Lebendiges Mittelalter
Da ich das Vergnügen hatte, bei einer großen Wissenschaftsstiftung in Köln viele Jahre im wissenschaftlichen Beitrat mitzuwirken, dachte ich, mir sei die närrische Jahreszeit und der rheinische Karneval doch einigermaßen vertraut. Denn, wenn ich recht zähle, habe ich in den Jahren an insgesamt drei Karnevalssitzungen teilgenommen. Ich weiß nicht mehr, ob der Vorschlag dazu von der damaligen Leitung der Stiftung stammte oder ob der Wunsch aus dem Kreise meiner Kolleginnen und Kollegen gekommen war. Jedenfalls erinnere ich mich bestens daran, dass ein prominenter deutscher Historiker, dem wir unter anderem große Monographien über Bismarck, Krupp und Hermann Josef Abs verdanken, als Zorro verkleidet auf einer Bierbank balancierte. Auf meine Bitte erhielten wir alle auch ein Liederheft, so dass wir die von der Kölner Musikgruppe „Die Höhner“ intonierten Karnevals-Schlager mitsingen konnten: „Vivat Colonia“.
Schon beim Sitzungskarneval fiel mir auf, wie stark da die Geschichte präsent ist. Der Einmarsch der verhassten preußischen Protestanten ins katholische Rheinland mit Militär und Verwaltung wird bis auf den heutigen Tag verspottet, wenn in preußische Uniformen gekleidete Tanzgarden alles Militärische lächerlich machen. Ausgerechnet der Bauer aus dem Kölner Dreigestirn trägt nicht nur einen Dreschflegel, sondern einen hohen, hermelinbesetzten Hut, der irgendwie an einen Kurhut des alten Reiches erinnert und die Reichsunmittelbarkeit der freien und Hansestadt Köln repräsentiert. So wird die stolze Geschichte der Freiheit der Handelsstadt Köln ebenso deutlich wie der bittere Verlust dieser Freiheit nach dem Ende des Alten Reichs. Und schließlich trat unter den Rednern in der Bütt damals auch immer „Ne Bergische Jung“ auf, nicht nur Kabarettist und Büttenredner, sondern auch Diakon der römisch-katholischen Kirche. Und in seinen Texten ging es um Sterben und Tod, Gericht und Auferstehung – als ob man in der Kirche einer Predigt dieses Menschen zuhören würde, totenstill war es im Saal und auch mein Historikerkollege stand nicht mehr auf der Bank.
Der Morgen danach
Mir schien es als evangelischer Christenmensch immer so, als ob die ganze Welt des rheinischen Katholizismus da eingefangen war, große Ernsthaftigkeit und ausgelassene Heiterkeit, andere leben lassen und doch auf Werte verpflichtet, und ich sah als Historiker ganz viel Geschichte in heiterer Verkleidung präsent. Insofern ließ ich mich gern schminken, setze mir die berühmte rote Pappnase auf und bin seither mit ein paar Kollegen per Du, die ich wahrscheinlich in den Sitzungen des Beirats nicht angefangen hätte zu duzen. Besonders fand ich auch immer den Morgen danach, wenn man vorsichtig abtastete, ob die neue Nähe und die neuen Einblicke in eine Person nun ein einmaliges Erlebnis bleiben sollten, mit dem Aschermittwoch Schnee von gestern, oder ob der Karneval eine neue Form von Beziehung und Nähe über die Passionszeit hinaus bewirkt hatte. Da reagierten natürlich alle anders.
Jedenfalls glaubte ich in meiner Naivität, nun doch ein wenig über den Karneval in Köln Bescheid zu wissen, obwohl mir selbstverständlich immer klar war, dass ich damit beispielsweise noch gar nichts über Düsseldorf erfahren habe (außer, dass es da irgendwie ziemlich anders zugeht). Aber vor zwei Wochen habe ich noch einmal eine ganz andere Dimension des rheinischen Karnevals kennengelernt und davon will ich jetzt erzählen.
Ein Feldversuch
Auf einer großen Konferenz in Japan saß ich mit dem ebenso klugen wie liebenswürdigen Rektor der Universität Bonn und dem Vorsitzenden seines Hochschulrats zusammen, der eine große deutsche Wissenschaftsstiftung leitet und ebenfalls schier unendlich viel weiß, aber davon in seiner Bescheidenheit wenig Aufhebens macht. Einer von beiden zeigte mir Bilder von einem der beiden Karnevalswagen, mit denen die Bonner Universität auf dem Rosenmontagszug präsent ist. Da standen zu meiner Überraschung nicht nur einige Kolleginnen und Kollegen der Universität, die ich mehr oder weniger gut kenne, in putziger Verkleidung auf dem Wagen, sondern auch allerlei prominente Verwalterinnen und Verwalter der Wissenschaft, Leitungen von großen Organisationen wie der Studienstiftung und vergleichbare Zelebritäten.
„War unglaublich lustig“, sagte der Bonner Rektor. „Glaube ich gern“, antwortete ich. Zu meiner großen Überraschung wurde ich, nachdem wir die Reihe der Bilder bestens gelaunter Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler angesehen hatten, gleich für 2026 eingeladen: „Wenn Sie nur den Sitzungskarneval kennen, dann kennen Sie höchstens die Hälfte“. Und da mir schon der Sitzungskarneval nicht nur Vergnügen gemacht hatte, sondern ich den Besuch immer auch als ethnologisch-historische Exkursion und religionswissenschaftlichen Feldversuch empfunden hatte, sagte ich natürlich spontan zu und räumte den Rosenmontag frei.
"Es war schon deutlich zu bemerken, dass sich mit mir ein Greenhorn in die Bonner Runde vorgewagt hatte." Christoph Markschies im Karnevals-Outfit. Foto: Christoph Markschies
Am Rosenmontag erschien ich pünktlich mit der alten Kölner Pappnase in Bonn, dazu einer Perücke und dem alten Tropenhelm einer Tunesienexkursion samt einigen weiteren Details aus vergangenen Karnevalsauftritten. Man traf sich im gegenwärtigen Interims-Rektorat der Universität, nach und nach trudelte ein, was so Leitung einer Universität mit Exzellenzstatus ausmacht: Dekaninnen und Dekan, Klinikvorstände, der Vorsitzende des Hochschulrates, der Bonner und ein weiterer westfälischer Rektor, die Generalsekretärin der Studienstiftung des Deutschen Volkes, kurz: Wissenschaftsmanagement aus Bonn, verschiedenste Ebenen. Die meisten waren im Unterschied zu mir ganz offenbar sehr Karnevals-erfahren, höchst phantasievolle Kostüme, Ganzkörperanzüge (was angesichts eines ziemlich regnerischen Tages auch schlicht des Wetters wegen eine ziemlich gute Idee war) und extra gebastelte Kopfbedeckungen, Kleidungsdetails und so fort. Es war schon deutlich zu bemerken, dass sich mit mir ein Greenhorn in die Bonner Runde vorgewagt hatte.
Nach einem kurzen Spaziergang bestiegen wir einer der beiden Bonner Wagen, freundlich von der Universitätsverwaltung mit Regencapes ausgestattet. Der offene Wagen wurde von einem Traktor gezogen (die Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn hat eine Landwirtschaftliche Fakultät) und an jedem Platz befand sich ein Fach mit Kamelle – aber nicht mehr die ursprünglich namensgebenden Karamellbonbons, sondern Schoko-Riegel, Gummibärchen und – es sei vorausgeschickt – die außerordentlich beliebten Bonner Universitäts-Quietsche-Entchen, die in jedem Jahr ein eigenes Design aufweisen und offenbar gern gesammelt werden. Unter den Kästen mit der Kamelle befand sich säckeweise Nachschub, den man auch in den engen, dicht gefüllten Gassen der Bonner Altstadt dringend braucht.
Vielleicht sollte ich aber auch sofort anfügen, dass die Universität Bonn die Millionen, die sie von Bund und Ländern im Rahmen der Exzellenzförderung und aus Grundmitteln erhält, natürlich nicht als Kamelle in die Menge wirft. Für die Mengen an Kamelle, die man werfen darf, wird man vor dem Ereignis freundlich um eine Spende an die Universität gebeten. Da ich während der Fahrt den einen oder anderen Schoko-Riegel gegessen habe, konnte ich das also guten Gewissens tun. Durch das alte Kölner Liederheft war ich übrigens auch für Bonn bestens vorbereitet, der Bonner Karneval ist, wie ich lernte, stark durch den Kölner geprägt – schließlich war das Bonner Schloss auch einmal, bevor es die Universität bezog, Sitz der Kölner Erzbischöfe als Kurfürsten des Alten Reiches und es wohnten auch viele reiche Kölner Industrielle in Bad Godesberg und sonstwo in der Bonner Umgebung.
Und nun kommt der Punkt, warum ich hier so ausführlich von einem Bonner Rosenmontagszug erzähle. Ich habe noch nie so lebendiges Mittelalter gesehen wie hier. Denn an der Wagenstrecke, die über den Bahnhof zum Rathaus und weiter durch die engen Gassen führt, stehen unglaubliche Massen von Menschen – und recken die Arme hoch zu den Wagen, versuchen, den Blick der Werfenden dort zu erhaschen und rufen mit flehentlicher Stimme: „Kamelle“. Und nochmal: „Kamelle“. Und immer wieder: „Kamelle“. Und wie ein mittelalterlicher König oder Kurfürst, der in die Stadt einzieht, wird vom Wagen geworfen, in die Hände derer, die sich einem flehend entgegenstrecken, in die zum Bausch gerafften Jacken, in umgekehrte Regenschirme, Taschen: Kamelle, Kamelle, Kamelle. Und die ganz Frechen rufen dazwischen: „eine Ente bitte, eine Ente“.
Ein Gnadenerweis
Gern gebe ich zu, dass es großes Vergnügen macht zu werfen. Man trifft überraschend gut und oft. Und wenn nicht, eilt jemand rasch herzu und klaubt Schoko-Riegel, Gummibärchen oder eine Quietsche-Ente vom Bürgersteig auf. Die Menschen am Straßenrand stammen, so schien mir, aus allen sozialen Milieus. Frauen mit Hijab und Jugendliche mit Base-Cap, Studierende, die erkennbar schon – wie man in Berlin sagt – vorgeglüht hatten und die dritte oder vierte Bierflasche in der Hand hielten und trotzdem noch eine Ente zu fangen in der Lage waren.
Kamelle-Werfen ist im Kern ein mittelalterlicher Gnadenerweis. Auch wieder so ein Rest aus der Vergangenheit, der im Karneval konserviert ist. Natürlich würde heute ein Staatsgast, wenn er sich auch nach der Verlegung der Hauptstadt in die Bundesstadt Bonn verirrt, keine kleinen Geschenke aus dem Wagen werfen. Das dürfte irgendwann im achtzehnten oder frühen neunzehnten Jahrhundert aufgehört haben. Aber wie die preußischen Uniformen und der überdimensionierte Kurhut ist auch das gnädige Werfen von kleinen Geschenken im Karneval bewahrt. Gnade heißt, wie noch heute das Begnadigungsinstrument des Bundespräsidenten zeigt, etwas zu bekommen, auf das man keinen (Rechts-)Anspruch hat. Aus lauter Gnade bekommt der kleine Junge links eine Quietsche-Ente und der größere Junge rechts nur einen kleinen Schoko-Riegel. Einfach, weil es mir so gefällt. Weil mich das Lächeln anrührt. Ein ebenso archaischer Rest einer vergangenen monarchischen Kultur wie eben das Begnadigungsrecht. Weil es dem Bundespräsidenten gefällt, geht die Gefängnistür auf.
Gottes Geschenk
Die Herrscher kopierten mit dem Werfen von Geschenken in die Menge den alleinigen Herrscher Himmels und der Erden. Gott wirft aber nicht mit billigen kleinen Geschenken, sondern mit einem ganz großen Gnadengeschenk. Leben in Fülle. Leben trotz Tod. Und, davon bin ich mehr denn je überzeugt: Alle bekommen dieses Geschenk nachgeworfen. Nicht nur der kleine Junge links. Und Gottes Wagen steht, bis alle das Geschenk auffangen konnten.
Das war nun ein sehr theologischer Schluss für einen karnevalistischen Rosenmontag, den ich natürlich nicht theologisierend, sondern feiernd und werfend verbracht habe. Die Bonner lieben ihre Universität. Nicht nur deswegen, weil sie schicke silberne Quietsche-Entchen dieses Jahr verteilte. Sondern weil sie stolz sind auf diese Universität. Davon kann man in Berlin natürlich nur träumen. Darf ich ganz schüchtern und zurückhaltend zum Schluss bekennen, dass ich diese Bonner Universität seit dem Rosenmontag auch etwas liebgewonnen habe? Ich habe sie etwas liebgewonnen, weil ich selten so viel Erfahrungen über die Vergangenheit und letztlich auch über Gott auf so heitere, so vergnügliche und so lustige Art gemacht habe und das bei drei Stunden Dauerregen. Hat nicht gestört. Im Gegenteil.
Christoph Markschies
Christoph Markschies ist Präsident der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften. Er lebt in Berlin.