100 Paragraphen

Neue Systematische Theologie

Seit 2017 liegen drei Bände vor, in denen in bewundernswerter Stringenz vom Wesen des Christentums gehandelt wird. Eilert Herms, emeritierter Professor für Systematische Theologie an der Universität Tübingen, entfaltet auf dem Boden der reformatorischen Tradition den Zusammenhang von Fundamentaltheologie, Dogmatik und Ethik als der drei Teilbereiche der Systematischen Theologie. Hierbei leitet ihn die Einsicht, dass das „christliche Leben“ als Leben in Wahrheit und aus Gnade erlebt wird.

Die insgesamt einhundert Paragraphen enden mit einem Blick über das irdische Dasein hinaus, der die Zuversicht des christlichen Glaubens auf den Punkt bringt: „Die Bestattung eines Gliedes der christlichen Gemeinschaft ist für diese Anlaß, für das Leben des Verstorbenen zu danken und ihn, aber auch sich selbst, der Treue des Schöpfers, seiner Wahrheit und Gnade zu überlassen.“

Solches Gottvertrauen sogar über den Tod hinaus verdankt sich nach Herms dem Offenbarungshandeln Gottes. Denn Gottes Offenbarung in Jesus Christus durch den Heiligen Geist mache auch die „Bestimmung des Menschseins“ deutlich. „Diese ist das Versöhntwerden des versöhnungsbedürftigen Geschöpfes durch die Christusoffenbarung [...] mit seinem Schöpfer.“ Gottes Absicht, mit dem Menschen in versöhnter Gemeinschaft zu leben, werde nach dem irdischen Dasein im Reich Gottes vollendet.

Es sei dann sämtlichen Menschen nicht nur entborgen, dass sie während ihres Lebens schuldig geworden sind. Es sei ihnen zudem nicht mehr verborgen, dass Gott selbst „die versöhnende Wahrheit“ ist, die heilsam beschämend wirkt und so ein seliges Leben schenkt.

Ein Leben im Bewusstsein der versöhnenden Wahrheit, das dem Christenmenschen hier und jetzt schon eröffnet sei, ist nach Herms ein „Leben aus Gnade“. Denn Gottes Wahrheit sei von der ihm wesentlichen Liebe bestimmt, und diese wiederum ist nach Herms das „absolut Gute“, das das Handeln des einzelnen Christenmenschen wie der christlichen Gemeinschaft leite. In Wort und Tat brächten Christenmenschen ihren Glauben an Gottes treue Liebe zum Ausdruck. Vom „Wortbekenntnis des Glaubens“, das insbesondere im Gottesdienst und seiner zentralen Abendmahlsfeier verortet sei, handelt Herms im dogmatischen Teil. In Kapitel vier folgt die Reflexion des „Tatbekenntnisses“, durch welches das christliche Ethos ausgezeichnet sei. Entscheidend für Herms’ Ethikverständnis ist die Einsicht, dass das Handeln sämtlicher Ethosgemeinschaften, die in einer Gesellschaft zusammenleben, darauf gegründet ist, was jeweils als höchstes Gut angesehen wird.

Dabei sei für die christliche Gemeinschaft gerade aufgrund ihrer Wahrheitsgewissheit nur eine solche das Zusammenleben regelnde Rechtsordnung angemessen, die die Koexistenz aller pluralismusfähigen Ethosgestalten miteinander gewährt. Weil die christliche Gemeinschaft „die innere Autorität der Wahrheit“ anerkenne, strebe sie danach, in friedlicher Weise mit anderen Religions- und Weltanschauungsgemeinschaften zusammenzuleben und sich für das Gemeinwohl einzusetzen. Entsprechend sei es allerdings auch erforderlich, dass der christliche Glaube öffentlich dargelegt werde, und zwar „mit Hilfe von Theologie“. Unter Theologie aber versteht Herms die phänomengerechte Beschreibung der Gegenwart Gottes im christlichen Leben. Für die nötige theologische Orientierung bietet das durch seine Kohärenz bestechende Werk überzeugende Gedankengänge, die beim Lesen immer wieder dazu auffordern, das eigene Leben auf seine Christlichkeit hin zu befragen. Wer wissen will, was das Christentum ausmacht und was Systematische Theologie ist, der kommt an diesem Werk nicht vorbei.

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Foto: Bruno Biermann

Anne Käfer

Anne Käfer ist Professorin für Systematische Theologie und Direktorin des Seminars für Reformierte Theologie an der Westfälischen Wilhelms Universität in Münster.


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