Bitte nicht Greta!

Warum Greta Thunberg den Friedensnobelpreis nicht bekommen sollte.

Liebe Mitglieder des Norwegischen Nobelkomitees, ich weiß, Sie haben wahrscheinlich gerade keine Zeit, diesen Text zu lesen. Morgen müssen sie verkünden, wer in diesem Jahr den Friedensnobelpreis bekommt. Ich schreibe diese Zeilen dennoch, denn Klimaschutz ist mir eine Herzensangelegenheit. Und wie man hört, scheint die Sache klar zu sein: Greta Thunberg ist die Favoritin. Doch das wäre ein Fehler.

Dabei bin ich ein großer Fan der Begründerin von Fridays for Future. Ich halte Klimaschutz schon seit langem für die entscheidende Aufgabe unserer Generation (also der von Gretas Eltern) und finde es fantastisch, dass die Aktion eines einzelnen Menschen zu einer weltweiten Bewegung geführt hat, die den Klimaschutz wieder zu einem Spitzenthema der gesellschaftlichen Debatte und der Politik gemacht hat. Und gerade deshalb sollte Greta den Preis nicht bekommen. Denn es droht die Personalisierungsfalle. Die kennen wir auch aus anderen Zusammenhängen, vor allem aus den Medien und ihrem selbstauferlegten Zwang, alle Themen möglichst zu personalisieren. Klar, so lassen sich Geschichten leichter erzählen, emotionalisieren und komplexe Strukturen reduzieren. Deshalb wird aus der Bundesregierung oft „Merkel“, aus Russland „Putin“, aus dem FC Bayern Uli Hoeness und aus Klimaschutz „Greta“.

Richtig daran ist, dass Politik, Sport, Kunst usw. von Menschen gemacht wird und das durch Personalisierung abgebildet wird. Problematisch an dieser Erzählweise ist aber, dass sie oft unterkomplex ist und die Strukturen der Systeme, in denen agiert wird, zu wenig beachtet werden. Dann wird die „Gier der Manager“ zum entscheidenden Problem einer weltweiten Finanz- und Wirtschaftskrise, ohne das dahinterliegende System und Regelwerk zu befragen. Im Falle von Greta bedeutet das: Wir reden viel über sie, ihre Reisegewohnheiten, die Angemessenheit ihrer Worte, ihre Verehrung, die Vor- und Nachteile ihres Asperger-Syndroms beim Einsatz für den Klimaschutz und darüber, ob man letzteres überhaupt thematisieren darf.

Wir personalisieren das Thema noch weiter und rücken unsere eigenen CO2-Bilanzen in den Mittelpunkt, fordern konkreten Klimaschutz beim Einkauf, bei der Reiseplanung und auf dem Weg zur Arbeit. Das ist sinnvoll, aber nur ein Teil der Wahrheit. Der andere ist komplexer und beinhaltet Fragen wie: Warum müssen Menschen in alten Autos mit Dieselmotoren eigentlich lange Wege zur Arbeit auf sich nehmen? Ist ein subventioniertes Elektroauto für diese Menschen tatsächlich die Lösung? Könnte man nicht Wirtschaft und Arbeit so verändern, dass die langen Pendeleien ein Ende haben?  Muss die Arbeit der bestimmende Faktor des Lebens sein? Welche Alternativen gibt es? Welche Werte zählen? Und wer bestimmt sie? Und welche Politik brauchen wir?

Das alles und noch viel mehr sind Fragen, die in der anstehenden und schon stattfindenden großen Transformation unserer Wirtschaft und unserer Gesellschaft wichtig werden. Dieses Thema ist zu groß, um es auf die Schultern einer Sechzehnjährigen zu legen, deren Engagement ohnehin schon mit vielen Preisen bedacht wurde. Unter anderem mit dem alternativen Nobelpreis. Und wenn nun einer Person gleichzeitig der Preis und seine Alternative zugesprochen würde, würde das eine Alternativlosigkeit insinuieren, die wir uns gar nicht leisten können. Denn wir müssen in vielen Alternativen denken, um die Zukunft zu sichern. Und darüber reden und streiten. Und viel weniger über Greta Thunberg.

Also, liebes Komitee, bitte gebt den Nobelpreis nicht Greta Thunberg. Wenn schon Klimaschutz das Friedensthema dieses Jahres sein soll, dann müsste zumindest die gesamte Fridays-for-Future-Bewegung mit ihren vielen tausend ehrenamtlich Engagierten weltweit ausgezeichnet werden. Oder besser noch eine eher unbekannte Gruppe, die sich lokal und konkret für den Klimaschutz einsetzt, Bäume pflanzt oder Moore rettet. Die könnte das stattliche Preisgeld und das Rampenlicht der Welt vielleicht auch sehr gut gebrauchen. Oder wie wäre es mit einem Preis für einen klassischen Friedensstifter wie Abiy Ahmed, den Ministerpräsidenten von Äthiopien, der wesentlich dazu beigetragen hat, dass sich das extrem kriegsträchtige Verhältnis zwischen Äthiopien und Eritrea entspannt hat? Oder für einen Menschen oder eine Organisation, der oder die sich für das Wohl von Geflüchteten einsetzt? Oder für die Pressefreiheit, die weltweit immer stärker bedroht wird? Es gibt nicht nur Greta, die den Preis verdient hätte. Und das ist auch gut so…

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