Svenja Leibers neuer Roman Nelka ist vom Sujet her eine jüngere Schwester ihres letzten Romans Kazimira (siehe zeitzeichen 1/2022). Fortgeschrieben in der Zeit, während des Zweiten Weltkriegs auf einem Gut im Alten Land, das Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter beschäftigt, während die Männer des Guts als Soldaten an der Front sind. Gleich der erste Blick auf das Gut lässt alles künftige Erleben dort erahnen: Der Verwalter ist erfüllt – es ist „eine Pracht, Stolz einer ganzen Zunft […] Er ist sich sehr sicher, dass es, wo immer diese Arbeitsmenschen herkommen, keine derart prächtigen Güter gibt. […] Sie können froh sein, denkt er, dass sie hier arbeiten dürfen. Hier lernen sie, wie man es macht, wie man es mit Fleiß zu etwas bringt.“ – Und die Ankommenden? „Als sie das Gut erreichen, graust es Nelka, so mächtig sieht es aus.“
Die Geschichte ist gerahmt von einer Wiederbegegnung. Fünfzig Jahre später macht sich Nelka auf den Weg, ihrer Geschichte und der schmerzvollen, alles verändernden Prägung auf diesem Gut noch einmal ins Gesicht zu sehen. Einer Geschichte tiefer Verbundenheit mit ihren Leidensgenossinnen Margaryta und Schura, und eines Verwalters, dem das eigene Herz, eingepfercht in Pflicht, Fleiß und sich selbst unzugänglicher Empfindung, zum Widerpart wird. – Einem, der nicht und doch ganz dazu gehört zu denen, die alles wissen über Krieg, „nur über sich selbst wissen sie nicht mehr viel. Etwas hat sie von sich entfremdet. […] Ihr Schlaf ist entweder versiegt oder entgrenzt. Ihre Libido auch. […] Trotzdem funktionieren sie.“
Marten heißt der Verwalter. Ein Mann, gut zehn Jahre älter als Nelka, gebannt von deren vom Vater seit Kindesbeinen erlernten Wissen über den Obstbau; ein Mann, der sich, in der eigenen jungen Ehe unbehaust, nach Nelka verzehrt, bis sie schließlich die Kammer nicht mehr verschließt, weil „sie versteht, dass diese [seine] Finger ihr auf eine Weise das Wohl der Leute auf dem Gut übergeben“. Gewalt und Gewinn, moralisch als Qualität von Arbeit und als das Recht der Sieger konnotiert, bezahlt Nelka dreifach mit dem erzwungenen Verlust ihrer Heimat, der Hergabe ihrer Arbeitskraft und ihres Körpers. Arbeit ist das Zahlungsmittel. „Solange sie arbeiten, sind sie auch. Wenn sie nicht mehr arbeiten können, dann sind sie nicht mehr. […] Denn was einmal der lieben Hände Arbeit war, nimmt unter den Deutschen schlimmen Schaden. Für sich betrachten sie Arbeit als ihren größten Stolz, für andere machen sie aus der Arbeit einen Hohn, und dann machen sie aus der Arbeit den Tod. Was sie nicht wissen: Diese Hände sind, solange sie können, einander behilflich, stützen, trösten, segnen vielleicht, wenn sie es noch gelernt haben. Auch das war seit jeher eine Weise des Tuns. Vielleicht die Wichtigste und eine, die im Stillen geschieht, obwohl sie alles enthält und erhält. Das ist, denkt er [Nelkas späterer Mann Iwan], die Wahrheit der Hände und die Wahrheit der Arbeit.“
Das Buch erzählt die Jahre bis zur Rückkehr nach Lemberg-Lwów-Lwiw und lässt die alte Nelka in der Rahmenhandlung nach einem Abendessen und einer Nacht wieder in ihre Heimat zurückkehren. Ihr innerer Auftrag ist erfüllt.
Svenja Leiber blickt mit den unbestechlichen Augen einer urteilsfreien Zeugin respektvoll auf ihre Protagonisten und durch sie hindurch. Gleichnishaft vergegenwärtigt sie Geschichte anhand zweier auf die gegensätzlichsten aller denk- und erinnerbaren Seiten der Zeit geworfener Menschen. Die Reise in die Vergangenheit wird für Nelka zum Schlüssel der eigenen Kraft und zum Tor der inneren Freiheit durch Erinnerung. Noch in ihrer Wortlosigkeit ist sie so präsent, dass auch Marten sich seiner Gefühle nicht mehr erwehren kann.
Trotz der Schwere des Themas ist es Svenja Leibers zauberhaftes Plädoyer für unverstelltes Sehen und umfassende Wahrnehmung, wie es in der Literatur nur alle Jahre einmal derart eindrücklich aufscheint. Dann kann man es nicht vergessen. Das sublime Leuchten dieses Buches liegt in der Sehkraft und deren Überführung in die zutiefst ehrliche Sprache der Wahrhaftigkeit. Die kennt keine Nutzungsbedingungen und ist darum noch im schrecklichsten Moment unverwinkelt und poetisch.
Klaus-Martin Bresgott
Klaus-Martin Bresgott ist Germanist, Kunsthistoriker und Musiker. Er lebt und arbeitet in Berlin.