Leidenschaftlich

Die Kirche und die Demokratie

Kann Kirche Demokratie? Das ist der plakative Titel des Buches von Arnd Henze, studierter Theologe, Journalist im ARD-Hauptstadtstudio und Synodaler von EKD und EKBO. Ob sich das „Demokratie-Können“ auf die innere Verfasstheit der Kirche oder auf ihre Existenz im demokratischen Staat bezieht, bleibt zunächst offen. Doch beim Lesen wird rasch klar: Henze kümmern solche Details wenig; Er geht sein Thema breit an und ist dabei getrieben von der Sorge um die Demokratie, die er weltweit in einem „beispiellosen Stresstest“ sieht. Die Machtübernahmen der Präsidenten Donald Trump in den usa und Jair Bolsonaro in Brasilien sind ihm dabei ebenso Grund zur Sorge wie die deutschen Wahlerfolge der Alternative für Deutschland und die „illiberalen“ Demokratien, zu denen sich Mitgliedsstaaten der Europäischen Union wie Polen und Ungarn entwickeln.

Arnd Henzes in sieben Kapitel gegliederte Abhandlung beginnt mit dem „Angriff auf die Demokratie“, in dem Wahlerfolgen der Populisten und ihren Ursachen nachgegangen wird. Wachsender Nationalismus und antidemokratische Einstellungen sind nach seiner Darstellung vor allem Folgen der globalen Finanzkrise. Dass es „unheilige Allianzen“ zwischen Christen und Populisten gibt, beklagt das zweite Kapitel unter anderem unter Bezugnahme auf die (angeblich wahlentscheidende) Unterstützung evangelikaler Kräfte für Donald Trump – ohne allerdings das dafür zentrale Thema Abtreibung anzusprechen. Die beiden nächsten Kapitel widmen sich kritisch den „blinden Flecken“ und dem „toxischen Erbe“ im deutschen Protestantismus, bevor „Aufbrüche“ in das „Lernfeld Demokratie“, Reflexionen über „Glanz und Elend der politischen Predigt“ und ein Appell zum „Mut zur Weltlichkeit“ das Buch beschließen.

Die Breite der behandelten Themen in dem anschaulich und locker geschriebenen Buch erschwert ein Markieren seiner Hauptargumente. Fragezeichen sind vielleicht zu machen beim übergroßen Vertrauen in die segensreichen Kräfte der Zivilgesellschaft, in der die evangelische Kirche eine zentrale, deren Spaltung verhindernde Rolle spielen soll, ebenso beim Appell zum „Mut zum Streit“, dem sogleich die Forderung nach Begrenzung des Debattenraums, ohne „rechten Rattenfängern und Demokratieverächtern ein Podium zu bieten“, folgt.

Auch scheint widersprüchlich, dass Arnd Henze sich der Gefahr der „selbsterfüllenden Prophezeiung“ bei „vorschnellen Nachrufen auf die liberale Demokratie“ bewusst ist, andererseits bei seiner Datenbasis (die unter Experten hinsichtlich ihrer Qualität umstrittenen Leipziger „Mitte“-Studien) einseitig vorgeht. Auch wäre vielleicht der Hinweis angebracht gewesen, dass bereits 1981 die sinus-Studie 14 Prozent der Bewohner der damaligen Bundesrepublik „ein geschlossen rechtsextremes Weltbild“ attestierte. Dass dieses in Wahlen damals keine Folgen zeitigte, während es dies heute tut, liegt an Veränderungen im Parteiensystem, nicht in den Einstellungen.

Solche Kritikpunkte an der Darstellung der Demokratieprobleme sollen jedoch nicht den Blick verstellen auf die interessanten und aus einer Vielzahl persönlicher Erfahrungen gespeisten Anmerkungen zu Partizipation in der Kirche, Problemen der Predigtkultur und Gedanken zu den Herausforderungen der Kirche angesichts des gesellschaftlichen Wandels, die das Buch auch enthält und die sehr lesenswert sind. Die Leidenschaft des Autors für seine Kirche führt ihn zu hohen Ansprüchen, denen die Realität der Gegenwart und noch mehr der Geschichte oft nicht genügt. Aber vielleicht gilt ja auch für die Kirche, was Henze für das gelingende Leben schreibt, nämlich dass es sich „in Widersprüchen, Konflikten und Krisen“ bewährt.

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