Die Religionswissenschaftlerin Melanie Hallensleben legt mit ihrer umfangreichen Untersuchung „Neureligiöse Bewegungen und das Judentum“ eine breit angelegte religionswissenschaftliche Studie vor, die auf ihrer Dissertation basiert und ein bislang nur punktuell bearbeitetes Forschungsfeld systematisch erschließt. Im Zentrum stehen Fragen nach den Selbst- und Fremdbildern neureligiöser Gruppierungen im Blick auf das Judentum: Wie wird „das Judentum“ in Distanzierungen und Identifikationen wahrgenommen, konstruiert und bewertet? Welche jüdischen Vorstellungen werden übernommen, transformiert oder zurückgewiesen? Und nicht zuletzt: Verstehen sich einzelne Gruppen als Fortsetzung, Ersatz oder gar „wahre“ Erben Israels – oder markieren sie bewusst Distanz?

Damit berührt die Arbeit grundlegende Probleme der Substitutionstheologie in neuem Gewand. Hallensleben zeigt überzeugend, dass entsprechende Denkmuster keineswegs auf klassische christliche Theologien beschränkt sind, sondern in vielfältiger Form auch in neureligiösen Kontexten auftreten. Der Untersuchungsrahmen ist bewusst weit gesteckt: Berücksichtigt werden Gruppierungen mit christlichem oder islamischem Hintergrund ebenso wie esoterische und neopagane Bewegungen. Diese Heterogenität stellt hohe Anforderungen an Systematik und Vergleichbarkeit, wird von der Autorin jedoch reflektiert und methodisch kontrolliert gehandhabt.

Bereits die Einleitung formuliert eine zentrale These der Arbeit: Während sich in den Großkirchen eine zumindest partielle kritische Aufarbeitung christlicher Judenfeindschaft durchgesetzt hat, lassen sich in neureligiösen Bewegungen oftmals langlebige, teils ungebrochene antijüdische Topoi beobachten. Diese Beobachtung wird im weiteren Verlauf nicht pauschalisierend, sondern differenziert entfaltet. Hallensleben spricht bewusst von „Judentumswahrnehmungen“, die sowohl positive Idealisierungen als auch deutlich abwertende Stereotype umfassen können – beide Formen werden als Konstruktionen analysiert, die mehr über Selbstverständnis und Identitätsarbeit der Gruppen aussagen als über das Judentum selbst.

Hallensleben entfaltet ausführlich die methodischen und begrifflichen Grundlagen, mit denen sie ihre Untersuchung im Schnittfeld von Religionswissenschaft, Kulturwissenschaft und Antisemitismusforschung loziert. Methodisch stützt sie sich auf kritische Textanalysen solcher Schriften, die innerhalb der jeweiligen Gruppen als autoritativ gelten, sowie auf ethnografische Beobachtungen. Diese historisch informierte und kontextualisierende Quellenarbeit wird durch historisch informierte Darstellungen theologischer Substitutionsvorstellungen ergänzt, die sie in antisemitismustheoretische Überlegungen überführt. Dadurch gelingt es, religionsinterne Deutungsmuster mit gesellschaftlichen Diskursen über Judentum und Antisemitismus zu verschränken.

Das Herzstück der Arbeit sind ohne Zweifel die ertragreichen Einzelfallstudien zu zwölf unterschiedlichen neureligiösen Bewegungen: die Darstellung der wechselhaften Judentumswahrnehmungen bei den Zeugen Jehowas; eine reflektierte – spannend zu lesende – Auseinandersetzung mit der Geschichte und Gegenwart der African Hebrew Israelites (Black Jews) unter anderem in Israel; eine beeindruckende und kritische Auseinandersetzung mit vielschichtigen Bildern vom Judentum bei Rudolf Steiner beziehungsweise in der Theo- und Anthroposophie; die kontextuell bedingten Entwicklungen der Judentumswahrnehmungen der Baha’í oder die positive Rezeption des Judentums in der Ahmaddiya-Bewegung fokussieren wiederum neureligiöse Bewegungen im Kontext des Islams: Hier steckt nicht nur gründliche wissenschaftliche Arbeit, sondern ein lohnenswerter Blick in die betrachteten Religionsgemeinschaften.

Kritisch ließe sich anmerken, dass die Systematisierung und komparative Gesamtschau im Anschluss recht knapp ausfallen. Dieser Einwand mindert jedoch nicht den Gesamteindruck einer äußerst materialreichen und konzeptionell durchdachten Arbeit. Besonders die Einzelfallstudien stellen einen hohen wissenschaftlichen Wert dar: Sie bieten nicht nur einen breiten Überblick über unterschiedliche neureligiöse Gruppierungen, sondern versammeln eine beeindruckende Fülle differenzierter Beobachtungen zu den hier dargestellten Judentumswahrnehmungen. Hallenslebens Studie liefert damit wichtige Impulse für die weitere Erforschung neureligiöser Bewegungen und trägt zugleich zur religionswissenschaftlichen Antisemitismusforschung bei.

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Hans-Ulrich Probst

Hans-Ulrich Probst ist seit 2021 wissenschaftlicher Mitarbeiter am Fachbereich Praktische Theologie der Universität Tübingen und ist Mitglied der Evangelischen Landessynode in Württemberg. 

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