Zu schwer

Vertrauenscheck mit Jugendlichen
Foto: Markus Konvalin in Lizenz der BRmedia Service Gmbh

Die zu erklimmende Wand ist doch höher als gedacht. Dabei lautete der Programmpunkt auf der Konfifreizeit eigentlich „Niedrigseilgarten mit Vertrauensübungen“. Gut vier Meter schickt die Trainerin die Jugendlichen an einer glatten Betonwand hoch – irgendwie, ohne Hilfsmittel, außer mithilfe der anderen Jungen und Mädchen. Erst schauen wir alle ungläubig. Niemals. Viel zu hoch. Viel zu gefährlich. Doch schnell schmieden die Jugendlichen einen Plan, wie es gehen kann. Die ersten trauen sich und vor allem vertrauen sie den anderen, dass sie gehalten werden. Es funktioniert. Bis der kräftigste, größte Junge dran ist. Die Furcht steht ihm ins Gesicht geschrieben, aber die Gruppe spornt ihn an und macht ihm Mut, so dass er es wagt. Einige schieben von unten, andere ziehen mit aller Kraft von oben. Alle schwitzen, geben ihr Bestes. Es geht trotzdem nicht voran. Irgendwann ruft der Kletterer verzweifelt, hängend zwischen dem sicheren Boden und dem nahen Ziel oben auf dem Plateau: „Nein, das klappt nicht. Lasst mich bitte runter.“ Als er wieder am Boden steht, muss ein anderer Junge natürlich die Chance auf einen Lacher nutzen: „Nee, das kann ja auch nicht klappen. Der ist einfach zu schwer.“ Der angeblich zu schwere Konfi schaut unsicher auf den Boden. Ich halte den Atem an – na, das läuft ja großartig mit unserem Thema Vertrauen, denke ich.

„Vertrauen“ hatte sich das Team in diesem Jahr als Thema der Freizeit gewünscht. Es sollte um das Gottvertrauen gehen, aber auch um Selbstvertrauen, mit dem es trotz aller schicken Insta-Selfies bei den Jugendlichen oft gar nicht so weit her ist. Und nicht zuletzt um das Vertrauen in andere, in dessen erklärte Krise diese jungen Jahrgänge hineingeboren wurden. Wenn das Thema ankommt, so meine Hoffnung als Pfarrerin, dann wäre viel gewonnen – für jeden und jede Einzelne, aber auch, so klein der Tropfen sein mag, als heilsames Gegengift gegen das zerstörerisch grassierende Misstrauen in der Gesellschaft.

Bereits die Vertrauenscheckliste am ersten Abend spiegelt die Herausforderung: Familie und engen Freunden vertraut man sehr, doch schon bei Klassenkameraden kreuzen viele Konfis an, dass sie ihnen wenig bis gar nicht vertrauen. Bei Berufsgruppen wird es noch schwieriger: Manche erzählen von schlechten Erfahrungen mit Ärztinnen oder Polizisten, von ihren schlechten Eindrücken von Menschen in Politik. Vielmehr klingt aber ein Misstrauens-Grundgefühl heraus, das sich aus Gehörtem oder medial Verbreitetem speist. Der Welt lieber erst einmal skeptisch zu begegnen, erscheint vielen der Jugendlichen sinnvoller, als ihr Vertrauen enttäuscht zu sehen.

Dann die Kletterei als Vertrauens-Lackmus-Test. Drei Stunden vorher hatten wir noch vom Gottvertrauen erzählt, das auch zur Quelle dafür werden kann, wieder mit mehr Vertrauen auf andere und die Welt zuzugehen. Kann ich also denen vertrauen, die ich noch kaum kenne? Helfen sie mir, auch wenn ich nicht der Held bin? Enttäuschen sie mich nicht? „Der ist einfach zu schwer.“ Der perfekte Hackentritt für das zart gewachsene Vertrauen. Einen Moment stehen alle betreten da. Doch noch bevor ich einschreite, meldet sich schon ein Jugendlicher deftig zu Wort: „Halt die Klappe. Jeder kann was nicht. Er hat es schließlich mit uns probiert, obwohl er Angst hatte. Ich fand das super!“ Die anderen klatschen. Ich atme aus.

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Stefanie Schardien

Dr. Stefanie Schardien ist Pfarrerin in Fürth seit Mai 2019 eine der Sprecherinnen des "Wort zum Sonntag".


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