Kirchen, Kneipen, Kapriolen

Eine Entdeckungsreise durch die irische Stadt Cork
Im Stadtteil Shandon ließen sich Anfang des 18. Jahrhunderts über dreihundert Hugenotten nieder. Viele von ihnen arbeiteten als Händler und in der Herstellung von Leinen und Seide, woran das Lokal „The Linen Weaver“ erinnert.
Foto: Martin Glauert
Im Stadtteil Shandon ließen sich Anfang des 18. Jahrhunderts über dreihundert Hugenotten nieder. Viele von ihnen arbeiteten als Händler und in der Herstellung von Leinen und Seide, woran das Lokal „The Linen Weaver“ erinnert.

Tiefe Frömmigkeit, ein großes Herz und eine Prise Rebellion machen die irische Seele aus. Die Stadt Cork, im Südwesten der Insel, hat offenbar besonders spannende Charaktere hervorgebracht, wie der Arzt und Journalist Martin Glauert bei einem Besuch entdeckte.

Ganz oben auf der Kuppel der strengen, grauen Kathedrale von Cork steht ein goldener Engel, der gleichzeitig in zwei Posaunen bläst. „Das ist auch nötig, damit wir hier in Cork zum Jüngsten Gericht auch wirklich aufwachen“, erklärt man grinsend. Dabei sind die Ohren der Einheimischen von jeher schon Einiges gewohnt. Zum Beispiel die Schreie der Ertrinkenden aus den Verliesen. Nur wenige Schritte von der Kathedrale entfernt führt die South Gate Bridge über den River Lee. Dort stand vor 300 Jahren ein Gefängnis, die Zellen hatte man im Kellergewölbe untergebracht. Straftäter und Rebellen wurden bei Ebbe in die Zelle geführt, wenn dann aber die Flut kam und der Fluss allmählich anstieg, mussten die Gefangenen qualvoll und elendig ertrinken. Ihre langen Schreie der Todesangst schallten herüber zu den Bürgern von Cork, die am Flussufer entlang flanierten. Das sollte ihnen eine Warnung sein, sich nicht gegen die englische Obrigkeit zu erheben. Die hatte 1695 zur Unterdrückung der irischen Bevölkerung die berüchtigten „Penal Laws“ erlassen. Darunter waren Katholiken vom politischen Leben weitgehend ausgeschlossen, insbesondere waren ihnen Bildung und Schulbesuch streng verboten.

Nano Nagle Place: eine weitläufige Anlage mit Klostergebäude, Kirche, Garten, Friedhof und Museum.
Foto: Martin Glauert

Nano Nagle Place: eine weitläufige Anlage mit Klostergebäude, Kirche,Garten, Friedhof und Museum.

Dennoch konnte man im Jahr 1754 nicht weit von dieser Stelle manchmal das ein oder andere Kind beobachten, das am Fluss entlang huschte, sich kurz umdrehte und dann rasch in einem Hofeingang verschwand. Hinter der Fassade eines Brotgeschäfts verborgen, stand eine Lehmhütte, eine geheime Schule, in der die Kinder lesen und schreiben lernten. Die Initiatorin dieses illegalen und konspirativen Projekts war Honora Nagle – Kosename „Nano“. Die Tochter aus einer wohlhabenden katholischen Familie hatte – illegal – in Frankreich eine Schulbildung genossen. Zurück in Cork, war sie erschüttert von der Armut der Menschen und beschloss, auf eigene Faust etwas dagegen zu unternehmen. So gründete sie diese kleine Untergrundschule in der Cove Lane, wo sie in aller Heimlichkeit 30 Mädchen unterrichtete. Das sprach sich herum, und schon nach einem Jahr wuchs die Zahl auf 200 Kinder an, so dass sie nach und nach ein Netzwerk katholischer Geheimschulen in Cork gründete. Das konnte nicht unbemerkt bleiben, aber sie blieb offenbar von den Behörden unbehelligt. Doch selbst in der katholischen Bevölkerung stieß diese eigensinnige und mutige Frauengestalt auf Kritik und Ablehnung. Nach dem Schulunterricht machte Nano Nagle eine Runde durch die Armenviertel, ging von Hütte zu Hütte und besuchte die Kranken und Alten, um ihnen Essen, Medizin und Trost zu bringen. Das ging oft bis in die Nacht, was ihr den Spitznamen „Die Lady mit der Laterne“ einbrachte. Die Arbeit wurde zu viel für eine einzelne Person. An Heiligabend 1775 versammelte sie drei Gefährtinnen um sich und gründete eine eigene religiöse Kongregation mit dem sperrigen Namen „Gesellschaft für Barmherzige Unterweisung des Heiligen Herzens Jesu“. Im Laufe der folgenden Jahrzehnte entstand daraus der Orden der „Presentation Sisters“ mit heute weltweiten Niederlassungen. Von Indien bis Lateinamerika, Neuseeland, den Philippinen, Thailand, USA und Afrika tritt der Orden für freien Unterricht und Unterstützung armer Kinder, Kranker und Gebrechlicher ein. An der Stelle in Cork, wo ihre erste kleine Geheimschule stand, befindet sich heute der „Nano Nagle Place“, eine weitläufige Anlage mit Klostergebäude, Kirche, Garten, Friedhof und Museum. Nagle starb eine Woche nach Ostermontag am 26. April 1784 in Cork City im Alter von 65 Jahren an Tuberkulose. Noch am Gründonnerstag hatte sie elf Stunden betend auf den Knien zugebracht. Als sie starb, entdeckten die Mitschwestern, dass ihre Knie von Geschwüren übersät waren. Erst 1860 wurden die von der Ordensgemeinschaft errichteten katholischen Schulen in Irland staatlich anerkannt. Im Jahr 2000 wurde Nagle zur „Irischen Frau des Millenniums“ gewählt, „in Anerkennung ihrer Bedeutung als Pionierin der Frauenbildung in Irland.“ Im Stadtbild ist sie dennoch nicht zu sehen.

Mitten in der Stadt, direkt am River Lee, steht eine überlebensgroße Statue von Theobald Mathew.
Foto: Martin Glauert

Mitten in der Stadt, direkt am River Lee, steht eine überlebensgroße Statue von Theobald Mathew.

Ganz im Gegensatz zu Theobald Mathew. Mitten in der Stadt, direkt am River Lee, steht seine überlebensgroße Statue in der Saint Patrick Street. Der heilige Patrick mag das Christentum nach Irland gebracht haben und als offizieller Staatsheiliger fungieren, „Father Mathew“ aber ist der unwidersprochene Heilige der Herzen, den jeder Ire kennt. Er mochte sich nicht damit abfinden, dass es für die Katholiken in Cork keinen eigenen Gottesacker gab und sie deshalb eine kostspielige Genehmigung benötigten, um auf protestantischen Friedhöfen beigesetzt zu werden. Deshalb kaufte er 1830 mit seiner Erbschaft den verlassenen Botanischen Garten von Cork und gründete dort den ersten öffentlichen Friedhof der Stadt, den St. Joseph’s Cemetery. Somit bestand nun endlich auch für die Armen die Möglichkeit, anständig beerdigt zu werden. Als einfacher Gemeindepriester kümmerte er sich hingebungsvoll und ohne Rücksicht auf seine eigene Gesundheit während der Cholera-Epidemie um die Kranken. In der großen Hungersnot von 1845 gründete er Komitees, die auf eigene Kosten Lebensmittel an bis zu 6 000 Menschen täglich verteilten, während die britische Regierung zur gleichen Zeit Weizen aus Irland exportieren ließ. Die Menschen verhungerten und starben am Straßenrand und auf den Feldern.
Bekannt und bis heute in der Bevölkerung berühmt aber ist Father Mathew ausgerechnet als „Apostel der Enthaltsamkeit“. Am 10. April 1838 begann er seinen Kreuzzug gegen die Trunkenheit und gründete die Vereinigung der „Ritter Father Mathews“, die sich dem Verzicht auf Alkohol verschrieben hatte. Die Bewegung verbreitete sich rasant in ganz Irland, allein in Galway sollen innerhalb von zwei Tagen mehr als 100 000 Menschen feierlich das Gelübde abgelegt haben, ab sofort und für immer dem Alkohol zu entsagen. Auf ihrem Höhepunkt 1845 schloss seine Bewegung, die sich inzwischen „Catholic Total Abstinence Society“ nannte, etwa drei Millionen Menschen ein – das war mehr als die Hälfte der erwachsenen Bevölkerung Irlands. Der nüchterne Lebenswandel schlug sich offensichtlich auch in der Kriminalitätsrate nieder, die dramatisch sank.

Er gründete den ersten öffentlichen Friedhof der Stadt, den St. Joseph’s Friedhof.
Foto: Martin Glauert

Theobald Mathew gründete den ersten öffentlichen Friedhof der Stadt, den St. Joseph’sFriedhof.

Irland ohne Whiskey und Guinness? – Undenkbar. Dafür steht Mary Catherine Barry, besser bekannt als Katty Barry, die noch heute bei der Bevölkerung von Cork einen legendären Ruf genießt. Sie war eine „Shawlie“, eine typische Marktfrau von Cork im schwarzen Schal, betrieb einen Lebensmittelladen und verkaufte Zwiebeln und Gemüse. Im Hinterzimmer aber betrieb die „Königin vom Kohlenkai“ am Hafen eine ärmliche Spelunke, in der sie neben Schweinehaxen, Blutwurst und gekochten Kartoffeln auch großzügig Bier, Whiskey, Ale und Port ausschenkte, ohne freilich dafür eine Lizenz zu besitzen. Bier und Schnaps wurden aus Tassen und Bechern getrunken, „gebechert“ eben. Wiederholt wurde Katty angezeigt und musste vor Gericht erscheinen, blieb aber jedes Mal straffrei, da Anwälte und Richter zu ihren besten Kunden gehörten. Wenn sie ganz nebenbei den Richter fragte: „Wie hat es Ihnen gestern Abend bei mir geschmeckt?“, kam sie meistens mit einer Geldbuße davon. Manchen gilt sie als mutige Feministin, anderen einfach als Lebenskünstlerin.

Eine Wandmalerei zeigt eine alte Marktfrau mit dem typisch gebundenen Schal.
Foto: Martin Glauert

Eine Wandmalerei zeigt eine alte Marktfrau mit dem typisch gebundenen Schal.

Sicherlich hat sie kein Guinness ausgeschenkt, das Bier des Rivalen aus Dublin, denn wer das trinkt, gilt in Cork bis heute als Verräter. Hier trinkt man Murphys, gebraut in einem ehemaligen Krankenhaus, direkt neben einer Quelle namens „Lady’s Well“, die der Mutter Gottes geweiht ist und der Wunderheilkräfte nachgesagt werden. Und wieder trifft der Besucher auf eine verrückte Geschichte mit einer typisch irischen Mischung aus Kirche, Brauhaus und Rebellion.

Ein Dickkopf

Eigentlich sollte John James Murphy die Familiendynastie fortführen, stattdessen trieb es den Dickkopf und Abenteurer in die weite Welt hinaus. Er wanderte aus und wurde als 20-Jähriger Pelzjäger an der Hudson Bay im fernen Kanada. Eines
Tages verließ er mit einer Gruppe von Trappern die Siedlung und drang ins Herz des Waldes vor. Während des Marsches traf er auf einen Stamm von Indigenen, denen er sich spontan anschloss und mit denen er zwölf Jahre lang durch die Wildnis Kanadas zog. Mit Federn geschmückt, in Felle gekleidet und mit bemaltem Gesicht wurde er zu ihrem Häuptling „Schwarzer Adler des Nordens“ gewählt. „Auf den Wanderungen des Schwarzen Adlers durch die Wälder stieß er eines Tages auf eine grüne Lichtung, in deren Mitte eine Statue der Heiligen Jungfrau stand. Und dort, auf dieser stillen Lichtung, kehrten in ihm der Glaube und die Lehre seiner Kindheit zurück.“ So weit der Bericht seines Neffen Colonel Hickie. Jedenfalls ging John Murphy 1825 ins Vereinigte Königreich zurück, studierte Theologie und arbeitete als Priester in Liverpool, wo in den irischen Armenvierteln das Hungerfieber wütete. 1848 wurde er heim nach Cork City berufen, wo er teilweise aus eigenen Mitteln die prächtige Kirche „St. Peter und Paul“ in der Stadtmitte erbauen ließ. Der ehemalige Trapper und Häuptling starb schließlich als Erzdiakon.

Diese Kirche hat vor gar nicht langer Zeit noch einen wundersam spektakulären Auftritt erlebt, wie Noel Welch zu erzählen weiß. Er war 44 Jahre lang Redakteur beim Cork Examiner und kennt seine Stadt wie kaum ein anderer. Seine Mutter hatte sich gewünscht, dass die Messe zu ihrer Beerdigung hier in „St. Peter und Paul“ gehalten werden sollte. Sie hatte selbst eine Leichenkutsche und zwei schwarze Pferde aus Limerick organisiert, die ihren Sarg durch die Straßen zogen. Der gesamte Verkehr wurde gestoppt, bis die Kutsche die Kirche erreichte. Die umherstehenden Leute waren der Meinung, es handele sich um Filmaufnahmen, und hielten vergeblich Ausschau nach den Schauspielern, doch es war nur Corksche Realität.

Fässer und Getränke gehören zum Stadtbild von Cork.
Foto: Martin Glauert

Fässer und Getränke gehören zum Stadtbild von Cork.

Ein nettes Stückchen Anarchie spiegelt auch die „St. Anne’s Church“ auf der nördlichen Seite des River Lee: Wer es auf sich nimmt, die 132 Stufen der engen Wendeltreppe zu erklimmen, darf nach Herzenslust die acht Glocken im Kirchturm läuten. Zwar liegt eine Anleitung aus, wie man mit der richtigen Reihenfolge eine kleine Melodie zustande bringt, doch endet der Versuch meist in einer
chaotischen Bimmelei. Und auch die Turmuhr tanzt widerspenstig aus der Reihe. Nach allen vier Himmelsrichtungen hin ist ein Zifferblatt angebracht, doch weil der scharfe Wind aus unterschiedlichen Richtungen unter die Zeiger greift, zeigen alle vier Uhren eine andere Zeit an. So heißt die Uhr im Volksmund nur die „viergesichtige Lügnerin“.

Ein Stück Anarchie

In diesem Stadtteil Shandon ließen sich Anfang des 18. Jahrhunderts über dreihundert Hugenotten nieder. Viele von ihnen arbeiteten als Händler und in der Herstellung von Leinen und Seide, woran das Lokal „The Linen Weaver“ erinnert. Gleich um die Ecke führt eine schmale Gasse, deren Mauern mit französischen Graffiti übersät sind, zum alten Hugenottenfriedhof. Nur wenige Namen sind noch erkennbar, darunter Le Grand, Perrier und Pique. In lebendiger Erinnerung geblieben ist den Einwohnern von Cork der hugenottische Bürgermeister, der anordnete, dass alle Hunde ein buntes Band am Schwanz tragen müssten, damit das Stadtbild freundlicher aussähe. Fromm und verrückt – typisch Cork.

Einzelartikel kaufen

Sie erhalten Lesezugriff für diesen Artikel.

2,00 €

einmalig

Kein Abo.

z(w)eitzeichen Abonnement

Sie erhalten Zugang zur Rubrik z(w)eitzeichen.

4,00 €

monatlich

Monatlich kündbar.

Online Abonnement

Sie erhalten Zugang zur gesamten Website und zur kompletten Printausgabe als PDF.

64,80 €

jährlich

Monatlich kündbar.
Haben Sie bereits ein Online- oder Print-Abo?
* Ihre Kundennummer finden Sie auf Ihrer Rechnung. Ein einmaliges Freischalten reicht aus; Sie erhalten damit zukünftig automatisch Zugang zu allen Artikeln.

Weitere Beiträge zu „Kultur“