Nun, da sich der Weltgeist, angeödet vom äonenlangen Wiederholen, beginnt, an den Füßen zu spielen, mag man vieles fragen. Auch, ob es Pop-Musik überhaupt noch geben kann, drückte er uns doch vor dem Retreat flugs Smartphones in die Hand, die deren subversives Oszillieren monadisedierend in Allgegenwart und Überfülle ertränken. Wer Diedrich Diederichsens „Über Pop-Musik“ heute liest, bleibt zwar angeregt, spürt jedoch mitunter Leere und fürchtet: Endzeit. Oder richtet’s wieder das Leben?
Müßiges Fragen, entgegnet darauf nun unbändig der Zweitling von SML, jenem Jazz- und Komponistenquintett aus L. A. mit der Bassistin Anna Butterss, Josh Johnson am Saxophon, Synthesist Jeremiah Chiu, Booker Stardrum an den Drums und Gitarrist Gregory Uhlmann. Ihr eponymes Debüt war hier bereits begeistert Thema (vergleiche zz 9/24). Frappant ist ihre hohe Wiedererkennbarkeit. Die durchweg eleganten, oft fiebrigen Tracks haben etwas Leierndes, sind aber dynamisch und groovy, selbst ruhigere Nummern. Aus gefühltem Nichts wirbeln sie heran, markant, teils auch fickerig. Free Jazz steckt hier spürbar tief drin, höchst alert und feinfühlig, HipHop und fett Funk. Dennoch streicheln sie. Freundinnen, die sonst bei Jazz das Laufen kriegen, zeigen Wohlbehagen. Muzak jedoch ist dies beileibe nicht, im Gegenteil: SML nehmen ihre Gigs auf und bearbeiten das bereits live tricky Geschichtete dezent im Cut-up-Verfahren, inzwischen mit weitaus perfekteren Mitteln. Auftritte, von denen die Musiker ja nunmehr leben müssen, und Produkt werden eins. „How You Been“ („wie ist es dir ergangen?“) zelebriert mit der offenen Frage nach dem Gestern warm das Jetzt und deutet auf ein Morgen, wissend um die Fragilität von allem. Angenehme Na und-Haltung, in der die Kraft der Musik liegt. Inspiration, Tiefe, Können und präzises Livekomponieren sind ihre Basis.
Und dabei haben die 13 teils sperrigen Tracks durchaus Pop-Appeal. Wie das kommt? Durch den Klang: Wie fünf durch die Luft scheppernde Bumerangs – auch ihre fein gesetzten Soli wenden sie perkussiv, rhythmisch –, die elliptisch auseinander fliegen, und doch verlässlich auf den Punkt wieder da sind – oder nie die Fühlung verloren haben. Das ist Clubmusik und pralle Funk-Power, vor allem aber Jazz, geistvolles aus der Reihe treten. Chaos nie, vielmehr eigene Ordnung. Freiheit? Jedenfalls im inspirierten Augenblick, den zu packen SML Meister sind. Sie retten einem den Tag, wieder und wieder. Und den Satz „jazz is the teacher, funk is the preacher“ stellt ihr unermüdliches Album vom Kopf auf die Füße: Feurig frisch steht der alte, weise Mann hier selbst auf der Kanzel – und tanzt. Cool, nicht ergriffen. Ein Prediger, wie er mitreißender nicht sein kann. „How You Been“ ist ein Ereignis: unprätentiös, kunstvoll, gültig, wunderbar. Pop-Musik.
Udo Feist
Udo Feist lebt in Dortmund, ist Autor, Theologe und stellt regelmäßig neue Musik vor.