Stehvermögen

Jewish Monkeys vor der Tour

Die gute Nachricht zuerst: Es gibt sie noch. Die bessere: Sie kommen auf Tour (acht Auftritte im November, 17 im März) und haben mit Catastrophic Life ein neues Album im Gepäck. Der Titel kommentiert die Welt, wie es für die Jewish Monkeys typisch ist: Beherzigen, dass schief geht, was schief gehen kann. Bloß sind sie wohl Murphy’s subversivste Jünger, die dessen Gesetz mit sarkastischer Verve und jüdischem Humor die Stirn bieten, verpackt in flotten Balkan-Polka-Klezmer-Punk, der Tanzbein und zu tröstende Seele gleichermaßen triggert, die Lachmuskeln sowieso. Doch wegen vieler Besetzungswechsel fragte man sich schon beim Vorgängeralbum High Words (2017), wie lange es die hierzulande (nur nicht bei Nazis) stabil beliebte und vernetzte, strikt unter dem Charts-Radar fliegende Wuchttruppe aus Tel Aviv wohl noch geben würde.

Weil er mehr Zeit für Veterinärberuf und Familie brauchte, war Mitbegründer Roni Boiko da schon nicht mehr dabei, obwohl er doch für die Band-Fama konstitutiv ist: Er und der Unternehmer Jossi Reich lernten sich bereits Anfang der Siebziger in Frankfurt im Knabenchor der Synagoge kennen. Die Kinder von Shoa-Überlebenden wurden Freunde, zu Jewish Monkeys aber erst, als sie sich in Tel Aviv wiederfanden. Emblematisch war, wie sie „Hava Nagila“ mit Belafontes „Banana Boat“ verbanden und dann den Nahost-Konflikt politisch unkorrekt angingen. Tabufrei texten, tanzen, schwitzen, Spaß haben lautet seither das Versprechen, und Katastrophen sind das Kernthema geblieben, die sich im Alltag zur Genüge finden lassen, bevorzugt in Beziehungen und jenen Dramen, die gern damit einhergehen.

Aber auch der Spaß am selbstironischen Veralbern alter Säcke kommt nicht zu kurz, wobei die nachgewachsenen Mitglieder, so Gott will, und sie leben, da ja auch noch hinkommen – etwa in „Can’t Get It Up“, wo genau dies das Problem ist: prekäres Standvermögen. Sozusagen Männlichkeit, die an ihrer eigenen Ausschließlichkeit leidet – als ob es nur so und nicht anders ginge. Doch herausgehoben sei hier „Le Grand Bazar“ mit verzaubernd pulsenden afrikanischen Rhythmen. Ansonsten dominieren aber wie gehabt Polka-Punk und Punk pur und erfreulicher Posaunensound gegen das allüberall trutzende Jericho knötteriger Verkniffenheit. Schließlich ist die Lage der Welt auch so schon ernst genug. Die Platte ist rund, macht aber vor allem Vorgeschmack. Die Jewish Monkeys sind nun mal durch und durch Live-Band. Tanzen, lachen, schwitzen, wie gesagt. Und eine Wiedergutmachung, die wir eigentlich nicht verdienen. Ganz wie Reich-Kumpel Maxim Biller einmal schrieb: „Hätte Hitler nicht den Krieg fast gewonnen, würde jüdische Popmusik so klingen: naturstoned, schnell und wahnsinnig melancholisch.“

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