Veränderung

Neues Barbarentum

Eine andere Sprache, andere Sitten und rohe Manieren kennzeichnen seit der Antike die Barbaren. Dabei ist es egal, ob sie mit Pferden aus der asiatischen Steppe einritten, Städte belagerten, als Flüchtlinge über das Meer und über das Gebirge kamen – wenn sie in ein Land einfielen, gab es Umbrüche und die Zivilisation war in Gefahr.

Die Angst der Menschen vor den damit erzwungenen Veränderungen ist die Basis für Alessandro Bariccos essayistische Betrachtungen. Denn längst oder besser permanent, schreibt er, befinden wir uns in einem Umbruch, in Veränderungen, die sich nicht stoppen lassen, und er betrachtet kritisch so unterschiedliche Felder wie Musik, Fußball, Wein, Essen, Bücher und Google.

Gerade der Mikrokosmos des Weines scheint ihm als Italiener sehr gut geeignet, diesen stetigen Wandel zu illustrieren. Jahrhunderte dauerte es, bis sich eine önologische Kennerschaft gebildet hatte, die durch immerwährende Verfeinerung den Geschmack vor allem der französischen und italienischen Weine zu Weltniveau verhalfen. Mit einem besonderen Vokabular grenzten sich die Experten ab und stilisierten damit den Wein zu einem Luxusprodukt.

Dann kamen die Barbaren, die Amerikaner, mit ihren kalifornischen, den „Hollywood-Weinen“, so nennt sie Alessandro Baricco, und machten aus Wein ein billiges Getränk für die Massen, dessen Bewertung in Form von Schulnoten stattfindet.

Der kulturelle Verfall, auf Masse zielend, wurde bereits im 19. Jahrhundert verachtet. Als Beethovens Neunte Sinfonie uraufgeführt wurde, nannten Kritiker und Musikliebhaber sie barbarisch, oberflächlich, affektiert und gar frivol. Und auch den bürgerlichen Roman sah man als zersetzendes Objekt der Ordnung, das vor allem der weiblichen Leserschaft ein unrealistisches Weltbild vermittle. Bis heute jedoch boomt der Buchmarkt, riesige Verlage setzen auf Masse, die Lust am Lesen, ständig infrage gestellt, bleibt ungebrochen.

In den vergangenen Jahrzehnten scheint sich das Barbarentum rasanter zu verbreiten, dessen intellektuelles Zentrum findet Alessandro Baricco bei der Suchmaschine Google, dem er gleich drei Kapitel widmet. Die seit der Romantik erlernte Form des Lesens, Lernens, sei vorbei, die Langeweile, Urform des Wissensdrangs, mit dem Internet unmöglich geworden. Google erfährt, anders als ein Buch, ein ständiges Update und ist nun das Heim der Barbaren, es komme dem Prinzip der neuen Ordnung nah, weil es um Verlinkung, um eine Sprache gehe, die von den meisten Menschen weltweit verstanden wird und das Wissen der Welt sammelt.

Die Folgen sind Effekthascherei statt Schönheit, Verlust der Seele durch Vermarktung, Schnelligkeit statt Nachdenken, Kommunikation statt Ausdruck, Vergnügen statt Mühe, Multitasking.

Der medial erfahrene Baricco ist Romanautor, Essayist, Musikkritiker, Literaturerklärer und Drehbuchautor, und er schreibt unterhaltsam und unkompliziert, oft mit einem Augenzwinkern. Die Texte in Barbaren – über die Mutation der Kultur erschienen vor der Veröffentlichung wöchentlich in einer italienischen Tageszeitung. Er argumentiert philosophisch, soziologisch, wirtschaftlich und kulturhistorisch mit originellen Beispielen des Barbarentums, fundiert, doch mit leichter Hand erzählt. Allgemein gültig bleibt sein Fazit: Gegen die Barbaren, den Fortschritt, zu mauern, sei aussichtslos. Die Mutation findet statt, doch können wir sie mitgestalten, wenn wir zu „intelligenten Schwimmern“ und Schwimmerinnen im großen Strom werden, um zu retten, was uns lieb und teuer ist. 

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