Debattenbuch

Über deutsche Kolonialgeschichte

Der Streit um das Humboldt Forum im Berliner Schloss hat darin sein Gutes, dass er ein vernachlässigtes Thema in den Blickpunkt der Öffentlichkeit rückt: die deutsche Kolonialgeschichte und ihre Folgen. Nun hat Bartholomäus Grill einen „Reiseführer“ für diese verdrängte Geschichte verfasst. Wenige wären dafür so geeignet wie er. In vielen, großen Reportagen für die Zeit und den Spiegel hat er tiefenscharfe Bilder von Afrika gezeichnet. Sein Buch Ach, Afrika (2003) ist ein Meisterwerk, immer noch sehr lesenswert. In Wir Herrenmenschen nun führt er seine Leser durch die ehemaligen deutschen Kolonien in Kamerun, Tansania, Togo, Namibia, China und Papua-Neuguinea. Geschickt verknüpft er dabei historische Orientierungen mit Gegenwartsbeobachtungen und Debattenbeiträgen.

So notwendig dieses Buch ist, so lässt es einen doch seltsam unbefriedigt. Das liegt zum einen an der Sprache. Viele Kapitel sind in einer flachen, klischeereichen Magazin-Sprache verfasst, die in einem Buch deplatziert wirkt. So werden Missionare zum Beispiel durchgängig als „Gottesmänner“ oder „Seelenfischer“ bezeichnet, die ersten afrikanischen Christen als ehemalige „schwarze Heidenkinder“ oder „Schäfchen“. Dies verbindet sich mit einem altbekannten Problem der Spiegel-Sprache: der Verbindung von schneller Erzählung und flinkem moralischem Urteil. Was sich da als kritische Haltung präsentiert, erscheint leicht als Überheblichkeit.

Dabei sind die Urteile, die Grill fällt, einleuchtend. Zu Recht entlarvt er immer noch wirksame Verklärungen des deutschen Kolonialismus und beschreibt ihn als das, was er war: Eroberung, Ausbeutung, Gier, Gewalt, Vergewaltigung. Doch wie er dies tut, ist nicht immer überzeugend. Das wird besonders deutlich, wo er das rhetorische „Wir“ benutzt. So in Titel und Untertitel oder in Sätzen wie: „Wir halten uns für tolerant, weltoffen und frei von Vorurteilen. Aber sind wir das wirklich? Haben wir es tatsächlich geschafft, die alten kolonialen Denkmuster zu überwinden?“

Kein vernünftiger Prediger verwendet heute noch solch ein homiletisches „Wir“. Denn es ist übergriffig, vereinnahmend und bevormundend. Es setzt eine gemeinsame Überzeugung voraus, die es doch allererst herzustellen gälte.

Es ist kein Zufall, dass in den inte-ressantesten beiden Kapiteln des Buches dieses „Wir“ nicht vorkommt, sondern ein ehrliches „Ich“. Hier wagt Grill sich mit erheblichem Mut, vielen Fragen und großem Aufwand an Recherche und Differenzierung an ein außerordentlich heikles Thema: der kolonialen Gewalt im heutigen Namibia. Er versucht zu prüfen, ob der heutige Begriff des „Völkermords“ angemessen ist, um diese zu verstehen. Dabei geht es ihm keineswegs darum, Kolonial-Apologeten oder Gewalt-Leugnern zuzuarbeiten. Aber er hat Zweifel daran, dass dieser Begriff – mitsamt seiner geschichtspolitischen Funktion – historisch wirklich passt. Das Motiv, das ihn dabei in komplizierte und heftige Debatten führt, hat mit seiner eigenen journalistischen Lebensgeschichte zu tun: der tiefen Scham darüber, die Massenmorde in Ruanda anfangs falsch beurteilt zu haben. Es fällt schwer, Grills Thesen und Argumente zu bewerten, aber wie er sie vorträgt – mit Sinn für Mehrdeutigkeiten und Widersprüche, Leidenschaft für die Wahrheitssuche, Empathie für die Opfer der Gewalt und zugleich Skepsis sich selbst gegenüber –, das könnte vorbildlich sein für die Debatten, die gerade erst begonnen haben.


 

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Foto: privat

Johann Hinrich Claussen

Johann Hinrich Claussen ist seit 2016 Kulturbeauftragter der EKD. Zuvor war er Propst und Hauptpastor in Hamburg.


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