Rente von der Straße

Punktum
Foto: privat

Nach dem Kirchentag im Sommer landete ich auf dem Hauptbahnhof einer deutschen Großstadt und musste nach dem Weg fragen. Ein graumelierter Herr um die Sechzig mit sportlicher Lederjacke betrachtete das Schaufenster eines Buchladens, ihn sprach ich an. Er trug einen Rucksack und eine große Reisetasche. Wir könnten ein Stück des Weges zusammengehen, schlug er mir vor, mein Ziel sei auf seiner Strecke. So schloss ich mich ihm an, und wir gingen anfangs stumm nebeneinander in die Stadt hinein.

Plötzlich stoppte er unvermittelt. „Entschuldigen Sie bitte, ich muss kurz nachschauen.“ Wir standen am Pfosten einer Bushaltestelle. Auf halber Höhe angebracht das Behältnis für Abfall mit großer Öffnung, einer der städtischen Mülleimer. Mein Begleiter zückte eine kleine Taschenlampe und leuchtete in das finstere Arsenal. Dann zog er einen Arbeitshandschuh aus seiner Jacke, streifte ihn über und begann mit der rechten Hand in dem schwarzen Schlund zu tasten. Sekundenschnell förderte er eine leere Plastikflasche zutage. Nach kurzem Blick auf das Etikett kommentierte er mir beiläufig „25 Cent“.

Sofort hatte er mein Interesse geweckt: Ich war mit einem Flaschensammler unterwegs. Jener Spezies, die mit jeder Pfandflasche oder Dose bares Geld auf der Straße findet. Jetzt bot sich mir die Chance zur Teilhabe an einem großen Thema: Was hat sich seit Trittins Pfand-Initiative im Bewusstsein der deutschen Wegwerf-Gesellschaft getan? Ich verwickelte meinen bepackten Unbekannten in ein Gespräch. Er: Facharbeiter, 68, alleinstehend, zur Miete, die Rente reicht nicht hinten und vorne. Der Ertrag vom Flaschensammeln ist überlebensnotwendig.

Ja, sammeln mit System hat sich inzwischen eingebürgert. Freundliche Imbissbuden-Betreiber, Standbesitzer, Platzwarte und  Mitarbeiter der Städtereinigung oder der Deutschen Bahn stellen das Leergut für den „Bezirks-Sammler“ bereit. Das ist nicht immer korrekt, macht aber niemanden arm, dafür einige glücklich. Viele Püllekes kommen schnell zusammen, oft muss die schmale Stube
als Zwischenlager dienen. Denn keiner will es sich mit den Supermärkten verscherzen. So werden die Leer-gut-Annahmen und SB-Automaten peu à peu außerhalb der Stoßzeiten gefüttert. Das alles erfuhr ich auf dem Weg.

Mein Begleiter macht gut ausgeschlafen ab zehn Uhr seine Runde. Die genaue Strecke bleibt sein Betriebsgeheimnis. Nur so viel: Ein voller Rucksack plus Reisetasche bringt zwischen zwei und drei Euro. An guten Tagen kann einiges zusammenkommen. Erst recht, wenn ein durstiger Musik-Event in der Stadt war. Dann stellen die jungen Leute ganz selbstverständlich ihr Leergut vor dem Abfall ab.

Der Weg mit dem Flaschensammler hat mich sehr beeindruckt, ich bin dabei. Meine nächste Flasche ist ihm sicher.


 

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Kathrin Jütte

Kathrin Jütte ist Redakteurin der "zeitzeichen". Ihr besonderes Augenmerk gilt den sozial-diakonischen Themen und der Literatur.


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