Was für eine Kindheit! Wer Betty Taubes Erinnerungen liest, kann dies nicht tun, ohne Mitgefühl zu entwickeln. Erschüttert, betroffen, ja bisweilen auch empört bleibt man nach der Lektüre zurück. Sag, die blauen Flecke kommen vom Spielen – der Titel spricht Bände.

Das Schicksal der inzwischen 31-jährigen Taube – sie ist unter anderem Influencerin, ehemalige Kandidatin der Sendung „Germany’s Next Topmodel“ und Model – steht stellvertretend für das von mehr als zwei Millionen anderer Mädchen und Jungen in Deutschland, die in einem Haushalt mit mindestens einem alkoholkranken Elternteil aufwachsen. Bei Betty ist es die alleinerziehende Mutter, ein eigentlich liebevoller, feiner Mensch („Engel Ma“), aber krank, alkoholkrank. Weil Bettys Vater nicht präsent ist, nur ab und zu tauchen die Großeltern in ihrem Leben auf, ist das Mädchen ihrem Schicksal weitgehend allein überlassen: Sie erträgt zumeist schweigend die Stimmungsschwankungen der Mutter, deren Wesensveränderung, die Wutausbrüche, die Schläge, den langsamen Verfall. Dazu kommt der Rollentausch: Betty kümmert sich um ihre Mutter, nicht umgekehrt. Schon als Grundschülerin ist sie für den Haushalt verantwortlich, die Flurwoche und vieles mehr. Und erst die Scham, wenn sie die vielen Weinflaschen im Container entsorgen muss … Darin ist die Mutter gnadenlos: „Da musst du durch als Lurch, wenn du Frosch werden willst“, lautet ihr Leitspruch.

Trotz allem: Betty liebt ihre Mutter, sie verzeiht ihr immer wieder, sie hält fest an der Hoffnung, dass bessere Zeiten kommen. Denn zwischendurch, wenn die Mutter nüchtern ist, gibt es ja glückliche Momente und manchmal sogar Stunden und Tage voller Freude, Zärtlichkeit und Nähe. Aber eine echte Veränderung stellt sich (wie könnte das auch sein ohne professionelle Hilfe) nicht ein. Die Sucht bleibt. Irgendwann akzeptiert das Mädchen diese Realität. Die Einrichtungen der Jugendhilfe, in denen es später untergebracht ist, sind zwar nicht perfekt, aber immerhin: Hier kann Betty Kind sein. Das erste Mal in ihrem Leben.

Ein Glück auch: Überall, wo sie lebt (mit ihrer Mutter zieht sie mehrfach um), findet Betty Freunde, mit denen sie einen Teil ihrer freien Zeit verbringen kann: in der Schule, im Sportverein, bei der Freiwilligen Feuerwehr. Hier fühlt sie sich angenommen. Aber von ihrem Zuhause spricht sie dort nicht. Die von ihrer Mutter errichtete Fassade – Betty übernimmt sie klag- und kritiklos.

Erst als Erwachsene gelingt es ihr, sich aus den Fängen ihrer traumatischen Kindheitserlebnisse zu befreien, ihr eigenes Leben zu leben und sogar, sich innerlich mit ihrer Mutter zu versöhnen. Dass das mit einigen Mühen verbunden ist, liegt auf der Hand. Nach dem Tod der Mutter, nach Depressionen sowie stationärer und ambulanter Therapie erreicht sie das Maß an innerer Stabilität, das ihr erlaubt, auch die Scham hinter sich zu lassen: Sie macht ihre Geschichte öffentlich.

Damit gibt Betty Taube anderen Betroffenen eine Stimme. Und Nicht-Betroffenen, also Nachbarn, Freunden oder Verwandten von Familien mit Alkoholabhängigkeit, ein Sensorium an die Hand für ein oft verdrängtes Thema. Damit sie nicht wegschauen, sondern einschreiten und Hilfe suchen, wenn sie die Rechte von Kindern verletzt sehen.

Ein Mehrwert des Buches ist, dass die Autorin nicht auf der persönlichen Ebene stehen bleibt (so bewegend ihre Geschichte auch ist). Am Ende stehen Sachinformationen unter anderem zum Leben als COA (Child of Addicts), also als Kind von suchtkranken Eltern, der Hinweis auf Hilfsangebote und ein lesenswertes Interview mit Corinna Oswald von NACOA Deutschland, einem Verein, der die Interessen von Kindern aus Suchtfamilien vertritt. Die andere Seite, die alkoholkranker Eltern, beleuchtet ein Interview mit einer 45-jährigen Mutter, die von ihrer eigenen Alkoholabhängigkeit und ihrer Befreiung aus der Sucht berichtet.

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