Für dieses Hörbuch müssen sich Hörerin und Hörer Zeit und Geduld nehmen. Denn was der britische Schriftsteller Julian Barnes in seinem Buch Abschied(e) aufschreibt, ist tiefgründig und berührend, so dass es Assoziationsräume eröffnet. Das eigene Leben und die Erinnerungen daran setzen sich fest, so dass die Hörerschaft in eine Art Selbstbeobachtung und -befragung gerät.
Gleich zu Beginn stellt Julian Barnes klar: „Das ist mein letztes Buch.“ Vor sechs Jahren wurde bei ihm eine seltene Form von Leukämie diagnostiziert, die ihn zu dieser Einsicht des Abschieds führt. Deshalb fragt er, was im eigenen Leben zählt, wie Erinnerung und das Gedächtnis funktionieren, und wie wir unsere eigene Biografie konstruieren. Wer Lust hat, sich diesen Fragen zu widmen, wird belohnt. Denn es ist der Ton, der durch das Hörbuch trägt, die Gelassenheit, die der inzwischen 80-jährige Julian Barnes an den Tag legt, die eigene Endlichkeit im Rücken mit seinen Erinnerungen.
In diese Selbstbefragung bettet er die Geschichte seiner zwei Studienfreunde Stephen und Jean aus Oxforder Zeiten ein. Platziert Erinnerungen an befreundete Schriftstellerkollegen, aber auch Dichter aller Zeiten. „Ich glaube nicht, dass meine Gelassenheit von einer neu gewonnenen Reife kommt, sondern eher vom Gegenteil, dem Akzeptieren des Verfalls“, sein Fazit.
Barnes’ Buch ist von einer außerordentlichen Dichte, dabei sprunghaft und assoziativ, die der Sprecher Frank Arnold durch seine Lesung verstärkt. Es sind die Fragen nach der eigenen Vergänglichkeit, danach, was bleibt und wie man sein eigenes Leben liest. Sie mögen durch das Ohr noch ein bisschen tiefer dringen als gelesen.
Kathrin Jütte
Kathrin Jütte ist Redakteurin der "zeitzeichen". Ihr besonderes Augenmerk gilt den sozial-diakonischen Themen und der Literatur.