Versachlichung

Probleme des Zölibats

Der Zölibat sei nicht vom „Wesen des Priestertums selbst gefordert“, aber dem Priestertum in vielfacher Hinsicht angemessen. So formulierte das Zweite Vatikanische Konzil (1962–1965) in seinem 1965 verabschiedeten Dekret über Dienst und Leben der Priester und markierte damit die kirchenamtlichen Eckpunkte für die Zölibatsdiskussion, die in den unmittelbaren Nachkonzilsjahren heftig wogte und auch derzeit wieder die Gemüter bewegt, nicht zuletzt in der katholischen Kirche der Bundesrepublik.

Jetzt hat der auch über seine Zunft hinaus bekannte Münsteraner katholische Kirchenhistoriker Hubert Wolf ein kleines Buch vorgelegt, das Entwicklung und Probleme des Zölibats genau und gleichzeitig griffig geschrieben darstellt. Es handelt sich weder um ein Pamphlet gegen den Zölibat noch um ein Plädoyer für diese priesterliche Lebensform, sondern um gut begründete Thesen zum Zölibat, die gut dazu geeignet sind, die Debatte um dieses „heiße Eisen“ zu strukturieren und zu versachlichen, das übrigens nach wie vor ein Alleinstellungsmerkmal der katholischen Kirche innerhalb der Christenheit darstellt.

Hubert Wolf setzt mit pointierten Bemerkungen zur gegenwärtigen Situation in der Zölibatsfrage und ihren Ursachen ein. Er zeichnet dann die wichtigen Stationen des Wegs vom Neuen Testament, für das verheiratete Amtsträger selbstverständlich sind, über das Mittelalter, in dem auf dem Zweiten Laterankonzil von 1139 die Weihe als trennendes Ehehindernis statuiert wurde, bis zur Reformationszeit – damals wurde der Zölibat zu einem wichtigen konfessionellen Unterscheidungsmerkmal – und zur Kritik am Zölibat in der katholischen Aufklärung nach.

Auf sie folgte eine massive Überhöhung des Zölibats: Die „extreme spirituelle Überhöhung und Quasi-Vergottung des Priesters“ sei typisch für die Verteidiger des Zölibatsgesetzes in der katholischen Kirche seit der zweiten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts und habe ausgerechnet nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil noch einmal einen neuen Höhepunkt erreicht. Weitere Thesen des Buchs gelten der Tatsache, dass in den mit Rom verbundenen „Katholischen Ostkirchen“ die Priester im Regelfall verheiratet sind, und dass zum Katholizismus konvertierte verheiratete evangelische und anglikanische Pfarrer die Priesterweihe mit päpstlicher Dispens empfangen können – sozusagen zwei Breschen in der Festung Pflichtzölibat.

Das Buch weist auf die grundlegende Veränderung der Haltung zu Sexualität und Ehe in der katholischen Kirche seit dem Zweiten Vatikanischen Konzil, wodurch das Sakrament der Ehe nicht mehr gegen das der Priesterweihe gestellt werden könne: Die Ehe mache nicht unfähig zum priesterlichen Dienst, sondern befähige als „Realsymbol der Liebe Christi zu seiner Kirche den Priester vielleicht sogar in besonderer Weise dazu, in der Person Christi für die Kirche zu handeln“. Eigens thematisiert wird auch die verpflichtende Ehelosigkeit als ein Risikofaktor im Hinblick auf den sexuellen Missbrauch durch Priester.

Gleichzeitig macht Hubert Wolf das Argument stark, die katholische Kirche dürfe nicht durch ihr Festhalten am Kirchengesetz Zölibat das Recht der Gemeinde auf die sonntägliche Feier der Eucharistie beschneiden. Er warnt aber im letzten Kapitel „Das alte System ist am Ende“ auch vor Illusionen: Die Entkoppelung von Priestertum und Ehelosigkeit wäre zwar ein Symbol für die Reformbereitschaft der Hierarchie, aber nicht schon die notwendige Reform selbst.

Darüber sollte man sich in der katholischen Reformfraktion klar sein; auch in der ökumenischen Diskussion über die Kirche gäbe es hier genügend Gesprächsstoff.

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