Die Gitarre ist eines der genügsamsten und anspruchsvollsten Instrumente zugleich. Viele kommen gerade bis zum leidlichen Beherrschen von Tonika, Subdominante und Dominante in G, vielleicht erweitert um die Moll-Parallele – und fürs Lagerfeuer speichern das die Finger lebenslang. Aber was hat sie saitenweise mehr zu bieten – sei es klassisch-barock (mit grandiosen Werken Johann Sebastian Bachs, ursprünglich für Laute), als Sound des easy feeling im Folk oder soundsatt feinfingrig mit der E-Gitarre im Rock, wo Mark Knopfler Maßstäbe gesetzt und mit seinem Können nicht zuletzt auch Bob-Dylan-Alben wie das geniale „Infidels“ (1983) musikalisch signifikant kultiviert hat. Die Gitarre ist in ihrer klassischen, unverstärkten Form auch im Blues und im Jazz zuhause – Genres, die immer improvisierend unterwegs sind. Deshalb reicht sie in ihrer Außergewöhnlichkeit nicht an aller Ohren – aber es gibt immer wieder legendäre Ausnahmen und Gitarristen wie Al Di Meola, John McLaughlin und Paco de Lucía, deren Ausnahmealbum „Friday Night in San Francisco“ (1981) die Gitarre erfolgreich in den Fokus rückt.
Ein ähnlich begnadeter Gitarrist wie die letztgenannten ist der US-Amerikaner Pat Metheny. Im neugierigen Warten auf seine neue CD „Side-Eye III+“, die in diesem Frühjahr erscheinen soll, will ich eine CD in den Fokus rücken, die vornehmlich den Komponisten, weniger den Interpreten vorstellt: Road To The Sun. Zwei umfangreiche Werke Methenys sind hier zu hören, die sich als Grenzgänger zwischen den Genres offenbaren und damit neue Facetten eines musikalischen Multilinguisten enthüllen. Zu Beginn spielt Grammy-Gewinner Jason Vieaux die viersätzige Solo-Gitarrensuite „Four Paths Of Light“ – die rauscht gleich mit ihren ersten Tönen wie ein im Frühling von den Bergen fulminant ins Tal stürzender Bach in die Ohren und gebärdet sich wie eine Transformation der vier Jahreszeiten in klingendes Sonnenlicht. Faszinierend ist dabei sowohl die rhythmisch-präzise, nuancenreiche Form des Anschlags, mit der Jason Vieaux binnen Bruchteilen von Sekunden neue Momente zu kreieren weiß, als auch die kompositorisch-komplexe Energie, die diese Suite mit unermüdlicher Gestaltungslust durchweht.
Das titelgebende Werk dieses Albums „Road To The Sun“ hat wie die großen barocken Tanzsuiten sechs Sätze – gespielt wird es ebenfalls von Grammy-Gewinnern: dem Los Angeles Guitar Quartet (LAGQ). Wollte man sie eine Band nennen, dann wären sie in ihrer kreativen Fertigkeit vielleicht mit YES zu vergleichen. Pat Metheny scheint dem Quartett diesen noch einmal komplexer und zugleich federleicht aufwartenden Tanz auf der Straße des Lichts auf den Leib geschrieben zu haben und setzt am Ende der CD auch noch als Interpret ein Zeichen mit der Adaption von Arvo Pärts „Für Alina“ für Gitarre mit 42 Saiten. Ein spirituelles Erlebnis wie das Wandern bei Mondlicht über ein windstill bewegtes Moor.
Klaus-Martin Bresgott
Klaus-Martin Bresgott ist Germanist, Kunsthistoriker und Musiker. Er lebt und arbeitet in Berlin.