Der Stolz der Omaha

Wie Ureinwohner Amerikas ihre Geschichte neu entdecken

Lange galten die Indianer Nordamerikas als Wilde. Mit Gewalt versuchte man, sie zu „guten  Amerikanern“ zu machen. Heute sind die Ureinwohner stolz auf ihre Traditionen und versuchen, sie
zu bewahren. Ein Besuch im Reservat der Omaha-Indianer.

Sihiduba aus dem Clan des Büffels sitzt auf der Bank neben dem Grab von Häuptling Big Elk. Er schaut über die Hügel. Seine wollene Decke, das wohl wichtigste traditionelle Kleidungsstück der Omaha-Indianer, hat er sich um den Leib geschlungen; drei Adlerfedern, das Zeichen seiner Würde, hält er fest in der rechten Hand. „Adlerfedern dürfen niemals auf dem Boden landen“, erklärt er. „Weil der Adler der am höchsten fliegende Vogel ist, gilt er bei uns als Botschafter zwischen Himmel und Erde. Nur Häuptlinge dürfen Federn von diesem Tier besitzen.“

 

Sihiduba ist der letzte Abkömmling der Omaha-Häuptlinge. Big Elk, der „große Hirsch“ (anders als im britischen Englisch bedeutet „Elk“ in Nordamerika nicht „Elch“) ist sein Ur-Ur-Ur-Ur-Großvater. Übersetzt bedeutet Sihiduba „Vier Füße des Büffels“, im bürgerlichen Leben heißt er Rudi Mitchell. Der 75-Jährige hat ein Doktorat für Erziehungswissenschaften und ist Professor für Native American Studies an der Creighton Universität von Omaha. Er kennt die Geschichte und Traditionen der Omaha-Indianer wie kaum ein zweiter seines Volkes. „Omaha heißt übersetzt ‚Gegen den Strom‘“, erklärt Rudi Mitchell. Sein Volk stammt von der Ostküste, erst im 18. Jahrhundert wanderten sie in die Gegend von Nebraska. Häuptling Big Elk ist einer ihrer großen Häuptlinge, er „sah“ früh, was geschehen würde: „Eine große Flut (Siedler) wird kommen, und wir werden keine Tiere mehr jagen.“ Der große Führer der Omaha suchte die Verständigung mit den Einwanderern und unterzeichnete Verträge, die von den Weißen gebrochen wurden. Nicht mal im Tod gab man dem Häuptling einen Platz, an dem er bleiben konnte: Zweimal wurde „Großer Hirsch“ ausgegraben und neu beigesetzt.

 

1854 verkauften die Omaha ihr Land und zogen ins Reservat. Dort lebt Rudis Familie noch heute. Seine Mutter Mary Lieb stammt von einem bayerischen Reiter des Pony-Express ab, dem legendären Postbeförderungssystem, bei dem auch Buffalo Bill mitritt. Viele Omaha heirateten auch außerhalb des Stammes und gebaren Kinder. „Ein Viertel muss indianisch sein, sonst kann man sich nicht in die Stammesrolle eintragen lassen. Wenn der Stammesrat diese Regel nicht ändert, wird es in einigen Jahren keine Omaha mehr geben“, befürchtet Rudi Mitchell.

 

Mary Lieb besuchte eine der berüchtigten „Boarding Schools“. Das waren Internate, in denen die Kinder der angeblichen „Wilden“ mit brutaler Gewalt zu vermeintlich „guten“ Amerikanern gemacht wurden. Die langen Haare wurden abgeschnitten, wer seine Muttersprache benutzte, wurde streng bestraft. „Ich glaube, sie hat dort sehr gelitten, aber sie hat nie geklagt. Sie hat uns immer nur das Positive weitergegeben“, erinnert sich Rudi Mitchell. Er selbst ist auch in eine solche Internats-Schule gegangen. „Sonst hätte ich niemals studieren können. Und auch meine Schwester hätte nie drei Doktor-Grade erwerben können.“

 

Mittlerweile gibt es eine Schule im Reservat, in der die Traditionen der Omaha auch zum Unterrichtsplan gehören. Und Lehrerinnen wie Hawathay, 94 Jahre alt. Die älteste Schwester von Rudi Mitchell ist eine Älteste wie aus dem Bilderbuch. Ein schmales Gesicht mit klugen Augen, die langen weißen Haare zu zwei dünnen Zöpfen gebunden. Winona Carter, wie sie laut Pass heißt, ist eine von acht Menschen im Reservat, die die Sprache der Omaha noch sprechen. Deshalb kommt sie regelmäßig in den Kindergarten, denn: „Wenn die Sprache weg ist, verlieren wir unsere Kultur“, sagt die alte Dame.

 

Die Omaha wollen das verhindern und wissen: Es geht um mehr als nur ein paar Wörter. In zwanzigjähriger Arbeit haben sie für die Kinder in der Reservats-Schule ein Buch zusammengestellt, das nicht nur die Sprache lehrt, sondern auch über alles informiert, was Indianer früher wissen mussten: Kochen und Kleidung, Spiritualität und Sprache. Sogar eine Sprach-Lern-App für das Handy haben die Omaha entwickelt. Die Alten haben die Texte eingesprochen. „Ich bin stolz, eine Omaha zu sein!“, sagt Winona Carter. „Ich bin als solche geboren!“ „Früher hat man sich dafür geschämt“, erinnert sich ihr Bruder.

 

Das neue Selbstbewusstsein der Indianer drückt sich auch in ihrer Selbstbezeichnung aus. Sie nennen sich „Nations“, Nationen, auch um sich von den indischen Einwanderern abzusetzen, die im Amerikanischen ebenfalls Indians heißen. Sie verwalten ihre Reservate selbst, und auch die Stammesführer werden heute demokratisch gewählt. Der jetzige „Tribal Chairman“ ist Mike Wolfe. Ganz in Schwarz, eine stilisierte Feder im linken Ohr, drei lange schwarze Strähnen zu einem Zopf gebunden – „Vater, Sohn und Heiliger Geist, der indianische Rosenkranz“, lacht er. Die Tätowierungen auf den Armen erinnern an die Toten seine Familie. „Wenn ich darüberstreiche, halte ich damit ihren Geist lebendig“, erklärt er. Mike Wolfe ist stolz auf sein Volk und das, was es erreicht hat. „Wir haben eine gute Schule hier und sogar ein College! Unsere Kinder werden ein besseres Leben haben, und sie werden unsere Nation besser machen!“

 

Der 65-Jährige weiß, dass die weißen Anwohner an den Grenzen seines Reservates die Ureinwohner verachten. Und die gegenwärtige Regierung interessiert sich nicht übermäßig für die Probleme in den Reservaten. Die Omaha suchen sich jetzt Partner außerhalb der weißen Gesellschaft und bauen Kontakte zu den Maya aus Guatemala auf, die in ihrem Reservat eine Art Konsulat eröffnet haben. Das Ziel: wirtschaftliche Entwicklung und spiritueller Zusammenhalt. „Für uns Ureinwohner gibt es keine Grenzen“, so Mike Wolfe. „Sie sind unsere Verwandten. Seit fünfhundert Jahren sind wir getrennt, weil die Regierungen Grenzen aufbauen. Wir sind der erste Stamm, der das jetzt ändert.“

 

Am Rande der Gesellschaft

Doch der Stolz auf die alten Traditionen und die farbenprächtigen Tanzfeste, die PowWows, können nicht darüber hinwegtäuschen, dass viele noch immer am Rande der Gesellschaft leben. Auch bei den Omaha. Orville Coyou ist Mitglied des Stammesrates, und er kennt die Herausforderungen gut. 3 500 Menschen leben im Reservat, durchschnittlich 18 bis 25 Jahre alt. Die Arbeitslosigkeit liegt bei 70 Prozent. „Hier gibt es kaum Jobs“, sagt er. Die Gegend eignet sich höchstens für die Landwirtschaft, doch Farmer waren die Omaha noch nie. Ihr Land haben sie deshalb an einen weißen Farmer verpachtet. Wie viele Indianer eröffneten sie ein Spielcasino, eine Goldgrube, solange in vielen Bundesstaaten Glücksspiel verboten war. Im Land der Indianer durften die Weißen an die Daddelkisten, doch auch diese Einkommensquelle sprudelt spärlicher, seit Casinos überall in Nebraska zugelassen wurden. Dazu kommen Probleme mit Alkohol und Drogen, vor allem Crystal Meth ist in der Reservation weit verbreitet. „Früher kam viel mehr Unterstützung von der Regierung“, sagt Orville Coyou, der schon zum dritten Mal in den Stammesrat gewählt wurde, müde. „Aber unter Trump wurden diese Programme leider alle zurückgefahren.“

 

Arbeitslosigkeit, Drogen und die Traditionen, auf die die Alten so stolz sind, vertreiben viele Indianer aus dem Reservat. Besonders, wenn sie gut ausgebildet sind. Ein Drittel der Omaha lebt in der Stadt. Auch Rudi Mitchell, der letzte der großen Häuptlinge. „Es ist schwer, in der Stadt seine Traditionen zu bewahren“, sagt er. Deshalb fährt er regelmäßig ins Reservat, um seine Familie zu sehen. Und um dem College zu helfen, das gerade eine große Ausstellung für das Humboldt-Forum in Berlin vorbereitet. Traditionelle Kleidung, Gebrauchsgegenstände – das Ethnologische Museum in Berlin hat alles aufbewahrt, was die Omaha vor mehr als einhundert Jahren verkauft haben. „Wir Omaha sind froh, dass das alles so gut bewahrt wurde. Viele Tiere, deren Felle wir dort sehen, sind schon verschwunden. Und mit den Gegenständen kommt das traditionelle Wissen zu uns zurück. Das ist gut für beide Seiten“, erklärt Rudi Mitchell.


 

Liebe Leserin, lieber Leser,

Dieser Inhalt ist nur für zeitzeichen-Abonnenten zugänglich. Bitte geben Sie Ihre Kundennummer ein *:
Ihre Kundennummer finden Sie entweder auf Ihrer Rechnung (online-Bezug) oder über dem Versandetikett Ihrer Zeitschrift. Bei der Kundennummer handelt es sich um eine 8-stellige Zahl, die mit der Ziffer 1 beginnt.

* Das einmalige Einloggen reicht aus, Sie erhalten damit automatisch Zugang zu allen anderen Artikeln. Beim Verlassen der Webseiten von zeitzeichen werden Sie automatisch ausgeloggt, Sie müssen sich dann bei Ihrem nächsten Besuch erneut anmelden.

Online Abonnement

Die App für Tablets und Smartphones

Print
Abonnement

Wir schicken Ihnen zeitzeichen ins Haus

Jörg Böthling

Jörg Böthling begann 1985 als Seemann auf Fahrten nach Afrika und Asien zu fotografieren. Er studierte Fotografie an der Hochschule für bildende Künste in Hamburg und arbeitet als Freelancer. 

Foto: privat

Christina Brunner

Stellvertretende Chefredakteurin beim Magazin der Steyler Missionare „stadtgottes“, Sankt Augustin.


Ihre Meinung


Weitere Beiträge zu "Gesellschaft"