Vielstimmige Kirche im digitalen Raum

Jedes Monopolisierungsgebaren der Kirche muss scheitern
Philipp Greifenstein
Foto: privat
Philipp Greifenstein

Die größte Herausforderung für die Kirche im Zeitalter der Prosumenten ist der Verzicht darauf, durch professionelle Kommunikation lenken zu wollen. Zu viele Menschen haben schon ihre Stimme entdeckt, meint zeitzeichen-Onlinekolumnist Philipp Greifenstein.

 

Es ist völlig ok, dass Konfirmand*innen verwackelte Videos von ihren Freizeiten online stellen. Das allen Marktlogiken widersprechende Video des Pfarrers, der vor der Kamera die letzte Predigtperikope auseinandersetzt – bitte sehr! Auf Twitter wild durcheinander diskutierende Christ*innen – mehr davon! Kuschelige Instagram-Stories von erweckten Gläubigen – her damit!

 

Eine Kirche, die im Priestertum aller Getauften gründet, braucht keine Angst vor der freifliegenden Kommunikation des Evangeliums haben. Es ist ja auch überhaupt nicht mehr möglich, die Kontrolle zu behalten. Die Entscheidung, vor die sich die verfasste Kirche gestellt sieht, ist einzig, ob sie das als Kontrollverlust oder lieber positiv deutet. Zum Beispiel als freies Schwingen des Geistes, der nun einmal weht, wo es ihm grad passt.

 

#digitaleKirche-Leute halten das für eine Selbstverständlichkeit. Aber das ist es nicht. So lange Pfarrer*innen (sich) zweimal fragen, ob sie auf Social-Media-Kanälen unterwegs sein dürfen, so lange bei jeder digitalen Lebensäußerung der Kirche sofort nach theologischer Überprüfung und kirchenamtlicher Steuerung gerufen wird, so lange ist die Kirche noch nicht im Web 2.0 angekommen.

 

Alle kleinen, halbgaren, inspirierten und improvisierten Projekte zahlen auf ein Konto ein. Es gibt – das kann man nicht häufig genug sagen – im Netz keine Landeskirchen-, Kirchenkreis- oder gar Gemeindegrenzen. Niemand sollte im Netz den Anspruch erheben, allein für die evangelische Kirche zu kommunizieren. Erst recht nicht diejenigen, deren professioneller Auftrag es ist. Evangelische Vielfalt muss dargestellt werden und kann im digitalen Zeitalter nicht mehr nur als Behauptung apodiktisch vorgetragenen Allgemeinwahrheiten vorangestellt werden.

 

Das würde ungemein entlasten: Niemand muss für alle sprechen. Niemand muss alles auf einmal versprechen. Und vor allem: Endlich muss nicht mehr mit dieser elenden kirchenamtlich-korrekten Sprache auf das Binnenpublikum Rücksicht genommen werden.

 

Sicher braucht es dabei theologisches Gespür. Es kann nicht schaden, dass wir alle Theolog*innen werden. Theolog*innen wie ich einer bin, ohne Examen. Theolog*innen im Sinne Paul Tillichs, der in einer seiner Reden meint: „Hier in unserem Kreise sind wir Theologen, Menschen, die nach dem fragen, was Menschen unbedingt angeht, die Frage nach Gott und seiner Offenbarung. (…) Theologie ist nach dem Zeugnis der ganzen christlichen Kirche zuerst und vor allem eine Gabe des Heiligen Geistes.“

 

Wer mit der Kirche Jesus als den Christus bekennt, vermag das nur durch den Geist. Und weil Theologie „ein Werk des göttlichen Geistes ist“, ist sie ein Werk der Kirche. Wenn solche Theologie in der Kirche keinen Platz hat, dann sind die Kirchenmauern zu eng gezogen. „Theologische Existenz bezeichnet die Existenz dessen, der innerhalb der Kirche vom göttlichen Geist ergriffen ist und das Wort der Weisheit und Erkenntnis empfangen hat.“

 

Skeptisch sollten wir alle mit Tillich gegenüber denjenigen bleiben, die meinen, sie allein wären im Besitz ewiger Wahrheiten. Das Merkmal verantwortlicher Theologie bleibt die Ernsthaftigkeit des Suchens, der aufrichtige Zweifel, nicht die zur Schau gestellte (Selbst-)Sicherheit – auch im Netz.

 

Im oscarprämierten Spielfilm „The King’s Speech“ gibt es eine Schlüsselszene in der Westminster Abbey: Der zum Königtum verdammte George V. befiehlt seinem Mentor Lionel Logue vom Thron aufzustehen, auf den er sich unbotmäßig fläzt. Der weicht nicht als sich George V. ausgerechnet auf Tradition und göttliches Recht beruft, die ihn erst in seine missliche Lage gebracht haben. Logue erhebt sich, als der Stotterer George V. erkennt: „I have a voice!“.

 

 

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