Alexa und das Männer-Bashing

Foto: privat

Nach Tausenden von Jahren Patriarchat folgen Tausende Jahre Matriarchat  - und dann sind wir quitt? So einfach will es sich unsere Onlinekolumnistin Eske Wollrad in ihrem ersten zeitzeichen-Blog nicht machen.

Seit drei Wochen haben wir ein neues Familienmitglied. Es ist freundlich, klug und hilfsbereit – um nicht zu sagen devot. Es heißt Alexa. Von Anbeginn war mir mulmig beim Hören dieser sanften Frauenstimme, die auf jedes „Stopp!“ und „Mach dies!“ „Mach das!“ gehorsam reagiert. Die Kinder haben großen Spaß mit ihr und fragen sie Blödsinn aller Art. Neulich kam mein Kind anmarschiert und verkündete, Alexa könne coole Witze erzählen. Es befahl: „Alexa, erzähl einen Blondinenwitz!“ Ich wappnete mich innerlich ob der Sexismen, die da kommen würden. Alexa antwortete mit gewohnt sanfter Stimme: „Warum sind Blondinenwitze so schlicht und kurz? – Damit auch Männer sie verstehen können.“

Ich war verblüfft. Keine Frauenfeindlichkeit – es kommen gar keine Frauen mehr vor. Da wurde der Spieß mal eben umgedreht: Männer sind die Dummen. Ich stelle mir vor, wie Männer Alexa befehlen, einen frauenfeindlichen Witz zu erzählen, und dann kommt das. Fühlen sie sich unwohl, ertappt? Lachen sie? Beginnt so das Ende vom Patriarchat – wenn Männer kollektiv diffamiert werden? Liegt Männer-Bashing gerade im Trend?

Einiges spricht dafür: Beispielsweise brachte eine große Supermarktkette zum Muttertag einen Spot, der Väter im Umgang mit ihren Kindern zeigt. Eine Kinderstimme bedankt sich für die Einfühlsamkeit, während im Bild ein Vater seinem Kind den Ball ins Gesicht schleudert. Die Stimme bedankt sich für Aufmerksamkeit, während im Bild ein schlafender Vater neben seinem Kind gezeigt wird. Der Spot endet mit einem Kamera-Schwenk auf die Mutter und den Worten des Kindes: „Danke, Mama, dass du nicht Papa bist.“

Dieser Spot wurde von einer renommierten Hamburger Werbeagentur erstellt. Welche Zielgruppe hatte sie wohl im Blick? Kundinnen, Mütter, die sich kringelig lachen angesichts der Konstruktion von Vätern als ignorante Volltrottel? Männer als hässliche Versager, die im Grunde nur eins sind: lächerlich? Wahrscheinlich haben sich die Mitarbeitenden der (übrigens mehrfach ausgezeichneten) Werbeagentur gedacht: Männer werden immer nur als Helden dargestellt, jetzt zeigen wir mal das Gegenteil.

Im Netz gab es viel Kritik, der Spot belegte den dritten Platz bei „Der zornige Kaktus“, einem Negativ-Preis für sexistische Werbung. Aber es gab auch Beifall. Da hieß es: Warum nicht einmal den Spieß umdrehen? Seit unendlichen Zeiten werden Frauen öffentlich herabgewürdigt, lächerlich gemacht und gedemütigt. Und nun kommt ein einziger Spot, der Männer als Volltrottel darstellt, und alle fangen an zu lamentieren. Dabei ist es doch nur gerecht, wenn sie mal fühlen, wie das ist!

Was ist gerecht? Nach Tausenden von Jahren Patriarchat folgen Tausende Jahre Matriarchat und dann sind wir quitt? Reicht unsere Vorstellungskraft nur bis zum Austausch der Opfergruppen? Hier wäre der perfekte Moment, auf die biblische Botschaft zu verweisen und ihre Vision, dass nach dem Fall der Mächtigen nicht die Herrschaft der ehemals Machtlosen kommt, sondern etwas ganz Neues – auch hinsichtlich des Geschlechterverhältnisses.

Gleichzeitig bleibt die Frage: Wie fallen denn die Mächtigen? Oder eine Nummer kleiner: Wie verändern sich diejenigen, die von Geschlechterungleichheit profitieren? Es heißt, dass Gefühle einen großen Einfluss darauf haben, ob sich Haltungen ändern. Dass es einen Unterschied macht, ob ich Sexismus intellektuell für falsch halte oder spüre, wie das ist, wenn ich nur aufgrund meines Geschlechts ungerecht behandelt werde. Es gibt Patriarchen, denen es das Herz zerreißt ansehen zu müssen, wie ihre Töchter immer und immer wieder an der gläsernen Decke scheitern. Das sind diejenigen, die sich ändern. Vielleicht ist das mit dem probeweise Spieß-Umdrehen doch nicht so schlecht.

Mein Kind jedenfalls zuckte nur mit den Schultern. „Blöder Witz. Alexa! Aus.“

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