Nahaufnahmen: Nachbarn

Von Gemeinschaft und Konflikten
Nachbarn
Foto: dpa

Nachbarschaft hat viele Gesichter: Streit, Freude, Anonymität - und neuerdings auch der Austausch über entsprechende Plattformen im Internet. Hier vier Erlebnisberichte.

Neu in der Nachbarschaft

Kathrin Jütte (55) ist aus dem Westen Berlins in den Osten gezogen. Für ihre Aufnahme in die neue Hausgemeinschaft hat sie ein eigenes Programm entwickelt.

Umziehen ist nichts Neues in meinem Leben. So kenne ich auch die Freuden und die Tücken einer lebendigen Nachbarschaft. Und doch war der Umzug nach Potsdam diesmal anders, denn es stand fest: Hier wollen wir bleiben, in dieser Stadt, in diesem Haus. Dem großen Mietshaus aus wilhelminischer Zeit. Das Vorderhaus mit seinen acht Parteien ist durch einen großen Innenhof mit den zwanzig Parteien im hinteren Hausteil verbunden. Doch wir stellten bald fest, dass die Nachbarschaft im Hinterhaus mit der im Vorderhaus wenig zu tun hatte.

Wie wird dieses komplexe Wohnhaus, dieser soziale Mikrokosmos, uns aufnehmen? Zwei gestandene Westler, die nun mitten im Osten gelandet sind. Wenigstens beide mit ostdeutscher Herkunft mütterlicherseits und väterlicherseits, also vertrauten Wurzeln. Wir traten die Flucht nach vorne an und fragten uns, was wir als Neuankömmlinge für die bestehende Hausgemeinschaft beisteuern könnten. Bei unseren Nachforschungen zum historischen Gebäude wurde uns schnell klar, dass die mehr als hundertjährige Geschichte des Hauses noch im Dunkeln schlummerte. Und so machten wir uns an die ersten Recherchen, sichteten Fotoalben von Mitbewohnern und sahen die Hausakten im Stadtarchiv ein. Dazu führten wir Gespräche mit ehemaligen Bewohnerinnen und Bewohnern, frischten Erinnerungen auf und machten Fotoaufnahmen rund ums Haus. Stück für Stück entstand eine kleine Hausgeschichte zum Vorzeigen. Unsere neuen Nachbarn fanden sie so interessant, dass wir unsere Chronik im Hausflur als „Hausmuseum“ ausstellen sollten. Das Geld für einen sieben Meter langen Schaukasten wurde von allen Bewohnern gemeinsam finanziert.

Bei dieser Arbeit unterstützte uns ein Nachbar, der kurz zuvor Witwer geworden war und schon seit vierzig Jahren in diesem Haus lebte. Von ihm, dem Mann mit den zwei Meisterbriefen, lernten wir, welche Aufgaben zu ddr-Zeiten eine Gebäudewirtschaft hatte, wo sich die nächste Kaufhalle befand, dass eine Tomaten-Paprika-Zwiebelsoße Letscho heißt, dass man früher für 77 Ostmark in großen Wohnungen lebte und dass gleich hinter dem Haus vor 1989 die verbotene Stadt begann, also das Viertel, in dem die Sowjetarmee stationiert war. Für uns tat sich in vielen Gesprächen bei einem Gläschen Rotkäppchensekt eine vergangene Welt neu auf, in die wir neugierig eintauchten, wobei wir interessiert zuhörten und nur wenig nachfragen mussten. So kam es auch bald zum ersten Duzen unter dem neuen Dach. Wir selbst brauchten nicht allzuviel erzählen. Eigene Erfahrungen mit der sozialen Marktwirtschaft, dem Bildungssystem und dem westlichen Individualismus hatten unser neuer Freund und auch die anderen Nachbarn in den vergangenen zwanzig Jahren mehr als genug gesammelt.

Endlich angekommen

Auf der Positivseite erfuhren wir von den früheren Hoffesten, die vor der Wende regelmäßig im Haus gefeiert worden waren. So genannte Mitbringpartys schweißten die Bewohnerinnen und Bewohner im Haus als Gemeinschaft in oft schweren Zeiten zusammen. Warum also nicht wieder diese Tradition beleben? Wir fragten vorsichtig im Haus herum. Schnell fand sich ein kleines Team, das ein Sommerfest auf die Beine stellte. Eine lange Reihe von geschmückten Biertischgarnituren in den Farben des Hauses verband das Hinterhaus mit dem Vorderhaus. Der Brückenschlag scheint gelungen, inzwischen feiern wir jedes Jahr zusammen. Nach und nach lernen wir uns im Gespräch kennen, wissen jetzt, wer sich hinter den Fenstern im Hof verbirgt, leeren im Urlaub Briefkästen, nehmen Onlinepakete in Empfang und gießen gegenseitig Blumen.

Vor einiger Zeit berichtete unser Nachbarfreund von einem Besuch einer Familie aus dem Ruhrgebiet, die vor dem Mauerbau in unserem Haus gewohnt hatte und nach Duisburg gezogen war. Sie wollten sich das Haus noch einmal anschauen. „Stellt Euch vor, die Wessis haben doch tatsächlich gedacht, wir heizen hier noch mit Kohle“, erzählte er uns entrüstet. Und fuhr fort: „Denen habe ich erstmal die neue Ölheizung im Keller gezeigt.“ Da wussten wir, wir sind angekommen.

Kathrin Jütte

 

Sicher sind sie nett

Der Journalist Johann Müller-Kantert (53) wohnt mit mutmaßlich netten Nachbarn in einem Mietshaus. Leider kennt er sie kaum. Ob sich das noch ändert?

Unsere Nachbarn sind nett. Wahrscheinlich jedenfalls. Fakt ist, dass wir sie kaum kennen, obwohl wir schon seit zehn Jahren mit ihnen in einem schönen Backsteinbau in einem absoluten In-Viertel der Stadt zusammenwohnen. Einem fünfstöckigen Gebäude, Baujahr 1929, das den Zweiten Weltkrieg anscheinend unbeschadet überstanden hat und kurz bevor wir einzogen wunderbar renoviert wurde.

So weit, so gentrifiziert. Leider ist unser Verhältnis zu unserer Nachbarschaft auch gentrifiziert. Unter Gentrifizierung versteht man, wenn ansässige Bevölkerungsschichten durch neue, wohlhabendere ersetzt werden. Und genauso ergeht es der Beziehung zwischen uns und unseren Nachbarn. Die althergebrachten nachbarlichen Umgangsformen, oder sagen wir besser Bedürftigkeiten, gibt es nicht mehr. Natürlich sind alle super höflich, wenn man sich trifft, man hält sich die Tür auf, nimmt Pakete an und so weiter. Aber sonst scheinen wir einander nicht zu bedürfen. Blumengießen im Urlaub? Da fragen wir doch lieber Andi aus dem Chor, mit dem wir ja von daher gut befreundet sind. Der radelt in sieben Minuten zu uns und sagt, das wäre für ihn kein Ding. Also dann …

Lange nicht gesehen

Früher war das anders. Als ich ein Kind war, wohnte ich mit meinen Eltern in einer anderen Stadt, auch in einer schönen Wohnung, die Worte Gentrifizierung und In-Viertel gab es damals noch nicht. Da gingen wir während der Olympiade 1972 zu den Nachbarn rüber, weil wir keinen Fernseher hatten. Sie hießen Marx und waren sehr nett und hatten etwas jüngere Kinder, die manchmal zu uns zum Spielen kamen oder wir zu ihnen. Fehlte Samstagnachmittag mal ein Ei oder Mehl oder Backpulver, dann klingelte man bei Marx, oder, wenn die nicht da waren, zwei Etagen tiefer bei Wassers. Lieber bei denen, als eine Etage darüber bei Bogisch, denn denen trampelten meine Schwester und ich immer auf dem Kopf herum, und dann beschwerten sie sich. Aber ich kannte sie alle irgendwie, wir waren eine Hausgemeinschaft, eine Nachbarschaft und keine Frage, man half sich.

Und heute? Frau Bluhm, die bis vor kurzem direkt unter uns wohnte, hat sich in den zehn Jahren ein Mal beschwert, weil meine Tochter zu lange und zu laut Trompete blies. Kürzlich fiel uns auf, dass wir sie lange nicht gesehen haben, auch waren die Pflanzen auf ihren Balkon verdorrt. Sie wird doch nicht … Doch, sie war gestorben. Irgendwie schockierend, obwohl wir sie nur vom Guten-Tag-Sagen kannten. Vor einem Jahr war meine Frau, nachdem sie spontan mit einer jungen Frau, „der Heike“, unvermittelt doch mal einen sehr netten Treppenhausschwatz gehalten hatte, ganz beseelt von der Idee, wir könnten doch alle Menschen in unserem Haus, immerhin 14 Mietparteien, zu einem Kennenlern- und Grillabend einladen. Im ersten Stock nach hinten gibt es vor dem Dach der Tiefgarage eine größere Freifläche, da könnte man sieben, acht Stehtische hinstellen und freundliche Einladungen in alle Briefkästen werfen. Mal gucken, wer kommt? Warum nicht, sagte ich.

Der Sommer verging. Eigentlich, so meine Frau, könnte man es auch gut als Adventstreff machen, mit Glühwein und Plätzchen, so kalt wird es ja eh nicht mehr. Nun ist der Sommer schon wieder voll auf der Höhe, und wir denken wieder, vielleicht wäre doch die Adventszeit am besten geeignet für die Ent-Gentrifizierung unserer Nachbarschaftsbeziehungen von wegen „Machet die Tore weit…“. Was meinen Sie?

Aufgezeichnet von Reinhard Mawick

 

„Eine schlechte Mensch“

Philipp Gessler (52), hatte einen geradezu epischen Streit mit seinem Nachbarn – aber es sieht nach einem Happy End aus.

Ich halte mich für einen relativ gelassenen und toleranten Menschen. Aber da kann man sich ja täuschen. Der Streit mit meinem Nachbarn – nennen wir ihn: Peter – brachte mich jedenfalls an die Grenzen meiner Toleranz, und eigentlich hatte sich das schon lange angekündigt.

Vor 15 Jahren wurden Peter und ich Nachbarn. Wir hatten wenig miteinander zu tun, aber was das für ein Mensch war, zeigte sich, als er seine kleine Tochter und seine Frau nach der Trennung aus der gemeinsamen Wohnung schmiss. Etwa ein Jahr später durfte seine Ex mit der Tochter wieder dort einziehen. Der Tochter wegen, die er so sehr liebt. Er selbst zog aus, war nun aber der Vermieter der beiden. Das führte zum Dauerstreit der ehemaligen Ehepartner – und wen Peter auf der Seite seiner früheren Frau vermutete, der bekam von ihm absurde Mails voller Beleidigungen. Die meisten Beschimpften übergingen diese Schreiben, vernünftiger Weise. Nur wenige gingen mit Gegenbriefen oder per Anwalt dagegen vor.

Vor ein paar Jahren bat mich dann seine Ex-Frau, mit der meine Frau und ich befreundet sind, um ein Vermittlungstreffen zwischen ihm und ihr. Ihre Tochter, mittlerweile erwachsen, war dabei. Er wollte zurück in die Wohnung, sie sollte ausziehen, die Tochter könne bleiben. Es war keine gute Idee. Ich ergriff, möglichst ruhig, im Laufe des Gesprächs Partei für seine Tochter und Ex-Frau. Nun war ich endgültig sein Feind. Einer seiner vielen. Angeblich schuld an all seinem Elend.

Nun beschloss Peter: Beide, seine Tochter und Ex-Frau, sollten ausziehen. Gesagt, getan – jetzt hatten wir Peter also wieder als direkten Nachbarn, und der Streit eskalierte. Das Geräusch des Ventilators unserer Gästetoilette störte ihn. Deshalb hämmerte er mit einem Stock von seinem Balkon aus auf das Metallgitter, mit dem das Abluftrohr an der Außenwand des Hauses abgedeckt wird. Er tat dies so heftig und häufig, dass das Gitter am Ende nur noch lose an der Wand hing.

Inflagranti fotografiert

Dass ich ihn deshalb einmal im Hausflur lautstark anging, ja, wir ihn beim Schlagen auf das Gitter sogar zwei Mal in flagranti fotografierten, war ihm offenbar egal. Er fühlte sich im Recht – und ich bekam wieder Mails von ihm mit den üblichen Beschimpfungen . Ich sei „eine schlechte Mensch“, war eine der schönsten Formulierungen. Ich antwortete nicht und ließ ihn weiter hämmern. Wegen so eines Quatschs wollte ich am Ende nicht in einem doofen Nachbarschaftsstreit mit ihm vor Gericht stehen.

Doch dann passierte etwas Seltsames: Im Heizungskeller explodierte eine Gasleitung. Angeblich nach Gewaltanwendung. Kohlenmonoxid trat aus. Es war gefährlich. Die Polizei kam, uns allen im Haus fehlten mehrere Stunden lang Warmwasser und Strom. Peter verhielt sich komisch dabei, dachten wir und alle Nachbarn: Hatte er vor lauter Aggression im Keller randaliert? Als sich das Ganze mit weniger gravierenden Folgen noch zwei Mal wiederholte, war klar: Er konnte es nicht gewesen sein. Das Kellertürschloss war ausgetauscht worden.

Dennoch hatten die Vorfälle im Keller eine positive Wirkung. Denn die Polizei und der Sozialpsychiatrische Dienst hatten bei ihm mal angeklopft – und plötzlich zeigte sich Peter kompromissbereit. Er entschuldigte sich gar. Jedoch nur bei meiner Frau. Denn für ihn bleibe ich der Feind. Peter will nun sogar einen leiseren Ventilator für unsere Toilette mitfinanzieren, sagt er. Ich bin gespannt, ob er das macht.

Philipp Gessler

Bereicherung des Kiezlebens

Theda Lindloff (53) lebt in Berlin und pflegt Nachbarschaft auch über das Internet.

 

Vor etwa zwei Jahren hörte ich im Radio ein Interview mit Christian Vollmann, dem Gründer des Internetportals nebenan.de und wurde neugierig. Denn Nachbarschaft erlebe ich schon lange als etwas sehr Positives. Ich wohne seit über zwanzig Jahren in einem Mietshaus im Prenzlauer Berg und bin Teil eines gut funktionierenden Netzwerkes aus denen, die schon lange hier wohnen, und den neuen, oft wechselnden Mieterinnen und Mietern. Menschlich, analog, gut. Aber ich hatte darüberhinaus den Wunsch, noch stärker in Kontakt zu treten mit den Menschen um unser Haus herum. So ein Großstadtkiez hat ja manchmal auch etwas Dörfliches, man sieht sich immer wieder auf der Straße. Aber man kommt oft nicht wirklich über das Grüßen hinaus. Da kann der Umweg über das Internet helfen. Wer bei nebenan.de mitmacht, kann sich eintragen in Interessengruppen. Ich bin angemeldet in einer Qi-Gong-Gruppe und bei einer Gruppe von Frauen, die sich gegenseitig unterstützen. Noch ist der Kontakt nicht so intensiv, aber die Anfänge waren schon vielversprechend.

Materiell habe ich auf jeden Fall schon von dem Portal profitiert. Einer hatte eine Spülmaschine mit kleinem technischen Defekt zu verschenken, die läuft seit einem halben Jahr fast problemlos in meiner Küche. Hinzu kamen unter anderem ein schönes Sideboard, ein neues Telefon, drei Kinderfahrräder, ein Paravent, Stoffe – alles umsonst oder für wenig Geld. Oder man leiht oder verleiht etwas, ich habe zum Beispiel meine Nähmaschine mal ver- und eine Feuerschale geliehen. Manchmal fragt auch jemand nach zwei Händen zum Helfen oder sucht nach Einrichtungsgegenständen für eine Flüchtlingsfamilie. So etwas zu organisieren ist über das Internet schon sehr viel leichter, als Aushänge in Hausfluren oder an Laternen zu machen. Und man lernt sich darüber kennen, kommt beim nächsten Treffen auf der Straße ins Gespräch miteinander. Man bekommt auch mehr mit von dem, was im Kiez passiert, zum Beispiel hat jemand mal vor Trickdieben gewarnt, die bei uns unterwegs waren.

Das Portal ersetzt gewiss nicht die gute alte Nachbarschaft im Haus, aber es ist eine sinnvolle Erweiterung und auf jeden Fall eine Bereicherung für das Leben im Kiez, wenn man sich darauf einläßt.

Aufgezeichnet von Stephan Kosch


 

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