Über Fontane hinaus

Kirchen in der Mark Brandenburg

In der Flut der Veröffentlichungen zum Fontanejahr 2019 sind hoffentlich solche, die als Navigatoren im Riesenwerk Fontanes dienen. Die hier anzuzeigenden Streifzüge durch das Land Fontanes richten sich allerdings an Personen, die es aus kulturellem, ästhetischem und religiösem Interesse auf den Spuren Fontanes „zu Kirchen in der Mark Brandenburg“ zieht. Dabei rücken jeweils vier Kirchen in drei Regionen der Mark ins Blickfeld. Im Ruppiner Land St. Trinitatis in Neuruppin, St. Laurentius in Rheinsberg, die Klosterruine und Kirche in Lindow sowie St. Marien in Gransee, im Havelland die Kirchen in Sacrow, Caputh, Werder und Paretz, im Oderbruch St. Nikolai in Bad Freienwalde, sowie die Kirchen in Buckow, Neu-Hardenberg und Neukunersdorf.

Dank der bau- und kunsthistorischen sowie musikalischen Expertise der Autoren ist ein Buch entstanden, das zwar an Schilderungen Fontanes von seinen Besuchen in den genannten Kirchen anknüpft, dann aber deren wechselvolle Geschichte weit über Fontane hinaus bis in die Zeit der ddr und die Tage vor und nach der „friedlichen Revolution“ 1989 nachzeichnet. In kurzen eigenständigen Kapiteln wird zugleich deren Baugeschichte und bildnerische Ausgestaltung dargestellt. Insofern ist dieses Buch auch ein wichtiger Beitrag zum dreißigsten Jahrestag des Mauerfalls und ersetzt viele kleine Kirchenführer. Speziell Fontane selber gelten die Essays über dessen Pastoren und dessen „besonderen Freuden am Bild“ mit der Begründung, warum der Dichter das Bild „Christus als Apotheker“ in der Kirche zu Werder „brüsk“ ablehnte.

Die Anknüpfung an Fontane vollzieht sich in einem sympathisierenden, aber auch kritischen Gespräch. Wichtiger jedoch ist, was die Autoren zur Geschichte der besuchten Kirchen nach Fontane herausgefunden haben. In Neukunersdorf etwa musste anstelle der in den letzten Kriegstagen zerstörten Kirche eine ganz neue, von Curt Steinberg entworfene, gebaut werden, übrigens gemeinsam mit aus Schlesien geflohenen Katholiken unter den Bedingungen der ddr-Mangelwirtschaft. In Lindow beteiligte sich die Kirchgemeinde wie an so vielen Orten im Herbst 1989 an den Protestkundgebungen und Friedensgebeten, die das Ende der realsozialistischen Republik einläuteten.

Besonders anrührend ist die Geschichte des im Haus gegenüber der Kirche St. Nikolai in Bad Freienwalde geborenen Juden Hans Keilson. Zeitweise hat er im dortigen Kirchenchor mitgesungen und trotz der Zerstörung der Synagoge 1938 als Überlebender des Holocaust in dem Buch „Da steht mein Haus“ ein liebevolles Andenken an seine Geburtsstadt bewahrt. Auch diese Aufmerksamkeit führt weit über Fontane hinaus, der in seinen Wanderungen keinen Blick für Synagogen an den von ihm besuchten Orten entwickelte und mit seinem Antisemitismus kämpfen musste.

Das in feiner Weise dem märkischen Dichter nachempfundene Buch schließt mit Kurzporträts von insgesamt 34 Kirchen und anderen Bauwerken, darunter solche, für die sich die Deutsche Stiftung Denkmalschutz engagiert, sowie einem Adressenverzeichnis mit Öffnungszeiten. Also ein gutes Vademecum für Wanderer in unseren Tagen, zugleich aber auch ein schönes Lese- und Bilderbuch.


 

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