Manchmal muss man sich beeilen. Zum Beispiel, wenn man die Ausstellung „Heute noch – Morgen schon“ in der Berliner Nikolaikirche erleben will, die nur noch bis zum 6. April läuft. Was in den altehrwürdigen Räumen der mittelalterlichen Backsteinkirche, seit 1938 Museum, zu sehen ist, ist schnell erzählt: dreimal drei imposante Leinwandinstallationen, auf denen Filme zu sehen sind. Das Material fängt die Stimmung in Berlin um das epochemachende Jahr 1990 ein, als sich Deutschland, das seit 1949 in zwei unterschiedliche Staaten geteilt war, im Verlauf eines spektakulären Jahres wiedervereinigte. Dass die Nikolaikirche in den vergangenen Jahren verstärkt für größere Ausstellungen des Stadtmuseums genutzt wird, hängt auch mit der bis voraussichtlich 2029 andauernden Sanierung des Märkischen Museums zusammen. Gezeigt werden insgesamt 18 Filme, die das Lebensgefühl in den Jahren um 1990 widerspiegeln – die meisten nur in Ausschnitten. Die Filmstelen sind abwechslungsreich von den Kurator:innen Florian Wüst und Suy Lan Hopmann zusammengestellt. Zu sehen sind dokumentarische Fernsehausschnitte, längere Interviewszenen und ganze Filmsequenzen, für den Ton gibt es natürlich reichlich Kopfhörer.
Pars pro toto seien hier nur drei Beispiele von Stele drei skizziert, denn vor dieser kam der Autor dieser Zeilen zufällig zuerst zu sitzen und stand fast eine Stunde lang nicht wieder auf. Los geht es dort mit einem siebenminütigen Ausschnitt aus dem Film „Frauen in Berlin“, den die aus Indien mit einem Stipendium in die DDR gekommene Filmemacherin Chetna Vora 1982 realisierte. Sofort ist man von der jungen Frau gefangen, die hier befragt wird. Ihre Antworten machen die Spannung zwischen persönlichen Erwartungen an das eigene Leben und gesellschaftlichen Anforderungen greifbar.
Dann ein Sprung über die Mauer nach Westen: zwei kurze Ausschnitte aus dem Dokumentarfilm „Bodenproben“ von 1987, der sich dem Gelände an der Prinz-Albrecht-Straße nähert, dem ehemaligen Gestapo-Hauptquartier in Berlin. Damals konnte noch niemand ahnen, dass hier später die Topographie des Terrors entstehen würde. 1987 findet man im unbebauten und unbehausten Vorfeld der Mauer nur flüchtige Spuren einer furchtbaren Zeit – eigentümlich berührende Bilder von großer atmosphärischer Dichte. Ganz anders, menschlich und unmittelbar, schließlich der Film „Aber wenn man so leben will wie ich“ von Bernd Sahling. Er entstand 1988, ein Jahr vor dem Mauerfall, und zeigt das Doppelporträt der etwa 45-jährigen Brunhilde und ihres 20-jährigen Sohnes Michael. Michael ist Punk und gibt bewusst den Outlaw. Rührend und verstörend zugleich sind Szenen, die ihn mit seiner Freundin und seinem Baby zeigen. Michael will in den Westen und hat einen Ausreiseantrag gestellt. Zu sehen sind auch Probenszenen seiner Band Reasors Exesz aus dem „Leichenkeller“, dem legendären Treffpunkt der Ostberliner Punkszene. Danach folgen knapp elf Minuten aus dem Film „Im Glanze dieses Glückes“ mit einem quälenden Gespräch, das die DEFA-Dramaturgin Tamara Trampe, kurz nach dem Mauerfall, mit dem Stasi-Psychologen Jochen Girke führt. Trampe hadert mit sich, weil sie vor 1989 zwar irgendwie oppositionell, aber nicht besonders mutig gewesen war. Auf Girke ist sie wütend: „Ich verzeihe Ihnen Ihr Handeln nicht, weil es die Utopie kaputtgemacht hat – für mindestens hundert Jahre in Europa.“
Obwohl nur wenige Jahrzehnte alt, wirken viele der Ausschnitte wie Zeugen aus weit vergangener Zeit. Wie schön, dass das vorbei ist, denkt man. Aber auch: Wie schade. Denn die Filme offenbaren ein großes utopisches Potenzial eines geschichtlichen Aufbruchs, dessen Chancen – so weiß man heute – leider nicht optimal genutzt wurden. Der Autor will unbedingt noch einmal hin, um weiter zu schauen – am liebsten noch dreimal. Wie gesagt, man muss sich beeilen …
Noch bis 6. April im Museum Nikolaikirche, Nikolaikirchplatz, 10178 Berlin, weitere Infos: www.stadtmuseum.de/ausstellung/heute-noch-morgen-schon.
Reinhard Mawick
Reinhard Mawick ist Chefredakteur und Geschäftsführer der zeitzeichen gGmbh.