Herkunftsscheiße

So ganz entgehen wir ihr nicht

Da ist sie wieder, diese Herkunftsscheiße…“ Der Icherzähler und Autor Stanišić besucht das Dorf seiner Vorfahren in Bosnien-Herzegowina, zusammen mit seiner Großmutter und deren altem Freund, – „diesen Brunnen hat dein Urgroßvater bohren lassen, er hat aus ihm getrunken...“

Das Jahr: 1992. Als Vierzehnjähriger war Saša Stanišić mit seiner Familie nach Deutschland gekommen, als Flüchtling vor dem Balkankrieg. Nun muss er als deutscher Großstadtmensch erst die Scheu vor Keimen überwinden, ehe er aus dem Brunnen seines Urgroßvaters trinkt.

2018 ist die Großmutter dement. Sie, die in seinen frühen Jahren seine Bezugsperson war, die ihm immer so praktisch-unverwüstlich-unsterblich erschien. Aber Erwachsenwerden heißt unter anderem, von der Sterblichkeit der Liebsten nicht nur zu wissen, sondern sie zu begreifen, wie später die eigene.

Damals, vor zwanzig Jahren, entführten ihn die Großmutter und deren alter Freund in jenes Bergdorf – es hatte noch achtzehn Einwohner – und der Alte fragt eindringlich: „Wo kommst du her, Junge?“. Diese Herkunftsscheiße eben. Damit wollte er nie etwas zu tun haben. Aber hier? An diesem irgendwie magischen Ort?

Saša Stanišić vermeidet alle Missverstehens-Fettnäpfchen, kleine verdeckt-theoretisierende Einschübe sichern zusätzlich vor Beifall von falscher Seite, er liest mit einem ganz leichten, sympathischen Akzent, er erzählt mit einer ganz leichten sympathischen Simplicius-Simplicissimus-Attitude.

Ein Text für Jeden, vielleicht sogar geeignet, die Wut hartnäckiger Xenophober zu unterwandern.


 

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