„Wehret den Anfängen!“
Der frisch gewählte Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz (DBK), Heiner Wilmer, hat zum Abschluss der Frühjahrsvollversammlung der katholischen Bischöfe in Würzburg zunächst fast nur über innerkirchliche Vorhaben gesprochen – und da steht durchaus Historisches an. Doch dann drängte der Kampf der Kirche gegen die AfD massiv in den Vordergrund. Ein Bericht von zeitzeichen-Redakteur Philipp Gessler.
Es ist gut möglich, dass die nun in Würzburg beendete Frühjahrsvollversammlung der Deutschen Bischofskonferenz (DBK) einen Wendepunkt in der Geschichte des hiesigen Christentums römisch-katholischer Prägung markiert. Nach etlichen Jahren großer Verunsicherung, mühsamer Reformschritte sowie erbitterter Kämpfe, untereinander und mit Rom, könnten sich die Wogen langsam wieder etwas glätten. Und diese Hoffnung auf ruhigere Fahrwasser ist mit einer Institution und einer Person verbunden: mit der geplanten Synodalkonferenz der Kirche und mit dem neuen DBK-Vorsitzenden und Herz-Jesu-Priester Heiner Wilmer SCJ, der zugleich Bischof von Hildesheim ist.
Die geplante Synodalkonferenz ist das institutionell deutlichste Zeichen der Veränderung der römisch-katholischen Kirche hierzulande. Im Herbst soll sie erstmals tagen, die Bischöfe haben ihre Satzung in Würzburg beschlossen. Mit ihr bekäme die katholische Kirche Deutschlands ein synodales, also demokratisches Element. Die „Laien“, also Nicht-Priester, der Bundesrepublik hätten jetzt erstmals in der Geschichte der hiesigen katholischen Kirche eine gewichtige Stimme, wenn es um die Zukunft der Kirche geht: Sie könnten zukünftig über die neuen Wege mit diskutieren, in Grenzen auch mitbestimmen. Die Synodalkonferenz ist das entscheidende Resultat des mehrjährigen und aufwändigen Reformprozesses Synodaler Weg, mit dem Klerus und Laien in Aufarbeitung des Skandals um sexualisierte Gewalt mit dem Mut der Verzweiflung Reformschritte angepackt haben.
Zwei Haken
Allerdings hat die Synodalkonferenz noch zwei Haken: Der Vatikan muss der neuen deutschen Institution noch zustimmen, was derzeit zwar für die kommenden Monate erwartet wird, aber nicht sicher ist. Außerdem kann die geplante Synodalkonferenz keinen deutschen Bischof zwingen, ihren Beschlüssen zu folgen. Am Ende bleibt die Autonomie der Bischöfe in ihren Bistümern bestehen – so wie auch die EKD-Zentrale in Hannover den Landeskirchen kaum hineinregieren kann. Die deutschen katholischen Bischöfe können den Entscheidungen und Empfehlungen der Synodalkonferenz in ihren jeweiligen Diözesen folgen, müssen es aber nicht.
Der zweite Funken Hoffnung auf Beruhigung innerhalb der hiesigen Kirche Roms ist am Ende des viertägigen Treffens in Würzburg mit dem Namen Heiner Wilmer verbunden. Der Bischof von Hildesheim und neu gewählte DBK-Vorsitzende kann seinen Mitbrüdern im Bischofsamt zwar keine Direktiven geben. Er gilt jedoch als jemand, der sowohl mit der großen reformfreudigen Mehrheit im Bischofskollegium wie mit der kleinen konservativ-renitenten Minderheit gut umgehen kann. Ein Brückenbauer, könnte man sagen, wenn das Wort nicht schon so abgenudelt wäre. Wilmers Vorgänger Georg Bätzing, Bischof in Limburg, war zum Brückenbauen gerade am Ende seiner sechsjährigen Amtszeit nicht mehr willig oder fähig.
Kein Schisma
Außerdem wird Wilmer nachgesagt, er könne die deutschen Interessen aufgrund seiner vier Jahre als Generaloberer seines Ordens in Rom (und aufgrund besserer Italienisch-Kenntnisse) im Vatikan erfolgreicher vertreten als Georg Bätzing. Auch das könnte das Verständnis für die katholische Kirche nördlich der Alpen erhöhen. Das ist auch deshalb wichtig, da am Tiber seit der Reformation die irrationale Angst umgeht, die Katholikinnen und Katholiken Deutschlands wollten am Ende eben doch so etwas wie eine eigene Nationalkirche, also ein Schisma.
Auf seiner Abschluss-Pressekonferenz kündigte Wilmer an, „bald“ (genauer wurde er nicht) nach Rom zu fahren, um vor den zuständigen Ministerien der Weltkirche („Dikasterien“) noch einmal für die deutsche Synodalkonferenz zu trommeln, um das Okay dafür („Recognitio“) vom Papst zu bekommen. Das hiesige Gremium, so betonte der Hildesheimer Bischof, nehme die bei der Weltsynode in Rom bis 2024 gegebenen Impulse „zu mehr Transparenz, Rechenschaft und Evaluation“ auf. Man bleibe mit der Synodalkonferenz innerhalb des Kirchenrechts. Das Ziel sei: „Miteinander unterwegs sein, Verantwortung teilen, Entscheidungen gemeinsam tragen“ – und das hört sich wirklich danach an, dass Wilmer die Synodalkonferenz mit ihrer bedeutenden Laienbeteiligung vehement in Rom verteidigen wird, auch wenn das nicht allen dort schmecken dürfte.
Früher dran
Und könnte die deutsche Synodalkonferenz vielleicht sogar eine Art Blaupause sein für ähnliche Strukturen in anderen Ortskirchen der Welt – gerade weil man mit dieser Struktur etwas früher dran ist als viele andere katholische Kirchen weltweit? Da wurde Bischof Wilmer etwas vorsichtig: Sicherlich könne die deutsche Synodalkonferenz für andere „inspirierend“ sein. Aber man habe ja die Weisheit nicht gepachtet und wolle in Demut und Respekt auf die anderen Ortskirchen schauen, wie die mit ihren ganz eigenen Themen das weltweite Ziel Synodalität umsetzten. Abgesehen davon, wird es spannend sein zu sehen, ob die deutschen konservativen Bischöfe aus Passau, Regensburg und Köln nun wieder bereit sind, bei der geplanten Synodalkonferenz mitzumachen. Ihr Geld haben sie dafür zwar wieder freigegeben, aber nur unter Vorbehalt, wie auf der Pressekonferenz zu hören war.
Ein wenig überraschend war angesichts dieser Dominanz vieler innerkirchlicher Fragen dann doch, wie sehr das Thema AfD in den Vordergrund rückte. Bezug nehmend auf seinen Mitbruder Gerhard Feige aus Magdeburg, sagte Wilmer, von der in Teilen gesichert rechtsextremistischen Partei AfD sei „keine Zusammenarbeit und Kooperation zu erwarten“. Die AfD ignoriere die Realitäten und werde „nicht zu Lösungen bestehender Probleme beitragen“. Sie formuliere „den Retro-Traum einer Familienidylle“, imaginiere „ein Feindbild, zum Beispiel die Regenbogen-Verschwörung“ und wünsche sich die „Remigration ganzer Bevölkerungsgruppen“. Die AfD setze gleichsam „die Religionspolitik der DDR fort“, markiere die Kirchen „als Feinde“ und denunziere sie. Diese Partei werde alles tun, „die finanziellen Grundlagen der Kirchen zu zerstören“. Dazu gehöre auch das Vorhaben, „die Staatsleistungen unmittelbar einzustellen“.
Menschenverachtende Parolen
Der neue DBK-Vorsitzende bekräftigte angesichts drohender Machtübernahmen der AfD in Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern in diesem Jahr eine wegweisende Erklärung der deutschen Bischöfe vor zwei Jahren: „Völkischer Nationalismus und menschenverachtende Parolen der AfD haben in der katholischen Kirche keinen Platz.“ Wilmer sagte: „Wir appellieren an die Menschen in unserem Land, genau hinzuschauen und sich nicht von den vordergründig attraktiv gemeinten Klängen der AfD verführen zu lassen. Von Würzburg aus sage ich deutlich: Wehret den Anfängen! Und ich füge hinzu: Schützen wir unsere Demokratie!“
Zwar sprach sich Wilmer am Ende der Bischofsversammlung am Main nicht ausdrücklich für ein AfD-Verbotsverfahren aus. Ein solches Verfahren zu prüfen und gegebenenfalls umzusetzen, sei Sache der Politik, sagte er. Offensichtlich aber ist schon, wie schockiert die katholische (sehr ähnlich die evangelische) Kirche von möglichen Regierungsbeteiligungen der AfD in Magdeburg oder Schwerin wären. Beate Gilles, als Generalsekretärin der DBK in Würzburg bestätigt, sagte, es werde schon jetzt an einem finanziellen Sicherungssystem gearbeitet, um namentlich das Bistum Magdeburg zu unterstützen, sollte die AfD ihre Ankündigungen wahr machen, die „Staatsleistungen“ dort sofort zu kürzen und das Kirchensteuersystem zu torpedieren. Die AfD wolle so ein über Jahrhunderte bewährtes System zerstören, das Bistum Magdeburg stünde rasch in seiner Existenz in Frage. „Das zieht einfach den Boden weg“, betonte die sonst eher trockene Kirchenmanagerin, „das erschüttert eine Grundfeste.“
Viel Veränderung also in Würzburg – und große Gefahren für die Kirchen und die Demokratie am Horizont. Der neue DBK-Vorsitzende Heiner Wilmer wird nur wenig Zeit haben, sich in aller Ruhe einzuarbeiten, gerade in historischen Zeiten.
Philipp Gessler
Philipp Gessler ist Redakteur der "zeitzeichen". Ein Schwerpunkt seiner Arbeit ist die Ökumene.