Vor einigen Wochen war es so weit. Zwei Flutlichtmasten im Friedrich-Ludwig-Jahn-Sportpark wurden gesprengt. Die schlanken Riesen aus Stahl, die schon immer etwas geneigt ins Stadion blickten, legten sich nieder. Binnen Sekunden änderte sich die Silhouette im Dreieck der Berliner Stadtteile Prenzlauer Berg, Mitte und Wedding. Der Sportpark inklusive kleinem Stadion entsteht neu – nicht ohne Protest gegen den Abriss eines weiteren Stücks DDR-Moderne aus den 1950er-Jahren. Und das an einem wahrhaft geschichtsträchtigen Ort, direkt am ehemaligen Todesstreifen, dem heutigen Mauerpark. Immerhin: Zwei Masten bleiben stehen …
Hätte ein Stabhochspringer es geschafft, mit einem beherzten Sprung das Stadion, die Mauer und die DDR hinter sich zu lassen und im Westen zu landen? Torsten Schulz, Professor für Dramaturgie in Potsdam-Babelsberg, erzählt in einem seiner begleitenden Texte (alle auf Deutsch und Englisch) des Bildbandes Mauerpark von dieser Fantasie seines Cousins Gerdchen, über die sie beim Spaziergang im Prenzlauer Berg vor der Wende sprachen. Und von Gerdchens Vision, dass der Todesstreifen irgendwann einmal ein Park sein könnte, wenn die ganzen Mauerteile, Wachtürme und Sicherungsanlagen weggeräumt wären. Leider hat er nicht mehr erlebt, dass seine Idee Wirklichkeit wurde.
Der Mauerpark ist heute einer der populärsten Freiräume der Hauptstadt. Am Wochenende zieht er Touristinnen und Touristen ebenso an wie Einheimische, sein Flohmarkt ist ebenso legendär wie überlaufen. Aber der Park auf dem früheren Gelände eines Güterbahnhofs ist groß, man findet immer irgendwo ein ruhiges Plätzchen, notfalls auch mit Blick auf die fragwürdige Max-Schmeling-Halle, die in der Berlin-Besoffenheit der Nachwende schon einmal in klarer Erwartung der Olympischen Spiele 2000 hier errichtet wurde – nun ja.
Seit vielen Jahren ist der Fotograf Rolf Zöllner immer wieder im Park unterwegs. Fast einhundert seiner Fotos aus dem Mauerpark sind in diesem Bildband zu sehen. Er ist kein historisches Kompendium und keine soziologische Studie, sondern eine Langzeitbeobachtung eines Ortes im Wandel. Zöllner fotografiert den Park als sozialen Raum. Seine Bilder konzentrieren sich auf Menschen, auf Situationen, auf wiederkehrende Rituale. Damit entsteht ein vielschichtiges Porträt, das weder glorifiziert noch problematisiert, sondern den Mauerpark als offenen, bisweilen auch widersprüchlichen Stadtraum zeigt.
Ein wiederkehrendes Motiv ist der Graffiti-Künstler „Eme Freethinker“, der auf den verbliebenen Resten der Mauer hinter dem Stadion, auf denen das Sprühen ausdrücklich erlaubt ist, vergängliche Kunst schafft. Denn was heute gemalt wurde, ist morgen schon wieder von irgendwem übermalt. Wie gut, dass Rolf Zöllner einige seiner Werke festgehalten hat. Unterhalb des Stadionhügels gibt es ein kleines Amphitheater, bekannt für das sonntägliche Karaoke. Joe aus Dublin, der dort regelmäßig zum Mitsingen einlädt, ist ebenfalls im Bild – noch mehr aber seine Veranstaltung. Zöllners Aufnahmen zeigen weniger das Spektakel als die Struktur dieses Ereignisses: die Versammlung im Halbkreis, die Aufmerksamkeit der Zuhörenden, die Mischung aus Ernst und Spiel. Der Park wird hier als Ort sichtbar, an dem temporäre Gemeinschaft entsteht.
Neben diesen Szenen finden sich zahlreiche leise Bilder. Die junge Frau auf der Schaukel mit den unglaublich langen Ketten direkt am Hang. Wir sehen sie von hinten, nicht mehr schwingend, eher erschöpft in den Seilen hängend, den Blick ins Abendrot gerichtet. Könnte kitschig sein, ist es aber nicht, weil Zöllner nicht inszeniert, sondern beobachtet. Immer wieder tauchen Paare auf, diskret fotografiert. Umarmungen, Küsse – Zöllner hat einen Blick für zärtliche Momente. Privatheit im öffentlichen Raum, Lebensfreude und Melancholie auf historisch belastetem Grund, das alles kann man in Zöllners Bildern finden.
Sie sind damit mehr als Zeitdokumente im engen Sinn. Natürlich halten sie Details fest, die es hier so nicht mehr gibt: die Autowerkstatt etwa oder die starken Männer der Gerüstbaufirma Quadriga. Das „Camp Tibet“, das 2010 von Vandalen zerstört wurde. Diese Details bleiben, weil Zöllner sie fotografiert hat. Seine Kamera sucht nicht das Außergewöhnliche, sondern das Typische.
Vor dem Hintergrund der jüngsten Veränderungen im angrenzenden Jahn-Sportpark gewinnt der Band zusätzliche Aktualität. Stadträume sind nicht statisch; sie werden umgebaut, umgewidmet, neu bewertet. Rolf Zöllners Buch Mauerpark macht sichtbar, was im alltäglichen Gebrauch oft übersehen wird: dass jeder Sonntag, jede Begegnung, jede Geste Teil einer fortlaufenden Geschichte ist. Die Fotografien bewahren Momente, die im nächsten Augenblick schon vergangen sein können. Gerade in dieser Konzentration auf das Gegenwärtige, das morgen schon wieder Vergangenheit ist, liegt die nachhaltige Stärke des Buches.
Stephan Kosch
Stephan Kosch ist Redakteur der "zeitzeichen" und beobachtet intensiv alle Themen des nachhaltigen Wirtschaftens. Zudem ist er zuständig für den Online-Auftritt und die Social-Media-Angebote von "zeitzeichen".