Zweimal Diktatur, einmal Demokratie

Maximilian Rosin rekonstruiert das Leben des mutigen Theologen Gerhard Gloege
Maximilian Rosin
Foto: Claudia Hofmair

In seiner Dissertation schildert Maximilian Rosin einen Mann zwischen den Welten: Gerhard Gloege (1901–1970), einen führenden Theologen der DDR.

Ich bin in Südthüringen aufgewachsen in einem eher kirchenfernen Milieu, aber unter anderem durch einen guten Vikar habe ich zunehmend mehr Interesse an Religion und Theologie gefunden. In Jena habe ich schließlich evangelische Theologie vor allem beim Kirchenhistoriker Christopher Spehr studiert, für den ich nun schon seit mehreren Jahren arbeite.

Ich beschäftige mich in meiner Dissertation mit Gerhard Gloege (1901–1970), der einer der einflussreichsten Systematischen Theologen nach dem Zweiten Weltkrieg war und von seiner Jenaer Professur weit über die DDR hinaus wirkte. Gleichwohl gehört er heute zu den wenig erinnerten Gestalten des deutschen Nachkriegsprotestantismus. Seine besondere Signatur liegt in den vielfältigen Kontexten seines Wirkens als Professor, Prediger und kirchenleitender Akteur – und zugleich als Vortragsreisender, Netzwerker, Vermittler zwischen theologischen Lagern und politischen Räumen.

Gloege wurde 1901 in Crossen an der Oder geboren, studierte Evangelische Theologie in Berlin und Marburg und promovierte bei Adolf Schlatter in Tübingen im Fach Neues Testament. Nach Tätigkeit am Kirchlichen Auslandsseminar Ilsenburg leitete er das Predigerseminar in Naumburg (Schlesien). Anfangs fasziniert von der NS-Bewegung, machte nicht zuletzt die „Sportpalast“-Rede von Propagandaminister Joseph Goebbels Gloege zu einem klaren Nazi-Gegner. In der Barmer Synode 1934, an der Gloege teilnahm, wurde diese Haltung bestärkt. Später führte er das Naumburger Predigerseminar als illegales Bekenntnisseminar der Bekennenden Kirche weiter bis zu seiner Ausweisung aus Schlesien 1938. Er wurde Pfarrer der Erfurter Predigergemeinde und setzte sich dort seelsorgerlich für niederländische Zwangsarbeiter und auch Kriegsdienstverweigerer in der NS-Diktatur ein.

Nach Kriegsende wurde Gloege als ausgewiesener Nazi-Gegner Propst im Sprengel Erfurt und war Teil der sich neu formierenden Kirchenleitung der Kirchenprovinz Sachsen. Am 27. April 1946 erhielt er zugleich die Berufung auf den Lehrstuhl für Systematische Theologie in Jena. Es ging ihm um eine kirchliche Neuordnung und theologische Neuorientierung in dieser Umbruchszeit. Inhaltlich verdichteten sich die Konflikte auf Fragen der Wiedereingliederung NS-belasteter Pfarrer, den Umgang mit (ehemaligen) „Deutschen Christen“ sowie die Deutung von Barmen.

Die Universität Jena stand in der DDR zunehmend unter einem politischen Umformungsdruck, der auf „Entbürgerlichung“, ideologische Neujustierung des Lehrbetriebs und schließlich auf Kontrolle durch die SED zielte. Deutlich wurde dies auch in den Repressionen gegen die Evangelische Studentengemeinde und Junge Gemeinde 1953. Gloege geriet damit in die Lage, nicht nur theologisch zu lehren, sondern institutionell zu moderieren, zu schützen und zu verhandeln.

Im Juli 1947 nahm Gloege an der ersten Konferenz des Lutherischen Weltbundes in Lund teil. In den folgenden Jahren stabilisierte sich eine weltweite lutherische Vernetzung, die auch theologiepolitisch innerhalb des geteilten Deutschlands relevant wurde. Gleichzeitig formalisierten sich innerdeutsche Wissenschaftskontakte: Herausgebersitzungen, Tagungen, akademische Einladungen. Gloege organisierte bis in die späten 1950er-Jahre hinein Gastvorlesungen prominenter Kollegen in Jena (von Rudolf Bultmann bis Anders Nygren), um die lokale Studierendenschaft an überregionalen Diskursen teilhaben zu lassen – gegen die Isolation von Kirche und Theologie in der SBZ/DDR.

Mit dem Amtsantritt als Dekan (September 1955) verschob sich sein Alltag: mehr Gremien, mehr Konfliktverwaltung, mehr Repräsentation. Gloege wurde vom Staatssekretariat genötigt, eine „Denkschrift zum Weltfrieden“ zu verfassen. Trotz Reisebeschränkungen gelang 1956 eine große Nordamerika-Reise (19. Juli bis 25. September) als Teil einer Delegation des Lutherischen Weltbundes; Gloege sprach auf Englisch über „The Oneness of the Church“. Im selben Jahr erhielt er eine Berufung nach Tübingen – der Wechsel wurde aber von DDR-Stellen blockiert; alternative Angebote (Berlin, Leipzig) lehnte er ab und blieb in Jena.

1957 erlebte Gloege mehrere Kontaktaufnahmen der Staatssicherheit; er erwehrte sich jedoch einer Kooperation. Bald darauf lernte er Wolfhart Pannenberg kennen und war fortan mit ihm in engem Austausch. Gloege war ein wichtiger Gesprächspartner für dessen Programm „Offenbarung als Geschichte“, beide Theologen verbanden gemeinsame Fragen.

Am 4. Februar 1961 erhielt Gloege einen Ruf nach Bonn als Nachfolger Hans Joachim Iwands. Für sein weit über die DDR reichendes Renommee spricht, dass er in den Jahren zuvor schon zwei Ehrendoktorwürden erhalten hatte, von der Universität Glasgow und Heidelberg. 1956 hatte man ihm den Wechsel in die Bundesrepublik noch verwehrt; nun wurde er genehmigt. Der Umzug scheiterte zunächst am Mauerbau im August 1961, gelang aber dann doch nach einer Sondergenehmigung. In Bonn redigierte er mit Assistenten frühere Reisevorträge, die er in seinem zweibändigen Werk „Heilsgeschehen und Welt“ sowie „Verkündigung und Verantwortung“ veröffentlichte. Zugleich nutzte er die Öffentlichkeit seiner Übersiedlung zu Radioandachten und Stellungnahmen, in denen er die Vereinbarkeit von Christentum und Sozialismus grundsätzlich kritisch beurteilte – eine Form von Öffentlichkeit, die ihm in der Diktatur so nicht möglich gewesen war.

Der theologische Höhepunkt von Gloeges Spätwerk war der Hauptvortrag „Gnade für die Welt“ am 31. Juli 1963 auf der vierten Vollversammlung des Lutherischen Weltbundes in Helsinki. Gloege versuchte hier eine Reformulierung lutherischer Rechtfertigungslehre: Rechtfertigung als Weltgeschehen mit Folgen über die private Gottesbeziehung hinaus – und doch innerhalb der Bekenntnistradition. In Bonn arbeitete Gloege ökumenisch weiter (etwa am Ökumenischen Institut), kehrte 1964 noch einmal zu einer Gastvorlesung nach Jena zurück und hielt 1967 seine Abschieds­vorlesung. Krankheit und körperlicher Verfall begrenzten in den späten Jahren seine Wirksamkeit stark. Gloege starb am 15. April 1970. 

 

Aufgezeichnet von Philipp Gessler

Hinweis
Von Maximilian Rosin ist in der Reihe „Diskriminierung von Christen in der DDR“, herausgegeben von Christopher Spehr und Roland M. Lehmann, der Band „Totalverweigerer in den 1960er-Jahren“, Paderborn (Vandenhoeck & Ruprecht) 2025, Euro 95,– erschienen.

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Foto: Claudia Hofmair

Maximilian Rosin

Maximilian Rosin ist Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl Kirchengeschichte der Universität München.

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