zeit als Soldat beginnt so: „Wir tragen noch die Weihe zum Dienst am Heiligtum, doch kämpfen wir aus Treue für Deutschlands Glück und Ruhm.“ Weiter heißt es: „Einst segneten die Hände, – jetzt senden sie das Blei. Ist erst der Krieg zu Ende, dann sind wir wieder frei!“ Diese Freiheit hat er nicht mehr erlebt. Sein Freund Gerhard Ebeling hielt die Traueransprache am 15. August 1943 und zitierte darin auch das genannte Gedicht Klapproths. Ebeling fasst das Leben Erich Klapproths unter dem Bibelwort aus Matthäus 26,71 zusammen: „Dieser war auch mit Jesus von Nazareth.“

Lesenswert ist dieses Buch, weil es Albrecht Beutel gelingt, eine unvollendete Biographie, die sich nicht von einer zur Wirklichkeit gewordenen Potenzialität her deuten lässt, detailgetreu nachzuzeichnen.

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