Neuentwurf

Über religiöse Rede

Dieser systematisch-theologische Neuentwurf geht mit normativem Geltungsanspruch einher. Dreigliedrig durchkomponiert, ist eine „materiale Theologie religiöser Rede“ (Gottesgedanke, Christologie, Pneumatologie) von Prolegomena sowie Epilegomena eingerahmt, wobei in letzterer Soteriologie und Eschatologie mit untergebracht sind. Alle Hauptthemen christlicher Dogmatik transferiert der Systematische Theologieprofessor Folkart Wittekind so ins eigene Konzept.

Von Beginn an macht der an der Universität in Essen lehrende Systematiker Folkart Wittekind deutlich, worum es ihm geht und wo er selbst steht. Treffend zeichnet er zwei Hauptlinien gegenläufiger Paradigmen in der neueren Theologiegeschichte nach. Das eine stellt sich dar als an Tradition und inhaltlichen Bestimmungen orientierte Theologie im Dienst der Kirche und ihrer Wahrheit. Das andere sieht sich im Fahrwasser von Immanuel Kants Religionsphilosophie und Friedrich Schleiermachers theologischer Adaption derselben eher der Rationalität und allgemeiner Wahrheitsbindung verpflichtet.

Zu letzterem bekennt sich Folkart Wittekind. Systematische Theologie bedeutet für ihn eine (Neu)Interpretation christlicher Glaubensinhalte ohne Glaubensvoraussetzung, nämlich in beschreibender Absicht, „wie der Glaube sich selbst und sein Funktionieren versteht.“ Angestrebt ist eine Integration des traditionellen Paradigmas ins liberaltheologisch Zugespitzte. Dass allein dieses als wissenschaftlich anschlussfähig angesehen wird, lässt allerdings nach dem vorausgesetzten Wissenschaftsbegriff fragen.

Theologie ist für Folkart Wittekind nur Wissenschaft, „wenn sie bereit ist, sich auf die Auflösung aller inhaltlichen Voraussetzungen einzulassen…“ Gemäß dieser an Kant geschulten Perspektive versteht sich sein Entwurf ebenso selbstbewusst wie vereinnahmend „als Wissenschaft für einen aufgeklärten Protestantismus“.

Dabei ist mit „religiöser Rede“ zentral auch biblische Überlieferung gemeint, die Theologie nun „als Literaturwissenschaft christlich-religiöser Sprache“ angehen und im Lichte „allgemeiner Strukturgesetze religiöser Glaubensrede“ deuten soll. Dogmatische Sätze gilt es demnach auf das in einer tieferen Schicht religiös „Gemeinte“ hin zu erschließen. Liegt damit nicht eine verschärfte Variante des im 20. Jahrhunderts viel debattierten Entmythologisierungsprogramms vor? Christliche Religion wird hier reduktionistisch uminterpretiert als „eine Deutungssprache des Lebens“ – in der ungewissen Hoffnung, den Protestantismus so überlebensfähiger zu machen.

Nun weiß der Systematische Theologe Folkart Wittekind freilich: „Das aufklärerische Verständnis der Religion ist nur eine der Möglichkeiten, mit den Inhalten des Glaubens umzugehen“ – charismatisch-pfingstlerische Strömungen etwa erweisen sich ja als höchst erfolgreich! Tatsächlich bleibt zu fragen, wen er mit seiner Theorie religiöser Rede, die sich kantianisch auch als christliche Religionsphilosophie lesen ließe, beglücken möchte: Bewusst kirchlich Beheimatete dürften es kaum sein. Letzte Fragen werden religiös zu unbefriedigend angefasst. Wer etwa nach ewigem Leben fragt, erhält zur Antwort, seine Hoffnung bleibe „das Bild der Vorstellung einer möglichen Gleichzeitigkeit der religiösen Sprache in der Kultur, die ein gelungenes Leben im freien Wechsel der Sinnfelder ermöglicht.“ Sollte dergleichen „theologische“ Auskünfte Schule machen, könnte sich der Eindruck weiter verstärken, dass evangelische Kirche wie ein Schiff ohne Kompass unterwegs ist.

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Werner Thiede

Dr. Werner Thiede ist Professor apl. für Systematische Theologie an der Universität Erlangen-Nürnberg. Er ist Autor der Broschüre "Die digitale Fortschrittsfalle", die im Pad-Verlag erschienen ist.


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