Die Gedanken zu den Sonntagspredigten für die nächsten Wochen stammen von Jürgen Wandel. Er ist Mitarbeiter von zeitzeichen.
Neue Möglichkeiten
SONNTAG LÄTARE, 15. MÄRZ
So spricht der Herr: … Ich will euch trösten, wie einen seine Mutter tröstet, ihr sollt an Jerusalem getröstet werden. Ihr werdet’s sehen, und euer Herz wird sich freuen, und euer Gebein soll grünen wie Gras. (Jesaja 66,12–14)
Aus Ehrfurcht sprechen Juden den Namen Gottes nicht aus, sondern geben ihn mit Adonai wieder. Und in der Lutherbibel steht „der Herr“. Gott wird im christlichen Gottesdienst oft als „Herr“ angesprochen. Und dies macht deutlich, dass er von den Glaubenden etwas verlangt. Denn der Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs, den Jesus „Vater“ nennt, möchte, dass „das Recht wie Wasser“ strömt „und die Gerechtigkeit wie ein nie versiegender Bach“ (Amos 5,24).
Aber die Anrede Gottes als „Herr“ und „Vater“ hat in den Kirchen ein männliches Gottesbild geprägt und seine mütterlichen Züge verdeckt (die sich zum Beispiel auch in Jesaja 66,12 und Psalm 131,2 finden). Darauf aufmerksam gemacht zu haben, ist ein Verdienst feministischer Theologinnen.
Eine gute, liebesfähige Mutter nimmt ihr Kind in die Arme, wenn es hinfällt, und tröstet das Kleine selbst dann, wenn es zum Beispiel trotz ihrer Warnung auf einem Balken balanciert hatte. Und eine Mutter tröstet ihr Kind auch dadurch, indem sie ihm Mut zuspricht, wenn es Angst hat, eine Aufgabe anzupacken.
Trost hat also einen gegenwärtigen und einen zukünftigen Aspekt. Gottes Trost verheißen die Seligpreisungen Jesu denen, „die da Leid tragen“ und „die da hungert und dürstet nach der Gerechtigkeit“, den „Sanftmütigen“, sprich: Gewaltlosen, und den Friedensstiftern (Matthäus 5). Das sind keine Anweisungen, die man jederzeit eins zu eins umsetzen kann. Aber die Perspektive der Seligpreisungen fordert Christen heraus, wenn sie in ihrem Privatleben und als Wählerinnen und Wähler, Politikerinnen und Politiker und in Unternehmen und Militär Entscheidungen treffen. Sie können das Menschenmögliche tun im Vertrauen darauf, dass in der Zukunft Dinge möglich werden, die in der Gegenwart noch unmöglich erscheinen.
Gegen den Tod
JUDIKA, 22. MÄRZ
Wir haben hier keine bleibende Stadt, sondern die zukünftige suchen wir. (Hebräer 13,14)
Meine Herren, es wackelt alles“! Das schleuderte Ernst Troeltsch 1896 den in Eisenach versammelten liberalen Theologen entgegen. Zwei Jahre zuvor war er im Alter von 27 Jahren Professor in Heidelberg geworden. Hintergrund seines Ausrufs war die Lage von Kirche und Christentum in Deutschland. In den Großstädten des Kaiserreichs hatte die Entkirchlichung nicht nur unter den Arbeitern zugenommen. Unter dem Einfluss der Naturwissenschaften, die in Deutschland florierten, und der rasanten technischen Entwicklung entfremdeten sich auch die Gebildeten von Christentum und Kirche. Diese Entwicklung wurde durch die Nazizeit und den Krieg unterbrochen. Denn die Kirchen waren 1945 die einzigen großen Institutionen, die in Deutschland noch da waren und Menschen Halt gaben. Und das verschaffte ihnen in der Bundesrepublik bis in die 1960er-Jahre Ansehen und eine starke Stellung.
Heute wackeln in vielen Ländern Europas nicht nur christliche Traditionen, Kirchen und Theologie. Die demokratischen Rechtsstaaten werden von innen und von außen bedroht. Und die Klimakatastrophe gefährdet alles Leben auf der Erde. In dieser Situation geraten Menschen in die Versuchung, Gefahren zu verleugnen, zu bestreiten, zynisch zu werden oder zu resignieren. Und andere wollen die Probleme lösen, indem sie den Staat und andere Institutionen zerstören.
Christen hoffen auf eine „zukünftige Stadt“, das himmlische Jerusalem. Dann wird Gott „bei den Menschen“ sein, und „der Tod wird nicht mehr sein, noch Leid noch Geschrei noch Schmerz“ (Offenbarung 21,3–4). Manche Zeitgenossen mögen dies als Spekulation abtun. Aber dabei übersehen sie, dass diese Verheißung auch eine Botschaft für die Gegenwart enthält. Wenn Christen sich von ihr inspirieren lassen, finden sich mit dem Tod nicht ab, weder dem natürlichen, biologisch bedingten, noch dem gewaltsamen, durch Menschen verursachten. Und sie werden alles Menschmögliche tun, um Leid und Schmerz ihrer Mitmenschen zu verhindern und zu bekämpfen und so „Gutes zu tun und mit anderen zu teilen“ (Hebräer 13,16).
Unwillige Männer
PALMSONNTAG, 29. März
Als er (Jesus) in Bethanien war im Hause Simons des Aussätzigen und saß zu Tisch, da kam eine Frau … mit Nardenöl, und sie zerbrach
das Gefäß und goss das Öl auf sein Haupt. (Markus 14,3).
Die Erzählung von der unbekannten Frau, die Jesus in Bethanien salbt (Markus 14,3–9), ist in verschiedener Hinsicht bemerkenswert. Das Nardenöl, das sie über Jesu Haupt gießt, ist 300 Silbergroschen wert. Und das entspricht dem Jahreslohn eines Tagelöhners. So ist es kein Wunder, dass einige der anwesenden Männer der Frau „Vergeudung“ vorwerfen und meinen, man hätte „das Geld den Armen“ geben sollen. Und sie könnten darauf verweisen, dass Jesus dem reichen Jüngling empfohlen hat, seinen ganzen Besitz zu verkaufen und „den Armen“ zu geben (Markus 10,21).
Aber Jesus, der Gesalbte, sprich: der Christus, lässt sich salben. Und ausgerechnet von einer Frau. Er lobt sie für ihr „gutes Werk“ und hebt hervor: Wo immer das „Evangelium gepredigt“ werde, werde man „zu ihrem Gedächtnis“ sagen, „was sie getan hat“ (Markus 14,9). Und das Markusevangelium schließt dann auch noch mit dem Hinweis, dass der Auferstandene „zuerst“ einer Frau, Maria Magdalena, erschienen ist (Markus 16,9).
In Bethanien, im Haus des Simon, hat eine unbekannte Frau die Männerrunde gestört und gegen sich aufgebracht. Und so ergeht es auch Frauen, wenn sie in Kirchen, in denen geweihte Männer die Macht ausüben, die Zulassung zum Pfarr- und Bischofsamt fordern.
Aber auch die Kirchen des Wortes, die sich mit Symbolen schwertun, fordert die Erzählung von der Salbung in Bethanien heraus. Denn die Frau kommuniziert nicht durch Worte, sondern durch eine symbolische Handlung und bezieht dabei auch Jesu Körper ein. Der reformierte (!) Zürcher Professor für Praktische Theologie Ralph Kunz plädiert mit dem Karlsruher Theologen Marcus Held dafür, neben dem „heiligen Bad“ (der Taufe) und dem „heiligen Essen“ (beim Abendmahl) die „heilige Berührung“ (durch die Salbung) als dritten religiösen Erfahrungsraum zu erschließen.
Lob vom Kritiker
KARFREITAG, 3. APRIL
Gott war in Christus und versöhnte die Welt mit sich selbst. (2. Korinther 5,19)
Gott war in Christus.“ Das heißt: Der Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs hat sich vollkommen mit dem Juden Jesus von Nazareth identifiziert, den die Römer unter Pontius Pilatus kreuzigten. Und Christen können über Gott nur nachdenken und von ihm reden, wenn sie dabei auf das Kreuz blicken. Denn das Kreuz symbolisiert, dass Gott auf Seite der Leidenden steht und seine „Kraft in den Schwachen mächtig“ ist. So übersetzt Luther 2. Korinther 12,9. In der revidierten Lutherbibel von 2017 heißt es: Gottes „Kraft vollendet sich in der Schwachheit“.
Der kritische und scharfzüngige Dichter Heinrich Heine (1797–1856) schrieb 1830: „Das Christentum – und das ist sein schönstes Verdienst – hat jene brutale germanische Kampflust einigermaßen besänftigt, konnte sie jedoch nicht zerstören, und wenn einst der zähmende Talisman, das Kreuz, zerbricht, dann rasselt wieder empor die Wildheit der alten Kämpfer.“ Und an diesem Rasseln beteiligten sich die meisten evangelischen Kirchenmänner Deutschlands, indem sie schon vor 1914, aber erst recht im Ersten Weltkrieg einen deutschen Gott verkündigten und nicht den christlichen. Und dies wirkte nach 1918 nach und beförderte die Zerstörung der Weimarer Republik.
Der Apostel Paulus bittet „an Christi statt: Lasst euch versöhnen mit Gott“ (2. Korinther 5,20). Wer sich darauf einlässt, wird denjenigen entgegentreten, die die Wahrheit verdrehen, das Recht beugen, Mitgefühl verachten, Mitmenschen drangsalieren, Schwache als „Verlierer“ (loser) verhöhnen und Entgegenkommen schamlos ausnutzen.
Weiter Horizont
OSTERSONNTAG, 5. APRIL
Ist … Christus nicht auferweckt worden, so ist unsere Predigt vergeblich, so ist
auch euer Glaube vergeblich.
(1. Korinther 15,14)
Die Kreuzigung Jesu durch Pontius Pilatus und seine Auferweckung durch Gott sind zwei höchst unterschiedliche Ereignisse. Aber sie sind aufeinander bezogen. Dass Gott sich mit dem Gekreuzigten total identifiziert (siehe oben), zeigt sich erst im Licht von Ostern. Und umgekehrt hebt die Auferstehung Jesu Leiden nicht auf. Denn der Auferstandene trägt an seinem Körper Wundmale, die Spuren der Kreuzigung.
Was auf Golgatha geschah und was die Jünger in Jerusalem und Galiläa erfuhren, weist über das Jahr 33 und die Region hinaus: Schon das Vorfeld des späteren Karfreitags, aber besonders die Kreuzigung lässt erkennen, wozu Menschen fähig sind. Ganz normale Menschen rufen mal „Hosianna“ und mal „Kreuzige ihn“. Ein Gewaltherrscher wäscht seine Hände in Unschuld. Das Opfer wird verhöhnt und muss auch noch erfahren: „Freunde in der Not gehen tausend auf ein Lot.“
Im Angesicht des Kreuzes stellt sich die Frage, warum Gott nicht eingreift, sondern Hass, Verrat, Unrecht, Gewalt und Mord zulässt. So könnte man verzweifeln und resignieren. Das Grundvertrauen ins Leben wäre erschüttert, unser „Glaube vergeblich“, wäre die Geschichte Jesu am Karfreitag zu Ende gegangen. Aber er gehörte nicht zu den unzähligen Menschen, die die Römer kreuzigten, irgendwo verscharrten und deren Namen niemand mehr kennt. Vielmehr erfuhren die Jüngerinnen und Jünger, zuerst die Frauen, dass Gott Jesus auferweckt hat. Und das ermutigte die Entmutigten.
Später erscheint der Auferstandene auch Paulus. Und diese Erfahrung, das „Damaskuserlebnis“ verändert den Christenverfolger. Er wird zum Völkermissionar, und das Christentum entwickelt sich im Lauf der Zeit zur Weltreligion.
In 1. Korinther 15 verbindet Paulus die Auferweckung Jesu mit der allgemeinen Auferstehung der Toten. Aber Auferstehung betrifft nicht nur das Leben nach dem Tod, sondern auch das Leben vor dem Tod. Sie eröffnet die Hoffnung auf Bewahrung des Guten und Veränderung zum Guten. Und das bewirkt ein besonderes Verständnis der Geschichte, der persönlichen wie der nationalen und internationalen. Wer an die Auferstehung glaubt, wird bestreiten, dass „nichts Neues unter der Sonne“ geschieht (Prediger 1,9). Vielmehr rechnen Christen damit, dass Neues möglich wird, durch ihr Planen und Handeln, aber auch ohne oder sogar gegen das, was Menschen denken, beabsichtigen und tun. Wenn wir auf unser Leben zurückblicken und auf Ereignisse der Geschichte, wird es uns immer wieder wie Joseph ergehen, der zu seinen Brüdern sagte: „Ihr gedachtet es böse mit mir zu machen, aber Gott gedachte es gut zu machen“ (1. Mose 50,20).
Jürgen Wandel
Jürgen Wandel ist Pfarrer, Journalist und ständiger Mitarbeiter der "zeitzeichen".