Die Journalisten der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, Reinhard Bingener und Markus Wehner, legen mit Der stille Krieg: Wie Autokraten Deutschland angreifen eine überzeugende Darstellung der Bedrohung der westlichen Demokratien durch die hybride Kriegsführung ihrer Gegner vor. Im Fokus stehen – in absteigender Intensität – die Aktivitäten von Russland, China und der Türkei. Deren hybride Kriegsführung ziele darauf, von außen in die „Selbststeuerung“ der westlichen Demokratien einzugreifen. Nötig sei es daher, so die Autoren, den Bevölkerungen der angegriffenen Länder ein „realistisches Gesamtbild der hybriden Bedrohung zu vermitteln“. Nicht zuletzt, weil sie „wahrscheinlich sogar noch größer werden wird“.

Einen Beitrag dazu will Der stille Krieg leisten, der sich über weite Strecken wie ein Krimi liest. Die zahlreichen Beispiele russischer und chinesischer Spionageerfolge, Cyberkrieg-Angriffe und Propaganda-Feldzüge werden von den Autoren zu einem dichten Netz verwoben; so werden Zusammenhänge und Strategien deutlich. Zusammengehalten wird die Vielzahl der Akteure, Ereignisse und Schauplätze vom Narrativ des „hybriden Krieges“.

Zwar warnen die Autoren vor einem „vorschnelle[m] Schwingen der Hybriditäts-Keule“, das sie ausdrücklich als „kontraproduktiv“ bezeichnen; Kritiken des Konzepts vom hybriden Krieg oder Alternativen werden im Buch allerdings nicht diskutiert. Der stille Krieg ist insofern eine Post-Zeitenwende-Diagnose der Sicherheitslage Deutschlands, als dass die zahlreichen und vielfältigen Aggressionen Russlands und Chinas als intentional und zielgerichtet interpretiert werden und nicht als Ausrutscher zuweilen schwieriger Partner. Ein Sinneswandel, der in Deutschland bezüglich China vielleicht noch aussteht.

In der ersten Hälfte des Buches stellen Bingener und Wehner – wie auch im Vorgängerbuch Die Moskau-Connection (2023) über das „Schröder-Netzwerk“ – überzeugend dar, wie die Naivität und nicht zuletzt Gier deutscher Akteure den Autokraten in die Hände gespielt hat. Im Fokus stehen diesmal vor allem Politiker der CDU und Wirtschaftsvertreter. Überaus interessant sind die Einblicke, die das Buch in die Bemühungen jener Netzwerke erlaubt, die trotz der Vollinvasion Russlands in der Ukraine an einer weiteren Kooperation mit Putin & Co. arbeiten.

Den Überblick über die Vielzahl von Personen und Ereignisse zu behalten, verlangt dem Leser viel Konzentration ab, weil das Buch in der zweiten Hälfte etwas an erzählerischem Drive verliert. Insgesamt ist Der stille Krieg ein Bildungsereignis gerade für diejenigen, die sich nicht fortlaufend in der nationalen und internationalen Presse informieren können.

Eine große Leerstelle hat das bereits im Herbst 2025 erschienene Buch, ohne dass sie den Autoren als Versäumnis zur Last gelegt werden kann: Angesichts der zur Jahreswende deutlich zutage getretenen imperialen Aggression der „America first“-Regierung von Donald Trump und der von ihm und seiner Entourage vorgetragenen Verachtung gegenüber den eigenen Bündnispartnern in NATO und EU werden die Empfehlungen zur inneren und äußeren Befestigung der westlichen Demokratien, die von den Autoren zum Schluss ihres Buches gegeben werden, nur noch dringlicher – aber auch fraglich. Auf welche Bündnispartner können sich Deutschland und Europa wirklich verlassen? Bräuchte es jetzt, da „Resilienz, Autonomie und Souveränität der rechtsstaatlichen Demokratien“ von den USA aus sabotiert werden, nicht ein ähnliches Buch wie Der stille Krieg über die transatlantischen Verstrickungen?

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