Kleinod der Renaissance

Das Mausoleum des Fürsten Ernst zu Schaumburg
Foto: pixelio
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Leicht zu übersehen ist das Mausoleum im niedersächsischen Stadthagen. Direkt am Marktplatz schließt sich hinter dem Chor der Martini-Kirche das fensterlose Monument als separater Bau an. Ein Kleinod, gebaut von Fürst Ernst von Holstein-Schaumburg (1569 – 1622), der, wie der persische Herrscher Maussolos und Namensgeber der Grabstätten, kinderlos blieb.

Der relativ kleine Bau, den ursprünglich Giovanni Maria Nosseni, Hofarchitekt in Dresden, bauen sollte, hat eine lange Geschichte. 1608 wurde der Vertrag über die Errichtung der „kleinen Capellen“ geschlossen, Nosseni lieferte den Entwurf, vier Jahre später kündigte Ernst den Vertrag. Der Architekt hatte seine Geldforderungen in zähen Verhandlungen mit fadenscheinigen Argumenten um 75 Prozent erhöht. „Crumme Dinge“ seien das, so der Fürst und beauftragte den ortsansässigen Anton Boten mit der Bauleitung, der gleich mit der Arbeit begann und auch dem Inneren seine Handschrift gab. Er schuf die zarten, zurückhaltenden Gemälde in der Decke und ist für die ringsum in vier Wandfeldern stehenden Ädikulä, von Säulen getragene antike Tempelchen, verantwortlich, in denen, mit Wappen bekrönt, Eltern und Gemahlin des Fürsten beigesetzt sind.

Der Grundriss gibt bis heute Rätsel auf, weshalb wurde ein Siebeneck gewählt? Spielte hier der antike Gedanke eine Rolle, die sieben Weltwunder, zu denen das Mausoleum zählte? Das Christentum mit den sieben Freuden der Maria? Oder ist es ein Verweis auf die Rosenkreuzer, denen Fürst Ernst nahe stand? Das Geheimnis hat Ernst mit ins Grab genommen und rückt damit in seinem Alabastersarkophag in den Mittelpunkt, der auf kostbarem Marmorboden steht. Geheimnisvolle, dunkle Bronzefiguren gruppieren sich ringsum, schlafende Wächter, von denen nur einer erwacht. Nach oben schauend scheint er erstaunt wahrzunehmen, dass auf dem Monument ein imposanter Christus auferstanden ist. Ein einmaliges Thema für ein Grabmal, von unermesslichem Wert. Denn die Bronzefiguren stammen von Adriaen de Vries (um 15561626), dem bedeutendsten Bildhauer seiner Zeit, tätig am Hof von Kaiser Rudolph II. in Prag, wo auch die Figuren entstanden. Dass er einen Auftrag für den eher unbedeutenden Grafen aus Norddeutschland annahm, ist ungewöhnlich. „Fürst Ernst gab sich nur mit dem Allerbesten zufrieden“, heißt es. Der Bildhauer selbst reiste nie nach Stadthagen. Er schickte seine Kunstwerke von 16181620 aus Prag, per Schiff gelangten sie nach Hamburg, dann auf dem Landweg nach Stadthagen.

Fünfzehn nervenaufreibende Jahre benötigte Fürst Ernst für die Planung. Immer wieder machten ihm die Unzuverlässigkeit der Künstler, die Kosten, der Import der Baustoffe aus Italien, der Kunstwerke aus Prag zu schaffen.

Sein Mausoleum sah er nur im Modell, erst nach seinem Tod 1622 begann seine Witwe mit dem Bau. Zwischenzeitlich musste er sich mit einem Platz im Altarbereich der St. Martini-Kirche begnügen. Das fiel schon in die Zeit des Dreißigjährigen Krieges, den das Mausoleum, genau wie beide Weltkriege, erstaunlicherweise unbeschadet überstand. Anderswo wurden die meisten Plastiken von de Vries als Kriegsbeute verschleppt und sind heute unter anderem im Louvre zu sehen. Nur in Stadthagen findet man sie noch im unveränderten Kontext, bis heute gefragt bei Kunstkennern aus aller Welt.

Wo nur vier Personen Platz finden sollten, wurden es im Laufe der Jahrhunderte 28 Familienmitglieder. Als nichts mehr ging, man die Tradition jedoch fortsetzen wollte, baute man 1911 im Schlosspark Bückeburg ein neues Mausoleum. Das nun mit sehr viel Platz.

Das kleine Renaissance Mausoleum in Stadthagen ist dienstags bis freitags 13 bis 17 Uhr, sonnabends 10 bis 14 Uhr, sonntags 13 bis 17 Uhr geöffnet, Informationen und Buchungen: 057 21 / 93 42 42.


 

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