Angriffsfläche für die Sünde

Zum Gegensatz von Fleisch und Geist bei Paulus
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Wenn Paulus über „Fleisch“ schreibt, geht es in der Regel nicht um die Ethik von Speiseplänen. Vielmehr beschreibt er eine anthropologische  Kategorie, die ebenso wie der „Geist“ den Standort der Christen in der Welt und vor Gott klären soll. Friedrich Wilhelm Horn, Professor em. für Neues Testament an der Universität Mainz, beschreibt das paulinische Denken.

Paulus konstruiert oft drastische Gegensätze: Fleisch oder Geist, Buchstabe oder Geist, Gesetz oder Glaube, Geist oder Leib, Weisheit oder Geist, und er verstärkt gerne die Gegensätze nochmals durch oppositionelle Verben: „Denn der Buchstabe tötet, aber der Geist macht lebendig“ (2 Korinther 3,6); „Fleisch und Geist liegen in einem Streit miteinander“ (Galater 5,17). Ich mache mich auf eine Spurensuche, um zu verstehen, was der Gegensatz von Fleisch und Geist besagt. Zunächst fällt auf, dass Paulus ausschließlich in seinen letzten Briefen Galater-, Philipper- und Römerbrief die Substantive Fleisch und Geist antithetisch gegenüberstellt (Galater 3,2–5; 4,29; 5,13–25; 6,8; Philipper 3,3–6; Römer 8,5–17), im 1. Thessalonicher-, im 1. und 2. Korintherbrief so hingegen noch nicht. Dies lenkt die Spurensuche in die genannten Briefe.

Blicken wir auf den Gebrauch von Fleisch und Geist je für sich in den Briefen des Paulus, also ohne den Gegensatz, so fällt zweierlei auf: a) Sowohl Fleisch als auch Geist begegnen bei Paulus gelegentlich in einem wertneutralen Sinn als anthropologische Begriffe für den menschlichen Geist und für das Fleisch als materiellen Teil des Körpers. b) Daneben aber stehen Aussagen, die ausgesprochen negativ über dieses Fleisch urteilen: „Denn ich weiß, dass in mir, das heißt in meinem Fleisch, nichts Gutes wohnt“ (Römer 7,15a). „Ich aber bin fleischlich, unter die Sünde verkauft“ (Römer 7,14b). Woran liegt das?

Keine Autonomie

Paulus begreift das Fleisch, konkret die Glieder des Körpers, als eine Angriffsfläche für die Sünde. Diese nämlich benutzt wie eine dem Menschen gegenüberstehende Macht das Gesetz, pervertiert dessen gute Absicht und erweckt durch das einzelne Gebot gerade die Begierde. „Du sollst nicht begehren“ sagt das Gebot, aber genau diese Begierde wird im Hören des Gebots geweckt und der Mensch entscheidet sich gegen seinen Willen für das, was er eigentlich nicht tun will (Galater 5,17). Und der Geist? Er ist in diesen Zusammenhängen immer der Geist Gottes, nicht mehr der menschliche Geist. Es ist der Geist Gottes, von dessen Gegenwart und Macht Paulus seit Christus überzeugt ist.

Fleisch und Geist werden für Paulus Kategorien, um den Standort der Christen in der Welt und vor Gott zu klären. Ohne das Wirken des Geistes Gottes am Menschen ist dieser den Angriffen der Sünde zum Schlechten hin permanent ausgeliefert. Der Mensch nämlich wird von Paulus verstanden wie ein Gefäß oder eine Hülle, die Wohnstätte der Sünde ist, deren Angriffe seinen Gliedern zusetzen und in Abhängigkeit festhalten (Römer 7,17.20). Diese ausgesprochen negative Anthropologie beschreibt Paulus in Römer 7 in großer Ausweglosigkeit – aber doch schon aus der Perspektive desjenigen, der von der Überwindung weiß. Diese nämlich tritt da ein, wo der Geist Gottes den Menschen bewohnt (1 Korinther 3,16; Römer 8,9) und ihm eine neue Ausrichtung eröffnet. Autonom ist der Mensch also nicht. Seine Freiheit gewinnt er paradoxerweise erst durch die Einwohnung des Geistes Gottes, weil diese Einwohnung ein Befreiungsgeschehen von der Macht der Sünde einleitet.

Theologisch Grundsätzliches

Fleisch und Geist sind für Paulus gleichsam Parallelbegriffe zum Gegensatz von irdisch und himmlisch oder Welt und Gott (so explizit in Galater 4,29). Kein Autor neben Paulus hat so häufig von dieser Antithese Gebrauch gemacht. Der Profangräzität ist der Gegensatz nahezu fremd. In der alttestamentlich-jüdischen Literatur ist dieser Gegensatz selten zu finden (Genesis 6,3; Jeremia 31,3) und Philo von Alexandrien, ein Zeitgenosse des Paulus, beschreibt einmal zwei Menschenklassen mittels des Gegensatzes von Fleisch und Geist (Quis divinarum rerum heres sit 57). Aber all das und wenige weitere Belege reichen nicht, um Paulus hier zum Exponenten einer älteren, eventuell sogar metaphysisch ausgerichteten dualistischen Weltsicht zu machen.

Es gehört zur Spurensuche, den Gegensatz sprachlich genauer zu fassen. Auffällig sind Verbindungen mit Präpositionen. Ein Mensch lebt nach dem Fleisch oder nach dem Geist beziehungsweise durch den Geist, handelt im Geist oder eben im Fleisch. Die Gegensätze fleischlich und geistlich in 1 Korinther 3,1–3, bezogen auf Menschen, verwenden Adjektive und Substantive. Das umgebende Wortfeld der Texte von Fleisch und Geist in Galater 5 und Römer 8 reichert durch weitere Gegensätze an: Tod oder Leben, Sklaverei oder Sohnschaft oder Erbschaft, Vergänglichkeit oder Herrlichkeit. Und Kriegsgeräusche, Streit und Gefangenschaft werden angeschlagen (Römer 7,23). Wir stoßen folglich mit Fleisch und Geist auf etwas theologisch sehr Grundsätzliches.

Ich verfolge die Spurensuche weiter und betrachte zwei Texte des Paulus gründlicher: Im Brief an die galatischen Gemeinden erinnert Paulus an den Kampf zwischen Fleisch und Geist, der in der Kampfstätte Mensch tobt (Galater 5,13–25). Unterlegt ist dieses militärische Bild von der Gewissheit, dass in diesem Streit ein Sieg möglich ist: „Wandelt im Geist, so werdet ihr das Begehren des Fleisches nicht erfüllen“ (Galater 5,16). In welche Richtung aber soll dieser neue Lebenswandel erfolgen? Paulus bringt zwei klare Beispiele, er bietet einen Laster- und einen Tugendkatalog (Galater 5,19–23). Kataloge bieten Orientierung. Sie sind nie vollständig, eher exemplarisch wegweisend. Einleitend zählt er fünfzehn Laster auf, die als Werke des Fleisches angesprochen werden. Nichts Neues sagt er, also Bekanntes, denn er habe bereits zuvor davon gesprochen, Laster, die mit dem Reich Gottes unvereinbar seien: „Unzucht, Unreinheit, Ausschweifung, Götzendienst, Zauberei, Feindschaft, Hader, Eifersucht, Zorn, Zank, Zwietracht, Spaltungen, Neid, Saufen, Fressen und dergleichen“. Eingeleitet wird der Katalog mit solchen Lastern, die aus jüdischer Perspektive Kennzeichen heidnischen Lebens sind, Unzucht, Unreinheit und Götzendienst. Es schließen sich Beschreibungen von vielerlei Formen konfliktbesetzten, streithaften Verhaltens an und sodann mündet der Katalog mit Saufen und Fressen in solchen Niederungen, die rein gar nichts mit dem Wesen des Reiches Gottes zu tun haben (Römer 14,17). Inhaltlich und im Aufbau hat dieser Katalog Entsprechungen in weiteren Lasterkatalogen (etwa Römer 1,29–31; 1 Korinther 5,11; 6,9–11; Epheser 5,5). Ob es nun fünfzehn Laster sind oder wie in Römer 1,29–31 gleich 21 Laster, es wird deutlich, wie Paulus sich ein Leben nach dem Fleisch vorstellt.

Gegenübergestellt ist in Galater 5,22–23 ein Tugendkatalog, der die Frucht des Geistes benennt: „Liebe, Freude, Friede, Geduld, Freundlichkeit, Güte, Treue, Sanftmut, Keuschheit“. Über die Tugenden lässt sich wohl weniger sagen als über die Laster, denn es stehen hier wie auch in anderen Katalogen deutlich weniger Tugenden den Lastern gegenüber. Die Liebe hat die Kopfstellung. Sie ist für Paulus selbst im Verhältnis zu Glaube und Hoffnung die größte unter ihnen (1 Korinther 13,13). Insgesamt sind die Tugenden nicht spezifisch jüdisch oder christlich. Es handelt sich eher um allgemein anerkannte und gewünschte Werte und Einstellungen, die also hier als Frucht des Geistes aufgenommen werden. Die abschließende Tugend der Keuschheit denkt nicht an ein asketisches Leben, sondern ist Gegenmodell zu den vielerlei Formen unzüchtigen Lebens, die in den Lasterkatalogen oft angesprochen werden.

Warnung vor Unzucht

In seinem ersten, wohl verloren gegangenen Brief an die Gemeinde in Korinth hatte Paulus die Gemeinde bereits davor gewarnt, sich mit Unzüchtigen jeder Form zu vermischen (1 Korinther 5,9; ausführlich dann nochmals in 1 Korinther 6,9 zum Bereich Prostitution in einem Atemzug mit Götzendienst, Ehebruch und unterschiedlichen Formen der Homosexualität). Es mag einerseits merkwürdig anmuten, ein Leben im Geist mit Katalogmaterial zu beschreiben. Dieses ist in vielem zeitgebunden und hat immer die Tendenz, einen Methodismus einzutragen, obwohl geistvolles Leben Freiheit und Offenheit verheißt. Andererseits aber ist es im Sinn einer Orientierungshilfe notwendig, klar zu benennen, was ein Leben im Geist oder im Fleisch sein kann und was nicht. Der christliche Glaube und das Leben im Geist wollen ja zur Darstellung gebracht werden.

In Römer 8,5–17 verzichtet Paulus auf Kataloge, stattdessen betreibt er christologische, nicht leicht nachvollziehbare Grundlagenarbeit zum Verständnis des Gegensatzes von Fleisch und Geist. „Gott sandte seinen Sohn in der Gestalt des sündigen Fleisches und um der Sünde willen und verdammte die Sünde im Fleisch“ (Römer 8,3). Jesus, wiewohl Sohn Gottes, trägt wie alle anderen Menschen dasselbe Fleisch der Sünde. Paulus begibt sich hier in einen gedanklichen Grenzbereich. Jesus trägt als sündloser Mensch das sündige Fleisch – dieses ‚in Gestalt‘ wahrt eine Identität und eine Differenz. Gott verurteilt nun im Tod des Sohnes die im Fleisch wohnende Sünde und beendet damit ihre zwangsläufige Wirkung. Der Tod des Sohnes „um der Sünde willen“ erinnert an Opferterminologie, in deren Folge ein Neuanfang aufleuchtet. Zunächst nimmt Paulus die Einwohnungsmetapher erneut auf. Nicht mehr die Sünde bewohnt jetzt den Glaubenden (so noch Römer 7,17.20), sondern Gottes Geist (Römer 8,9.11). Wieder stellt Paulus nun zwei Gruppen und ihre Existenzweisen einander gegenüber, jedoch nicht mehr an Lastern und Tugend orientiert, sondern grundsätzlicher als Menschengruppen nach dem Fleisch beziehungsweise nach dem Geist. Diejenigen, die ganz im Bereich des Fleisches bleiben und sich danach ausrichten, leben in Feindschaft gegen Gott und sein Gebot, können Gott nicht gefallen, bewegen sich auf den Tod zu. Diejenigen aber, die im Bereich des Geistes leben und sich danach ausrichten, umgibt Leben und Frieden und sie erfüllen das, was die Rechtsordnung des Gesetzes Gottes von ihnen erwartet (Römer 8,4–8).

Die Voraussetzung für die Möglichkeit, nach dem Geist zu leben, ruft anschließend die Einwohnungsmetapher mehrfach und in Variationen in Erinnerung (Römer 8,9–11): Gottes Geist wohnt, vermittelt durch die Taufe, in den Christen. Es ist der Geist des Gottes, der Jesus von den Toten auferweckt hat und der auch die Christen lebendig machen wird, eben aufgrund der bereits gegenwärtigen Einwohnung des Geistes Gottes in ihnen. In der Folge beschreibt Paulus ein Schuldigkeitsverhältnis diesem Geist gegenüber, das darin besteht, alles, was dem Fleisch entspricht, abzutöten, um in dieses Leben im Geist und in die Christusgemeinschaft hineinzuwachsen. Wesentliche Voraussetzungen für diesen Gedanken des Herrschaftswechsels von der Macht der Sünde zur Macht des Geistes hat Paulus bereits in Römer 6 mit Blick auf die Taufe unterbreitet.

Was hat die Spurensuche ergeben? Fleisch und Geist sind für Paulus zwei gegensätzliche Weisen, gemäß derer ein Mensch bestimmt, ja beherrscht wird. Man kann auch fragen, wovon lebt ein Mensch, worauf richtet er sein Leben aus, wessen Wohnstatt ist er? Jedoch denkt Paulus hierbei nicht in dualistischer Weise an ein unentrinnbares Geschick, unter dem ein Mensch steht. Vielmehr zeigt die alltägliche Erfahrung, wie sehr Entscheidungen gegen den eigenen Willen oftmals zum Bösen fremdbestimmt sind. Paulus wirbt dafür, sich auf den neuen Geist, der seit Jesus Christus gegenwärtig ist, einzulassen und ihn zum bestimmenden Maßstab des Lebens zu machen.

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Friedrich Wilhelm Horn

Dr. Friedrich Wilhelm Horn ist Professor em. für Neues Testament an der Universität Mainz.


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