Die Geschichte der Diakonie ist wahrlich keine unerforschte. Dennoch fällt bei einer Literaturrecherche auf, dass ein systematischer Überblick der gesamten Diakoniegeschichte von der Alten Kirche bis zur Gegenwart bisher nicht vorlag. Neben dem historischen Interesse wird das Ziel des Buches zu Beginn klar benannt: Die Geschichte kann demnach „in den gegenwärtigen tiefgreifenden Transformationsprozessen Irritationen und Orientierungen zugleich bieten“ und dadurch Impulse zur kritischen Selbstreflexion und Weiterentwicklung der Diakonie bieten.
Nach einem biblisch-theologischen Einstieg gliedern sich die einzelnen Kapitel nach den jeweiligen Epochen und ergänzen diese mit diakonisch-thematischen Schwerpunkten, man findet sich dadurch leicht zurecht. Mit fortschreitenden Kapiteln werden die Zeiträume kleiner: Etwa ein Drittel des Buches behandelt die Zeit der Alten Kirche bis zur Reformation, ein Drittel die Zeit von der Reformation bis zum 20. Jahrhundert, im letzten Drittel werden das 20. und 21. Jahrhundert behandelt, dabei wird die Brücke zu aktuellen Entwicklungen geschlagen.
Dem Autor Gerhard K. Schäfer gelingt es durch das gesamte Buch hinweg bemerkenswert gut, den Fokus auf diakonierelevante Aspekte zu legen. Das Buch will eben keine komplette (Kirchen-)Geschichte darstellen, dennoch ist Diakoniegeschichte selbstverständlich verwoben mit allerlei politischen, gesellschaftlichen und kirchlichen Entwicklungen. Der Autor schafft es dabei, die Leser in die jeweilige Zeit mitzunehmen und anhand von einschlägigen Schlüsselpersonen, Orten und Projekten die für die Epoche relevanten diakoniespezifischen Themen und Motivlagen zu erläutern. Man muss sich aber bewusst sein, dass durch diesen Fokus viele zeitgenössische Themen nur kurz umrissen oder gar komplett weggelassen werden. Beim Thema „Almosen“ im Mittelalter geht es beispielsweise um die Frage der Armut, um „würdige“ und „unwürdige Arme“ oder um die Diskussion, inwieweit Diakonie zu anderen Zeiten eher privat, kirchlich oder sozialstaatlich gedacht wurde, die Thematik des Ablasshandelns wird hingegen gar nicht erwähnt.
Zudem wirkt der Blick auf die Diakoniegeschichte teilweise beschönigend: Zwar werden durchaus kritische Themen benannt, wie korrupte Bischöfe im Mittelalter, Paternalismus in diakonischen Institutionen oder die Rolle der Diakonie im Dritten Reich, aber der Fokus auf die diakonischen Leuchttürme hinterlässt stellenweise ein recht idealisiertes Bild. Dieser diakoniespezifische Fokus auf die Geschichte ist einerseits für das Anliegen des Buches äußerst dienlich: Kein Kapitel lässt sich lesen, ohne Parallelen und Inspirationen zu aktuellen diakonierelevanten Diskussionen zu ziehen, darin liegt ein enormer Mehrwert. Auf der anderen Seite kann die Lektüre für Personen, denen das historische oder theologische Hintergrundwissen zur Einordnung fehlt, aufgrund der starken Verdichtung der Themen anspruchsvoll sein.
Gegen Ende des Buches werden die Themen wieder vertrauter. Man wird zurückgeholt in die aktuellen Entwicklungen und Herausforderungen einer pluralen, standardisierten und rationalisierten Diakonie inmitten einer immer säkulareren Gesellschaft. Den Schluss bildet ein Kapitel mit dem Titel „Bekehrung zur Diakonie“. Darin wird die Zukunft einer Kirche und ihrer Diakonie gezeichnet, die sich in ihrer Geschichte immer wieder neu strukturiert hat, selbstkritisch die eigene Arbeit reflektiert und auf neue Rahmenbedingungen eingelassen hat. Damit wird das Buch seinem Anliegen ein letztes Mal gerecht und macht Mut, die aktuellen Veränderungen nicht nur mit Sorge zu betrachten: Eine Kirche, die sich einmütig auf die Seite der Armen und Unterdrückten stellt und dabei offen für neue Wege bleibt, ist auch (oder gerade) in unsicheren Zeiten relevant.
Markus Höfler
Markus Höfler ist Trainee in der BruderhausDiakonie in Reutlingen.