Reden, wo Gott schweigt
Hiob ist kein Trostpflaster – eher ein Prüfstein. Das biblische Buch zerlegt die fromme Logik, nach der gute Taten belohnt und Schuld bestraft wird, und zwingt dazu, das eigene Wissen über Gott kleinzureden. Angelika Nothwang, Theologin aus Oldenburg, liest Hiob als geistlichen Impuls: Bescheiden reden – und dennoch verantwortlich handeln.
Zu den großen Schätzen der biblischen Tradition gehört das Buch Hiob. Es setzt sich in erzählerischer Form mit einer überkommenen Glaubensvorstellung auseinander, dem sogenannten Tun-Ergehens-Zusammenhang, also der Vorstellung, dass das Ergehen eines Menschen auf vorheriges eigenes Tun zurückgeht. Aber ist das überhaupt eine Glaubensvorstellung – zumindest in dem Sinn, dass Gott dabei eine Rolle spielt? In mancher Form hat sich die Vorstellung eines Tun-Ergehens-Zusammenhangs bis heute gehalten – ganz ohne Gott: „Der frühe Vogel fängt den Wurm“ ist dafür nur ein Beispiel.
Wenn wir uns allerdings die Auseinandersetzung im Buch Hiob anschauen, geht es beim Tun-Ergehens-Zusammenhang dann doch um Gott, genauer: um seine Gerechtigkeit. Damit es in der Welt gerecht zugeht, müssen die Guten belohnt und die Bösen bestraft werden – und dafür wird Gott in Anschlag gebracht. Wenn die Freunde Hiobs den Tun-Ergehens-Zusammenhang so vehement verteidigen, verteidigen sie die Gerechtigkeit Gottes. Und dann muss – das ist der Kollateralschaden dieses Denkmusters – Hiob schwer gesündigt haben, wenn ihn ein so hartes Schicksal ereilt.
Im Buch Hiob widerspricht Gott selbst diesem Denken. Gleichzeitig erklärt er nicht, warum Hiob leiden muss. Die einzige „Antwort“, die Hiob in seinem Rechtsstreit mit Gott bekommt, ist der Hinweis auf die fundamentale Differenz zwischen Schöpfer und Geschöpf. Gottes Macht wird veranschaulicht durch die Schöpfung und durch Phänomene wie Erdbeben, Stürme und dergleichen. Und Hiob ergibt sich in sein Schicksal, getröstet allerdings durch die Zuwendung Gottes.
Wenn Erklären verstummt
Warum ist dieses biblische Buch, obwohl es gerade keine Lösung der Theodizee-Frage liefert, so wertvoll? Es stellt – im Kontext der Heiligen Schrift – religiöse Gewissheiten infrage und führt beiden Seiten, den Verteidigern Gottes und seinem Ankläger, ihr fundamentales Nichtwissen vor Augen. Dieses Nichtwissen ergibt sich unmittelbar aus dem Gegenüber, um das es den Verteidigern Hiobs und seinem Ankläger geht. Immerhin hat der Ankläger für sich, dass er wissen will. Die Verteidiger Gottes müssen am Ende des Hiobbuches Buße tun, weil sie zu wissen meinten.
Die Weisheit, die in die Zusammenstellung des biblischen Kanons eingeflossen ist, zeigt sich darin, dass alte Traditionen weisheitlichen Denkens, die den Tun-Ergehens-Zusammenhang vertreten, mit in den Kanon aufgenommen wurden. Die Bibel führt so die menschliche Ratlosigkeit angesichts des Leids und die (Irr-)Wege des Denkens vor und vermittelt uns damit vor allem eines: Seid nicht so sicher, wenn ihr von Gott redet.
Wie im Buch Hiob war und ist es immer wieder menschliches Leid, das Vorstellungen von Gott fraglich macht, insbesondere die Vorstellung eines wirkmächtigen und zugleich gütigen Gottes. Das war so beim Erdbeben von Lissabon 1755, angesichts des Grauens der Shoah, bei Pandemien und beschäftigt uns bis heute angesichts von Kriegen und globalen Krisen. Zuweilen versuchen Menschen dann immer noch – wie einst die Freunde Hiobs –, das Geschehen zu erklären, indem sie eine in ihren Augen berechtigte Motivation des wirkmächtigen Gottes benennen. So wurde die Aids-Epidemie als Strafe Gottes für praktizierte Homosexualität gedeutet. Selbst vor einer theologischen Erklärung für die Shoah schreckten manche nicht zurück.
Gottes rätselhafter Wille
Auch hier hat die Erklärung des Leids mit einer vermeintlichen Motivation Gottes zwei deutliche Kollateralschäden: Zum einen bleiben bei dieser Verteidigung einer bestimmten Gottesvorstellung Empathie und Humanität auf der Strecke. Zum anderen stellt sich – als theologischer Kollateralschaden – die Frage, wie man nach einer solchen Begründung von Leid überhaupt noch von Gottes Güte und Barmherzigkeit sprechen kann.
Freilich: Angesichts von Kriegen und Shoah kann von Humanität und Empathie kaum die Rede sein. Hat sich damit ein Hoffen auf Menschlichkeit und auf verantwortliches Handeln von Menschen ein für alle Mal erledigt? Bleiben im Diesseits ausschließlich die Klage angesichts des Leids und die Hoffnung auf eine von Gott herbeigeführte jenseitige Gerechtigkeit?
Ja, Menschen sind ambivalente Wesen. Sie sind zum Bösen fähig – aber auch zum Guten (oder wenigstens zum relativ Besseren). Natürlich kann der Einsatz für das, was Menschen als gut erkannt zu haben meinen, verheerende Konsequenzen haben. Dennoch kann diese Erfahrung nur Zyniker dazu bringen, das Bemühen um verantwortliches Handeln und Menschlichkeit ganz zu lassen. Menschen, denen an einem friedlichen menschlichen Zusammenleben gelegen war und ist, haben auf die Ambivalenz des Menschen mit der Formulierung von Gesetzen reagiert. Und nach den Katastrophen des Zweiten Weltkrieges und der Shoah wurden auf globaler Ebene die Allgemeinen Menschenrechte proklamiert: ein Versuch, Staaten und Menschen auf Menschlichkeit zu verpflichten und so menschliches Leid einzudämmen. Sich allein auf die Klage zurückzuziehen, hätte denen, die die menschliche Verantwortung für dieses unendliche Leid sahen, nicht ausgereicht. Und allein bei der Hoffnung auf eine jenseitige Gerechtigkeit wollten es die Verfasser*innen der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte nicht belassen.
Mehr als Klage allein
Es gibt einen sachlichen Grund für den bleibenden Erfolg der Vorstellung von einem Tun-Ergehens-Zusammenhang, denn er knüpft – wie so viele biblische Aussagen – an menschliche Erfahrung an. Wir erleben tagtäglich, dass unser Handeln und unser Nichthandeln Konsequenzen hat. Oft sind die Beispiele banal: Wenn ich mich auf eine Prüfung vorbereite, steigen die Erfolgsaussichten. Wenn ich beweglich bleiben will, ist Gymnastik sinnvoll. Und das Einhalten bestimmter Hygienestandards ist gut für die Gesundheit. Erfolg ist bei allen diesen Bemühungen nicht garantiert – dennoch werden die meisten Menschen kaum auf die Idee kommen, sie wegen fehlender Erfolgsgarantie ganz zu unterlassen. Eher verführt uns Trägheit dazu, das als sinnvoll Erkannte nicht zu tun.
Die Naturwissenschaften haben Menschen geholfen, Kausalzusammenhänge zu erkennen. Die Basis ihres großen Erfolgs ist dabei das Eingeständnis des eigenen Nichtwissens – als Voraussetzung für die Suche nach Erkenntnis. Ihre Erkenntnisse bleiben überprüfbar und vorläufig – ohne dass deshalb jede Hypothese gleich plausibel wäre.
Die Bibel führt zumindest in der Frage des Tun-Ergehens-Zusammenhangs vor, dass das Eingeständnis des eigenen Nichtwissens auch bei der Frage nach Gott heilsam sein kann. Die Bibel ermutigt, Erfahrungen von Menschen ernst zu nehmen. Sowohl der Tun-Ergehens-Zusammenhang als auch seine Infragestellung im Buch Hiob setzen bei menschlicher Erfahrung an.
Spuren, die weiterreichen
Auch die Erfahrung, dass manchmal die Konsequenzen menschlichen Tuns und Lassens erst die nächste oder übernächste Generation treffen, findet ihren Niederschlag in der biblischen Überlieferung: „Die Väter haben saure Trauben gegessen, und den Kindern werden die Zähne stumpf.“ Das Sprichwort hat sich erhalten – dank der Kritik an diesem Denken bei Jeremia und Ezechiel: Das solle nicht mehr gelten, jeder werde unmittelbar selbst die Konsequenzen seines Tuns und Lassens spüren, dafür werde Gott sorgen (Jeremia 31,29–30; Ezechiel 18,2). Hier wird der Tun-Ergehens-Zusammenhang bekräftigt – mit ausdrücklicher Bezugnahme auf den Gottesglauben.
Allein: Die menschliche Erfahrung spricht weiter für intergenerationelle Zusammenhänge von Tun und Ergehen. Kriegskinder tragen bis ins hohe Alter die Last der Erinnerung an einen Krieg, den sie nicht zu verantworten hatten, und werden von den Traumata ihrer Kindheit heimgesucht. Auch viele Kriegsenkel wurden geprägt durch die elementare Verunsicherung, mit der ihre Eltern ins Leben gestartet sind. Und die Klimagase, deren Auswirkungen heute nicht mehr zu übersehen sind, wurden seit der Industrialisierung angehäuft und werden nach derzeitigem Ermessen das Leben auf diesem Planeten noch lange beeinflussen.
Die Bibel ermutigt mich, menschliche Erfahrung ernst zu nehmen – auch da, wo ich über Gott nachdenke. Und sie mahnt mich, vorsichtig zu sein bei allzu vollmundigen Aussagen über Gott.
Drei Erfahrungen, ein Gewicht
Drei Erfahrungen gehören für mich als Kriegsenkelin ganz elementar in unser Nachdenken über Gott und den Glauben und uns Menschen in dieser Welt: die Erfahrung des Nichteingreifens Gottes in der Shoah, die Erfahrung des Missbrauchs des Glaubens an einen allmächtigen Gott, mit dessen Hilfe der Tod für Führer, Volk und Vaterland als letztlich nicht so schlimm dargestellt wurde, und die Erfahrung, dass das Tun oder Lassen von Menschen in dieser Situation einen Unterschied gemacht hat. Immerhin gab es neben den Mördern und Mitläuferinnen auch die „Gerechten unter den Völkern“. Sie konnten das Geschehen nicht aufhalten, aber für die Menschen, denen sie geholfen haben, machte ihr Handeln einen entscheidenden Unterschied.
Mit diesem Erfahrungshintergrund bin ich nicht allein. Er hat dazu geführt, dass sich die EKD regelmäßig zu ethischen Fragen äußert. Dafür wird sie in letzter Zeit von Seiten der Neuen Rechten, aber auch von konservativer Seite kritisiert: Sie habe ihr eigentliches Thema verloren und solle sich lieber auf Gott, die Erlösung durch Jesus Christus und die Verkündigung der Auferstehung der Toten konzentrieren. Moralismus, Hypermoral, Übermoral, auch Ethizismus – das sind die Etiketten, mit denen man versucht, sich ethischer Fragen zu entledigen. Wer ethische Fragen in die Debatte einzubringen wagt, dem wird – ganz moralisch! – Selbstgerechtigkeit vorgeworfen.
Ich habe den Verdacht, dass mithilfe dieser Kritik an der EKD (und auch der römisch-katholischen Kirche) Wissen um die Tragweite menschlichen Handelns bewusst ausgeblendet werden soll. Hans Jonas hat diese Tragweite menschlichen Handelns schon vor Jahrzehnten anschaulich gemacht – und natürlich auch die Schwierigkeit benannt, sich im alltäglichen Handeln dieser Tragweite bewusst zu sein. Dennoch wäre er nicht auf die Idee gekommen, mit Hinweis auf diese Schwierigkeit Grenzen der Verantwortung zu postulieren. Ich fürchte, dass nicht menschliche Bescheidenheit das zentrale Motiv hinter der Abwehr moralischer Fragen ist, die über die eigene Familie oder das eigene Land hinausgehen, sondern dass es um den Erhalt der eigenen Privilegien als Bewohner der westlichen Welt geht. Man will wider besseres Wissen den eigenen Lebensstil beibehalten.
Gottvertrauen oder Ausrede?
Ja, die Klimakrise und zahlreiche andere Entwicklungen in unserer Welt machen Angst. Dankbar kann sein, wer sich in dieser Situation „von guten Mächten wunderbar geborgen“ weiß. Aber erübrigt sich damit die Bemühung um ein menschenwürdiges Leben nicht nur hier und jetzt, sondern auch anderswo und in Zukunft?
In der Ethik geht es selbstverständlich immer um innerweltliche Fragen, um Kausalzusammenhänge, die wir erkannt haben. Die Forderung, Kirche möge sich auf die oben angeführten „Kernthemen“ konzentrieren, dient dazu, die wahrlich beängstigenden Prognosen der Klimawissenschaftler mit einer (bewundernswerten) Gottesgewissheit zuzudecken. Kein Hauch von Unsicherheit ist da zu erkennen. Wer allerdings so weit naturwissenschaftlich „infiziert“ ist, dass er mit einem Eingreifen Gottes nicht rechnet, hat immer noch die Klage und die Hoffnung auf eine jenseitige Welt, in der Gott alle Tränen abwischen wird, im Angebot.
Bekanntermaßen sind Theologie und Naturwissenschaft schon häufiger aneinandergeraten – und von Seiten der Theologie ging es dabei regelmäßig darum, das eigene Weltbild zu verteidigen, damit der Gottesglaube nicht fraglich wird. Nicht selten verteidigte die Theologie ihr Weltbild gegen neue wissenschaftliche Einsichten, wie zum Beispiel im Fall von Galileo Galilei. In der gegenwärtigen Situation erscheint diese Haltung als relativ kleines Problem, weil sie rückwärtsgewandt ist und keine unmittelbaren Konsequenzen hat.
Umkehr statt Beschwichtigung
Anders verhält es sich, wenn nun Theologen mit Hinweis auf ein überlegenes Wissen ethische Fragen aus dem innerkirchlichen Diskurs verdrängen und meinen, Gottvertrauen als die für Christinnen und Christen einzig legitime Haltung angesichts der Klimakrise vorgeben zu können. Hier dient das empfohlene Gottvertrauen dazu, die notwendige Transformation – biblisch gesprochen: Umkehr – zu vermeiden, wider besseres Wissen.
Die Bibel hat eine klügere Haltung zu menschlicher Erfahrung, wie das Beispiel des Tun-Ergehens-Zusammenhangs zeigt. Und sie fordert Bescheidenheit – auch und gerade dann, wenn wir von Gott reden. Eines allerdings erlaubt die Bibel nicht: ethische Fragen aus dem Gottesglauben auszuscheiden als „uneigentliches“ Thema des Glaubens. Hebräische Bibel, die Evangelien und Paulus sehen das Doppelgebot der Liebe als bleibend gültige Zusammenfassung der göttlichen Gebote. Wenn aber das Gebot der Nächstenliebe für den biblischen Glauben konstitutiv ist, kann ich ein Handeln oder Unterlassen, von dem ich weiß, dass es Menschen schadet, nicht einfach fortsetzen und mich auf Klage und Jenseitshoffnung beschränken.
Angelika Nothwang
Angelika Nothwang ist Theologin und Religionslehrerin in Wilhelmshaven.