Das vorliegende in englischer Sprache verfasste Buch Christian Theology in Myanmar hat das Zeug zum Klassiker. Mir ist kein anderes bekannt, das einen solch umfassenden Überblick gibt über die neueren theologischen Entwicklungen in Myanmar. Wer hier interessiert ist, für den ist dieses Buch ein Muss. Es führt ein in die theologischen Strömungen des Landes, meist in den ersten 20 Jahren des Jahrtausends, in die großen Linien, aber auch Unterschiede, die oft in Nuancen liegen. Die meisten Themen, auch wenn sie der Situation von Myanmar entspringen, sind Teil einer internationalen Diskussion: Kontextualisierung – durch Annäherung sowohl an den Buddhismus als auch die traditionelle Nat-Verehrung; ebenso Mission und Dialog und die Haltung zu anderen Religionen, aber auch soziale Gerechtigkeit, Ökologie oder Gendergerechtigkeit, mit interessanten Querverbindungen wie dem Ökofeminismus oder dem ökologischen Wert der Nat-Verehrung.

In dem Dschungel unterschiedlicher Narrative und gegenseitiger Vorwürfe der Ethnien und Religionen haben die Autoren in vorbildlicher Weise unterschiedliche Positionen mit der gebotenen Neutralität vorgestellt. An einigen Stellen haben sie einen kurzen Abschnitt „Reflections“ eingeschoben, in dem sie als Autoren das Dargestellte reflektieren, wodurch Darstellung und Stellungnahme sauber getrennt werden.

Das Buch beschränkt sich auf die akademische Ebene der Theologie. Nach Khin Maung Din, dem Urahn myanmarischer Theologie, konzentriert es sich im Wesentlichen auf drei „Überväter“ des Myanmar Institute of Theology (MIT), der angesehensten theologischen Fakultät: Simon Pau Khan En, Saw Hlaing Bwa und Samuel Ngun Ling. Ihre Bedeutung wird noch einmal in einem Schlussteil unterstrichen, in dem ihre Theologien einer kritischen Revision unterzogen werden. Für die feministische Theologie ist Anna May Say Pa die wesentliche Gewährsperson. Diese Schwerpunktsetzung führt allerdings gelegentlich zu inhaltlichen Engführungen; andere, jüngere Theologen, werden wohl auch vorgestellt, manche aber doch reichlich kurz und unvollständig, wie etwa Ciin Sian Khai oder vor allem Pum Za Mang, der auf kaum zwei Seiten abgehandelt wird, obwohl er den wichtigen Zusammenhang zwischen ethnischer und religiöser Identität umfassend aufgearbeitet und auch die Entwicklungen seit dem Militärputsch dargestellt hat.

Leider ist in Myanmar der Graben zwischen akademischer Elite und Gemeindeebene besonders groß. Die Verunglimpfung traditioneller (Bekehrungs-)Mission als Proselytenmacherei und bloße Aktion zur Mitgliedervermehrung, wie sie bei den so genannten Übervätern immer wieder anklingt, wirkt wie von einem anderen Stern neben der missionarischen Begeisterung, die auch der Verfasser dieser Rezension vor Ort erlebt hat, und den dankbaren Zeugnissen vieler Christen von den Veränderungen, die die Annahme des christlichen Glaubens bei ihnen und ihren Vorfahren bewirkt hat. Diesen Erfahrungen wesentlich näher kommt die in dem Buch wiedergegebene Doktorarbeit von Pausa Gam Ja, der die Mission unter den Kachin als Befreiungsmission kennzeichnet. Dass diese unterschiedlichen Sichtweisen in dem Buch wiedergegeben werden und nicht nach einer Linie aussortiert wurden, spricht für dieses Buch.

Wünschenswert wäre eine Bibliografie der einschlägigen Literatur am Ende gewesen. Ansonsten gibt das Buch die theologische Produktion vor dem Militärputsch 2021 wieder. Dessen Auswirkungen – auch auf die theologische Landschaft – finden keinen Niederschlag. Trotzdem kann es mit großem Gewinn gelesen werden als Überblick über myanmarische Theologie etwa 2000 bis 2020. Es ist ein Muss für jeden Freund der Christen Myanmars und eine überfällige Publikation, mit der der Erlanger Verlag die Christenheit in Myanmar hoffentlich endlich aus dem Schatten unserer Aufmerksamkeit herauszuholen vermag. Und es bildet auch eine Schatztruhe wertvoller Beiträge zu Themen, die weltweit nicht nur Theologen bewegen.

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