Die sündigen Gänse des Bischofs

Der Crossbones Cemetery in London, einst ein Friedhof der Ausgestoßenen, inspiriert heute viele
Crossbones
Fotos: Martin Glauert

Die Prostituierten am südlichen Ufer der Themse hießen im Volksmund „Winchester Geese“, die Gänse des Bischofs. Denn zu Lebzeiten kamen die auch für den Oberhirten profitablen Damen in den Genuss schützender bischöflicher Regeln. Nach dem Tod aber wurden sie auf dem Crossbones Cemetery in London verscharrt, in ungeweihter Erde. Heute, Jahrhunderte später, wird ihrer und aller anderen Außenseiter regelmäßig gedacht.

Schlendert man von der majestätischen Southwark Cathedral, noch ganz benommen von ihrer nahezu überirdischen gotischen Pracht, durch das Stadtviertel am südlichen Ufer der Themse, so kann es geschehen, dass man gedankenverloren unter einer Bahnbrücke hindurch in eine abgelegene Seitenstraße gerät. Der Redcross Way führt an einer Baubrache entlang, die durch einen Metallzaun abgegrenzt ist. Baustellen sind in London an jeder Ecke, stutzig macht nur all das bunte Zeug, das da am Zaun hängt.

Beim näheren Hinschauen erweist es sich als ein Gewusel aus farbigen Bändern, Perlen, selbstgebasteltem Schmuck, Teddybären und hölzernen Clowns. Zwischen Ähren und tibetanischen Gebetsfahnen finden sich alte Familienfotos, kleine Spiegel, Talismane und Traumfänger, Gebete und Gedichte. Typisch englisch, verrückte Straßenkunst, denkt man im ersten Augenblick. Tatsächlich aber verbirgt sich hinter dem Zaun der Crossbones Cemetery, der geheimnisvollste Friedhof Londons und zugleich ein skandalöses Kapitel Kirchengeschichte.

 

Das eiserne Tor ist mit einer schweren Kette und einem Vorhängeschloss gesichert, aber durch das Gitter erspäht man einen verwilderten Garten. Darin tummeln sich Engelgestalten und Feen, ein selbstgeschnitzter Nachbau der Grotte von Lourdes, aber auch Buddhas und hinduistische Götter. Vor einem Grabstein liegt ein grell bemalter Totenschädel. Sehr christlich sieht das Ganze nicht aus, und tatsächlich war diese Begräbnisstätte Jahrhunderte lang ungeweihter Boden – unter höchst klerikalem Management.

Im 12. Jahrhundert gehörte das ganze Gelände dem Bischof von Winchester. Hier am Südufer der Themse, außerhalb der Kontrolle der Stadtverwaltung, vergab der geschäftstüchtige Bischof Lizenzen für sünd- und lasterhafte Unternehmen. In illegalen Bärenkampfarenen und schlüpfrigen Theatern konnte sich das Volk vergnügen. Am profitabelsten liefen jedoch die Bordelle! „Stews” wurden sie genannt, das englische Wort für Badehaus, aber auch für Eintopf, und entsprechend ging es dort wohl drunter und drüber.

Sündhaftes Leben

Die Prostituierten hießen im Volksmund nur „Winchester Geese“, die Gänse des Bischofs. Zu Lebzeiten kamen die gewinnbringenden Damen in den Genuss schützender bischöflicher Regeln: „Eine Frau, die von ihrem Körper lebt, hat die Erlaubnis und Freiheit, zu kommen und zu gehen, wie sie will, ohne Behinderung durch den Bordellbetreiber.“ Nach dem Tod sah das allerdings ganz anders aus. Obwohl die Kirche von deren blühenden Geschäften profitiert hatte, verweigerte sie „entehrten“ Frauen ein christliches Begräbnis, „solange sie jenes sündhafte Leben weiter führten, es sei denn, dass sie vor ihrem Tod versöhnt würden“. Und so wurden sie jahrhundertelang auf diesem Stück Acker verscharrt, mit ihnen ihre ungewollten Kinder. Im 16. Jahrhundert verbot König Heinrich VIII. die Bordelle, was aber offensichtlich niemanden beeindruckte, das Geschäft florierte weiterhin. Erst die Puritaner unter Oliver Cromwell waren ernst zu nehmende Feinde der Lust, sämtliche Vergnügungsstätten südlich der Themse wurden 1647 geschlossen.

 

Gestorben wurde trotzdem, nun aber waren es die zahlreichen Pestopfer und die Ärmsten der Armen, die auf diesem Feld in ein anonymes Grab gelegt wurden. Einige aber fanden nicht einmal hier ihre letzte Ruhe, ihr Körper wurde von Leichendieben ausgebuddelt und bei Nacht ins nahe gelegene Guys Hospital gekarrt, wo sie als Material für verbotene anatomische Sektionen dienten. Damit verdienten sich die ebenso verachteten wie gefürchteten „Auferstehungs-Männer“ ein paar Pennies, die sie in den Kneipen des Viertels versoffen.

Als der Leichenacker 1853 wegen Überfüllung geschlossen werden musste, waren mehr als 15 000 Menschen in seiner Erde bestattet worden. Was tun mit dem leeren Areal? 1908 wurde eine Schule auf dem Grundstück errichtet, doch das Projekt fand sein jähes Ende, als immer wieder Gerippe und Schädel auf dem Spielhof auftauchten, was zu einem öffentlichen Aufschrei führte. Aus dieser Zeit stammt wohl auch der Name Crossbones, gekreuzte Knochen. Noch einmal versuchte ein Kirmesbetreiber kurz sein Glück auf dem Feld, aber Leichenteile sind der Stimmung auf einem „fun fair“ nicht gerade förderlich. Danach trat eine lange Grabesruhe ein.

 

Erst in den Neunzigerjahren machte der Friedhof wieder von sich reden, als eine neue U-Bahn-Linie gebaut wurde. Bei dieser Gelegenheit untersuchten Archäologen des Museum of London 148 Skelette und machten dabei eine erschütternde Entdeckung: Die Hälfte der Überreste stammte von totgeborenen Kindern oder abgetriebenen Föten. Ein großer Teil der Begrabenen waren Kleinkinder unter fünf Jahren, ein Spiegel der hohen Kindersterblichkeit in den Armenvierteln des viktorianischen Londons.

Niemand kann wirklich erklären, wie es dazu kam, dass der so lange vergessene Friedhof plötzlich zum Zündfunken eines sozialen und kulturellen Protests wurde, der das gesamte Stadtviertel bis heute bewegt. Der Kampf um das Gedenken an die „ausgestoßenen Toten“ der Gesellschaft vereint protestlerische Hipster, entschlossene Feministinnen, geschichtsinteressierte Bildungsbürger, skurrile New Age – Anhänger und Okkultisten. Ab 1998 fanden auf dem Gelände mystische Zeremonien zu Halloween statt, ein gruseliges Theaterstück über die mittelalterliche Geschichte Southwarks wurde geschrieben und im renommierten Globe Theatre aufgeführt.

Eingeworfene Fensterscheiben

Der ehemalige Schinderacker ist zu einem Ort populären Protests geworden. Nach Bedarf wird die Betroffenheit über die hier begrabenen Opfer schon mal auf das eigene Klientel ausgedehnt. Am Bauzaun hängen grelle Plakate, auf denen ein knöcherner Schädel zu sehen ist, umwunden von einem Lorbeerkranz. In einer Serie von Popart-Postern werden „außergewöhnliche Frauen des Bezirks“ geehrt: „Bess Holland besaß und betrieb Southwarks berüchtigstes Bordell“, erfährt man dort. „Evelyn Sharp leitete einen Suffragistenclub, warf Fensterscheiben ein und verweigerte die Steuer.“ „Carol Wood nimmt es zuhause mit ihm auf“ – eine bedrückende Andeutung aktueller häuslicher Gewalt.

 

Schon lange ist das Areal im Visier von Bauunternehmern und Investoren. Wohnungen am Südufer der Themse, nur einen Steinwurf von der City entfernt, sind begehrt und für Normalverdiener kaum noch erschwinglich. Baugrundstücke sind in der Millionen-Metropole knapp, da ist der alte Friedhof ein regelrechter Sahnehappen. Aber trotz Wohnungskrise scheiterten bisher alle Baupläne am Widerstand der Anwohner.

Vor drei Jahren eröffnete die Bürger-initiative Friends of Crossbones den „Garten der Erinnerung“. Neben zahlreichen spontan gebastelten Denkmälern, die oft eher skurril als spirituell wirken, finden sich geschnitzte Holzbänke, auf denen man im Schatten der wild wachsenden Büsche und Bäume ausruhen kann. Für die Bewohner des Viertels ist das eine willkommene Oase im Stadtgetümmel, leider nur unregelmäßig geöffnet.

Am 23. jeden Monats versammelt sich ein kleiner Kreis von Anhängern um sieben Uhr abends am Friedhofsgitter, um eine Gedenkwache für die toten und lebenden Ausgestoßenen abzuhalten. Lieder werden gesungen, Opfergaben für die Toten abgelegt. Mitarbeiter eines College of Psychic Studies bieten eine Einweihung in „Urbaner Magie“ an.

 

Gelegentlich schaut der Schriftsteller John Constable vorbei, der sich selbst als Schamane bezeichnet und als Protagonist der Bewegung gilt, seit ihm 1996 der Geist einer hier beerdigten Hure erschien. Die Visionen und Lehren, die er von „The Goose“, der Gans, erhielt, hat er in Büchern und einem Theaterstück verarbeitet. Seither wird „The Goose“ in den Treffen als Schutzheilige des Friedhofs und aller Außenseiter verehrt.

Auch die Kirche scheint ihren Frieden mit den ehemaligen Sündern und Verstoßenen gemacht zu haben. Seit 2015 hält der Dekan von Southwark, Hochwürden Andrew Nunn, jährlich am 22. Juli, dem Festtag Maria Magdalenas, einen offiziellen „Akt des Bedauerns, der Erinnerung und der Wiedergutmachung“ ab. Er erinnert dabei an das historische Unrecht, das von Seiten des Klerus den Frauen geschehen war, die hier auf Crossbones beerdigt wurden.

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Martin Glauert

Martin Glauert ist Arzt, Theologe und freier Autor der "zeitzeichen". Er lebt in Kassel.


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