Wie die Sucht zur Seuche gemacht wurde

Die Epidemie durch Opiate in den USA ist kaum zu bekämpfen
Eine Narcan-Spritze. Das Anti-Opiat-Mittel rettet Leben – die Drogenkrise aber bleibt.
Foto: dpa/John Dixon

Jede Stunde sterben sechs Amerikaner an einer Überdosis von Opiaten. Die tödliche Schmerzmittel-Epidemie geht auf das Medikament Oxycontin zurück. Aber inzwischen überschwemmen billiges Heroin und Fentanyl die Nation. Das hat zu einem Umdenken bei Bürgern und Polizei geführt, berichtet der Journalist Andreas Mink.

In Connecticut hat die Opiat-Krise seit dem 29. Mai 2016 ein Gesicht. Damals fand die Polizei die 17-jährige Olivia Roark am frühen Morgen eine halbe Autostunde weit von ihrem Heimatort Griswold tot in einem billigen Motel. „Sie war das jüngste Opfer der Epidemie. Gestorben ist Olivia an einer Überdosis Heroin, das mit dem synthetischen Opiat Fentanyl versetzt war“, sagt die Sozialarbeiterin Miranda Mahoney in einem Interview mit zeitzeichen im Rathaus von Griswold.

Die Region um die Kleinstadt hat den Niedergang der lokalen Textilindustrie seit den Fünfziger Jahren nie überwunden. Der Ort gilt als „Hotspot“ der Opiat-Epidemie in Amerika.

Olivia war kurz vor ihrem Tod ohne Abschied aus ihrem Elternhaus verschwunden. Sie war schon länger süchtig und an einen Ring von Dealern und Prostituierten geraten: „Olivias Tod hat den Ort aufgerüttelt. Lokale Kirchen organisierten eine Mahnwache, zu der hunderte Bürger erschienen. Die Opiat-Krise war mitten in unserer Community angekommen“, sagt die Sozialarbeiterin, die seit der Jahrtausendwende in der Drogenberatung arbeitet und heute „Griswold pride“ leitet, eine Allianz von Bürgern, Kirchen, Sozialeinrichtungen und der lokalen Wirtschaft: „Zuvor wurden Süchtige noch als asoziale Junkies abgestempelt. Das hat den Leuten erlaubt, diese tödliche Epidemie zu ignorieren. Seit Olivias Tod verstehen Bürger, dass Opiat-Sucht eine Krankheit ist.“ PRIDE-Gruppen gibt es inzwischen überall in Neuengland. Das Kürzel bedeutet „Stolz“ – auf den Gemeinsinn von Kommunen – und steht für „Partnership to Reduce the Influence of Drugs for Everyone“. Die „Partnerschaften“ arbeiten in der Drogenaufklärung und helfen Abhängigen beim Entzug. Aber die Bündnisse zeigen auch die immensen Schwierigkeiten bei der Bekämpfung. Obwohl Präsident Donald Trump wegen der Krise Anfang 2018 einen nationalen Notstand ausgerufen hat, fehlt weiterhin eine landesweite, koordinierte Antwort auf die Epidemie.

Seit 1997 sind mindestens 250 000 Amerikaner an einer Opiat-Überdosis gestorben. Dabei steigen die Raten seit 2014 rasant auf zuletzt 46 000 Opfer jährlich an. In den USA sterben stündlich sechs Menschen an Opiaten, die das Atemzentrum lähmen und die Konsumenten in einen Schlaf ohne Erwachen versenken. Laut offiziellen Angaben erreichen die volkswirtschaftlichen Schäden inzwischen 500 Milliarden Dollar jährlich. Diese Zahlen machen die rund 2 000 Klagen von Bundesstaaten, Kommunen und Indianer-Stämmen gegen die Hersteller und Vertreiber von Opiaten nachvollziehbar.

Die Kläger werfen der Industrie die skrupellose Vermarktung dieser Medikamente vor. Die Verfahren wurden jüngst an einem Gericht in Ohio gebündelt. Dort sorgte Mitte Juli ein massiver Datensatz der staatlichen Drogenbehörde für eine Sensation: Pharma-Unternehmen wie Purdue oder Teva und Vertreiber wie Walmart hatten gerade strukturschwache Regionen von 2006 bis 2012 mit insgesamt 76 Milliarden Opiat-Pillen überschwemmt. Dabei hatte die Zahl der Überdosen seit 1996 rasant zugenommen. Ausgangspunkt der Krise waren ländliche Regionen von den Appalachen zum Mittelwesten und nach Neuengland. Doch eigentlich liegen die Wurzeln der Krise in Connecticut – im feinen Küstenort Stamford. Dort steht das Hauptquartier von Purdue Pharma. Der New York Times-Reporter Barry Meier enthüllte die fatale Rolle des Unternehmens in seinem Bestseller „Pain Killer“. 1952 hatten die Brüder Arthur, Raymond und Mortimer Sackler die damals unbedeutende Firma gekauft. Treibende Kraft des Trios war der älteste, Arthur Sackler (1913 – 1987). Der studierte Arzt gilt als Vater des modernen Marketings von Medikamenten.

Kontinuierlich Morphium

Sackler hat Inserate für Arzneien in Massenmedien eingeführt und verhalf Hoffmann-La Roche in den Sechziger Jahren mit Kampagnen für die Beruhigungsmittel Librium und Valium zu Milliarden-Umsätzen. Sackler stilisierte die Arzneien zu Wundermitteln und Hilfen im rauen Alltag für die breite Bevölkerung. Die Rolling Stones haben das Phänomen 1966 in ihrem Hit „Mother’s Little Helper“ verewigt.

Mit Purdue Pharma wollten die Sacklers „ein eigenes Stück von diesem Kuchen für sich selbst“, wie Meier schreibt. Mitte der Siebziger Jahre übernahm Purdue ein britisches Pharma-Unternehmen, das neuartige Morphium-Pillen entwickelt hatte. Das Mittel setzte den Wirkstoff nurmehr allmählich über viele Stunden frei.

1984 brachte Purdue das Medikament als „MS Contin“ auf den US-Markt. „Contin“ steht für die kontinuierliche Abgabe des Wirkstoff – in diesem Fall Morphium. Damit war der Grundstein für „Oxycontin“ gelegt, das auf dem bereits 1916 in Deutschland entwickelten Opiat Oxycodon beruht. Das Mittel sollte einen neuen Trend bedienen.

Nach 1990 wurde die Medizin immer mehr auf Defizite bei der Schmerzbehandlung aufmerksam. Patienten verlangten nach Kuren für chronische Pein etwa im Rücken. Oxycontin sollte diese Marktlücke füllen. Das Unternehmen gab der Aufsichtsbehörde FDA gegenüber eine breite Anwendungs-Palette von Arthritis bis Zahnweh an. Dazu sollte die allmähliche Freisetzung des Opiats die Suchtgefahr praktisch ausschließen: Maximal ein Prozent der Patienten würde in eine Abhängigkeit geraten. Doch bereits bei MS Contin war es Usern gelungen, den Wirkstoff durch Zerkauen der Pillen schlagartig freizusetzen. Dennoch lancierte Purdue 1996 „die erste Marketing-Kampagne in der Pharma-Geschichte, die ein starkes Narkotikum an jede Arzt-Praxis bringen sollte, die Medikamente verschreiben konnte“, so Meier. Dafür sorgten rund 500 eigens geschulte Verkäufer.

Purdue überschüttete Ärzte mit Werbegeschenken. Hunderte von Medizinern erhielten satte Honorare für Vorträge über die Wohltaten von Oxycontin bei Praktikern, Kliniken oder Krankenschwestern. Der Erfolg gab den Purdue-Strategen recht: Der Absatz von Oxycontin erreichte rasch die Milliarden-Dollar-Marke und stieg bis 2017 auf insgesamt über 30 Milliarden Dollar an.

Doch die Werbebotschaft einer von Missbrauch und Suchtgefahren sicheren Wunderwaffe gegen Schmerzen aller Art entpuppte sich rasch als Märchen. Gerade Kids in strukturschwachen Regionen erkannten schnell, dass die Pillen ein mächtiges High bargen. Dazu genügte es, die äußere Schicht abzulutschen und den Kern der Tablette zu zermahlen. Die Konsumenten schnieften das weisse Pulver oder lösten es für eine Injektion auf.

Bis zur Jahrtausendwende geriet die Oxy-Sucht zu einer landesweiten Seuche. Abhängige ruinierten erst die eigenen Familien und raubten dann Nachbarn, Geschäfte und immer wieder Apotheken aus. Doch korrupte Ärzte und Apotheker verkauften die Pillen mit einem Straßenwert von 20 und 40 Dollar ungehemmt weiter. Selbst nachdem Staatsanwälte in Virginia die skrupellosen Methoden von Purdue entlarvt und den Konzern 2006 zu einer Strafe von 640 Millionen Dollar gezwungen hatten, drängten andere Firmen in den profitablen Markt. Und dies war erst der Anfang.

Denn zwischen 2000 und 2013 ist die Zahl der Todesopfer durch Opiat-Vergiftungen in den USA um das Vierfache auf über 20 000 jährlich explodiert: Drogen-Kartelle hatten auf den Oxy-Boom mit drastischen Preissenkungen für Heroin reagiert. Dann brachten Gangs eine tödliche Innovation auf den Markt: Fentanyl. Das synthetische Opiat wird seit Jahrzehnten in der Behandlung akuter Schmerzen eingesetzt. Fentanyl ist 50 Mal wirksamer und kostet in der Herstellung 3 500 Dollar gegenüber 65 000 Dollar für Heroin je Kilo.

Miranda Mahoney sagt: „Dealer verdienen an einem solchen Ziegel Fentanyl eine Million Dollar. Trotzdem kostet eine Dosis hier auf der Strasse nur fünf Dollar je Tütchen.“ Auf ihrem Handy zeigt sie das Bild einer Cent-Münze mit einer winzigen Prise weißen Staubs: „Das ist eine tödliche Dosis Fentanyl. Dealer verschneiden das Opiat mit allen möglichen Streckmitteln. Das macht die Dosierung so unberechenbar und führt zu dieser massiven Welle von tödlichen Überdosen.“ Dazu mischen Pusher nicht nur Heroin, sondern zunehmend auch Kokain und Methamphetamin mit Fentanyl.

Mahoney kennt den Effekt der Droge auch aus der eigenen Familie. Ein Cousin ist seit Jahren abhängig: „Er hat zuerst die Familie um Geld angebettelt, dann überall hier Regenrinnen von Häusern abmontiert und an Schrotthändler verkauft. Dafür saß er im Gefängnis.“ Aber obwohl Mahoney dem Mann immer wieder Hilfe angeboten hat, kämpft er immer noch mit der Sucht: „Opiate verdrahten das Gehirn neu und verändern die Persönlichkeit total. Den Stoff zu besorgen wird zum einzigen Lebensinhalt.“ Dabei sind die ursprünglichen Motive für den Griff zu Opiaten höchst unterschiedlich: „Bei Jugendlichen können Verletzungen etwa beim Schulsport zu einer Abhängigkeit von Medikamenten wie Oxycontin führen. Dann steigen Süchtige auf das billigere Fentanyl um.“

Primär sei der Opiat-Konsum aber eine Form der „Selbst-Medikamentierung“: „Unglaublich viele Leute kommen mit ihrem Alltag nicht zurecht und leiden an psychischen Problemen, für die sie keine Hilfe finden.“ Die Therapeutin Lauryl Spera bestätigt diese Analyse. Sie arbeitet als Drogenberaterin an einem Frauengefängnis in Connecticut: „Im gesamten Strafvollzug ist die Zahl der Opiat-Abhängigen in den letzen Jahren explodiert. Über die Hälfte der Insassen hat damit Probleme – Alkohol ist auf den zweiten Platz zurück gefallen.“ Die Sucht-Epidemie mache die enormen Lücken in der Versorgung für psychische Leiden gerade bei ärmeren Bürgern deutlich: „Die Leute finden keinen Rat oder haben keine ausreichende Versicherung. Deshalb medikamentieren sie sich selbst mit Opiaten.“

Allerdings hat die Welle von Überdosen nicht nur bei Bürgern, sondern bei der Polizei ein Umdenken ausgelöst. 2015 gründeten Beamte in Gloucester, Massachusetts, die Stiftung „Police Assisted Addiction & Recovery Initiative“ („Von der Polizei unterstützte Sucht- und Entziehungs-Initiative“, paari), die inzwischen in 32 Bundesstaaten aktiv ist. Beamte vermitteln Abhängige an Beratungsstellen wie PRIDE und springen als Retter bei Überdosen ein. Dabei kommen immer mehr „Narcan“-Spritzen zum Einsatz, der Markenname für das Medikament Naloxon. Dieser „Opiat-Antagonist“ blockiert die lähmende Wirkung der Droge umgehend.

Von der Krise überfordert

Narcan-Spritzen gehören heute zur Grundausrüstung von Sanitätern oder Polizisten und sind in Apotheken erhältlich. Aber die Lebensrettung kuriert die grundlegenden Probleme bei der Entziehung nicht, sagt Mahoney: „Unser Gesundheits-System ist von der Krise absolut überfordert.“ Wie das soziale Netz insgesamt, sei die Versorgung von Abhängigen in den usa überaus lückenhaft. Und es fehle an einer langfristigen Betreuung bei der Entziehung: „Wir verfügen dafür zwar über wirksame Medikamente wie Methadon. Aber eine dauerhafte Kur braucht langfristige Unterstützung durch Fachpersonal, und das gibt es kaum.“ Daneben reduziert die Trump-Regierung die Versorgung ärmerer Bürger mit psychischen Leiden, die die von Barack Obama eingeführte Gesundheits-Reform versorgt hatte. Dennoch gehen die Todesfälle dank Narcan und lokalen Initiativen wie pride zurück, sagt Miranda Mahoney. Drogenkranke helfen sich selbst mit Narcan-Spritzen: „Ich kenne einen Süchtigen, dem eine Narcan-Spritze in diesem Jahr bereits 15 mal das Leben gerettet hat.“ Lauryl Spera sieht darin ein neues Problem: „Dank Narcan sinken die Todeszahlen. Aber die Zahl der Süchtigen steigt weiter.“ Deshalb könnte die tödliche Epidemie allmählich aus den Schlagzeilen verschwinden: „Doch die gesellschaftlichen Gründe für die Krise und die Sorgen so vieler Familien bleiben bestehen.“


 

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