Kein Frauenparkplatz im Himmel
Am 25. März wird das Fest Mariä Verkündigung begangen. Im kirchlichen Festkreis findet es folgerichtig neun Monate vor Weihnachten statt. In der Bibel reagiert Maria auf die Botschaft ihrer unverhofften Schwangerschaft mit einem Lobgesang, dem berühmten Magnificat. Davon ausgehend, zeichnet die Theologin Ines Bauschke das Bild einer Maria, die Jesu Botschaft von Gerechtigkeit und Barmherzigkeit entscheidend mit vorbereitet haben könnte.
Wie kommen Frauenbilder zustande? Wer macht sie? Das habe ich mich kopfschüttelnd beim Blick ins Schaufenster eines Wohnungseinrichters gefragt. Neben mancherlei Plüsch und Deko irritiert mich der Aufdruck auf einem der ausgestellten Sofakissen: „Frauenparkplatz“ steht da.
Ein Kissen, das einer Frau einen Platz auf einem Sofa freihalten soll? So ist das wohl gemeint. Wie kommt ein Designer auf so eine Idee? Denn ich kann mir nur vorstellen, dass sich das ein Mann ausgedacht hat. Mir kommen Bilder aus Werbevideos in den Sinn: von Frauen, die sich auf Sofas räkeln, auf Massageliegen chillen, sich in Wannenbädern aalen. Das Bild von Konsum und Wellness steht in krassem Gegensatz zur Lebenswirklichkeit der meisten Frauen, die oft von Berufsarbeit, Hausarbeit und Care-Arbeit geprägt ist.
Überdies: Der Begriff Frauenparkplatz ist nicht so gemütlich. Solche Parkplätze wurden in Tiefgaragen und Parkhäusern eingerichtet, dort, wo Frauen schon oft überfallen worden sind. Gut beleuchtet, sollen sie Frauen Sicherheit geben an diesen dunklen und für sie gefährlichen Orten. Mit dem Begriff „Frauenparkplatz“ zu spielen, verharmlost reale Erfahrungen von Bedrohung. Wer ihn verwendet, blendet die tatsächliche Gefährdung vieler Frauen aus.
Wie viele Dinge werden von Männern hergestellt, und sie bedenken die Perspektive von Frauen oft nicht mit. Oder falls doch, ist der männliche Blick auf Frauen offenbar von eigenen Vorstellungen verzerrt. Die Autorin Rebekka Endler widmet sich diesem Phänomen in ihrem Buch „Das Patriarchat der Dinge“. Darin beschreibt sie, wie unsere Umwelt in der Regel von Männern für Männer gestaltet und benannt wird, sehr oft zum Nachteil von Frauen. Das Kissen mit dem Begriff Frauenparkplatz bildet für mich in klassischer Weise ein solch verzerrtes Frauenbild ab.
Ein aktuelles Beispiel. Doch das Phänomen ist alt. Diese Art, auf Frauen zu blicken, hat eine lange Geschichte. Ein frühes Beispiel dafür ist Maria, die Mutter Jesu. Die junge Maria ist verlobt mit dem Zimmermann Josef. Da bekommt sie ganz überraschend Besuch, wie der Evangelist Lukas im 1. Kapitel erzählt. Ein Engel tritt zu ihr, spricht sie an: „Sei gegrüßt, du Begnadete, Gott ist mit dir.“ Eine ungewöhnlich ehrenvolle Anrede für eine einfache Frau. Der Gottesbote verkündigt ihr, sie werde schwanger werden. Das Kind soll Jesus heißen, ein besonderes Kind: Sohn des Höchsten. Maria fragt überrascht nach: „Wie soll das geschehen, da ich noch von keinem Manne weiß?“ Die Antwort des Engels: „Die Kraft des Heiligen Geistes wird über dich kommen.“ Eine Erklärung, so unerhört wie geheimnisvoll. Maria wird klar, dass sie in eine göttliche Sphäre hineingezogen wird.
Doch die Begegnung mit dem Engel verschlägt Maria nicht die Sprache. Sie macht sich nicht klein, sagt nicht: Ich kann das nicht – wie Jeremia, der sich mit den Worten „Herr, ich bin zu jung“ gegen seine Berufung wehrte (Jeremia 1,6). Nein, Maria erklärt sich einverstanden. Mit ihrer Antwort beweist sie Haltung, glaubensfest und klar: „Siehe, ich bin die Dienerin Gottes. Mir geschehe, wie du gesagt hast.“
Der Gedenktag Mariä Verkündigung am 25. März erinnert an diese ungewöhnliche Begebenheit. Maria macht sich daraufhin auf den Weg, um ihre ebenfalls schwangere Kusine Elisabeth zu besuchen. Ein denkwürdiger Besuch. Bei der Ankunft Marias hüpft das Kind im Bauch Elisabeths vor Freude. Mutter und das werdende Kind ahnen, welch hoher Besuch zu ihnen kommt. Da bricht es aus Maria heraus, und sie fängt an zu singen: ihr berühmtes Magnificat, nach dem Gott das Unterste zuoberst kehrt. Eindrücklich besonders die Verse: „Er übt Gewalt mit seinem Arm und zerstreut, die hoffärtig sind in ihres Herzens Sinn. Er stößt die Gewaltigen vom Thron und erhebt die Niedrigen. Die Hungrigen füllt er mit Gütern und lässt die Reichen leer ausgehen.“ (Lukas 1,51–53)
„Revolutionslied Gottes“
Mit diesem Lobpsalm erweist sich Maria als Prophetin. Und so oft dieses Magnificat auch schon zitiert, gelobt und vertont worden ist, wurde der prophetische Charakter ihres Lobgesangs eher selten herausgestrichen. Maria erlebt eine neue Wertschätzung durch Gott – und findet dafür Worte: Denn er hat die Niedrigkeit seiner Magd angesehen. „Siehe, von nun an werden mich selig preisen alle Kindeskinder. Denn er hat große Dinge an mir getan, der da mächtig ist und dessen Name heilig ist“ (Lukas 1,48 f.).
Maria erlebt sich nicht länger als niedrig. Sie begreift: Gott steht auf ihrer Seite, nicht bei den Mächtigen und Reichen. Ihre prophetische Vision beschreibt nichts weniger als den Umsturz der Gesellschaft, das Ende der Hierarchie zwischen Arm und Reich. Dietrich Bonhoeffer nannte das Magnificat ein „Revolutionslied Gottes“, er sagt in einer Predigt 1933 in London: „Dieses Lied der Maria ist das leidenschaftlichste, wildeste, ja man möchte fast sagen revolutionärste Adventslied, das je gesungen wurde. Es ist nicht die sanfte, zärtliche, verträumte Maria, wie wir sie auf Bildern sehen, sondern es ist die leidenschaftliche, hingerissene, stolze, begeisterte Maria, die hier spricht … ein hartes, starkes, unerbittliches Lied von stürzenden Thronen und gedemütigten Herren dieser Welt, von Gottes Gewalt und von der Menschen Ohnmacht.“
Maria, eine wilde, revolutionäre Prophetin – das ist eine andere Vorstellung als die der unterwürfigen, demütigen „reinen Magd“. Gleichzeitig zeigt Maria sich fest verankert in ihrer jüdischen Tradition. Denn ihr Magnificat ist jenem Lobpsalm nachgebildet, den Hannah im 1. Buch Samuel im Alten Testament angestimmt hat – nachdem Hannah ihren lange ersehnten Sohn geboren hat (1. Samuel 1,1–10). Was aber bedeutet es für einen Sohn, eine solche Mutter zu haben – die mit prophetischer Kraft Gottes barmherziges und gerechtes Tun besingt? Denn diese Mutter wird ihren Sohn sicherlich geprägt haben.
So, wie etwa auch Putilbai Gandhi ihren Sohn Mahatma erzogen hat. Niemand prägte diesen Friedensstifter spirituell so stark wie seine Mutter. Der Ursprung seiner Stärke, die auf Sanftmut beruhte, geht auf die spirituelle Erziehung durch seine Mutter zurück. Bei Mahatma Gandhi stellt sich dieser Zusammenhang ganz naheliegend dar. Und bei Jesus?
Woher kam die Botschaft, mit der Jesus später durchs Land zog? Sicher, Jesus hat die heiligen Schriften studiert, als er zu lesen in der Lage war. Er beruft sich auf die enge Verbindung zu seinem himmlischen Vater, der ihn mit seiner göttlichen Wahrheit erfüllt hat. Aber: Wer hat das Fundament gelegt, ihn erzogen und begleitet von Kind an?
Marias prophetisches Magnificat wird nicht ohne Konsequenz geblieben sein. Ich bin überzeugt, Maria hatte Anteil an den Glaubensüberzeugungen ihres Sohnes – auch wenn sich Jesus später in einigen biblischen Geschichten kritisch gegenüber seiner Mutter geäußert hat (Markus 3, 31–35). Aber die Grundlagen hat ihm Maria mitgegeben. Maria hat Jesus erzogen.
Die jüdische Mutter aus niedrigen Verhältnissen wird ihrem Sohn von einem Gott erzählt haben, der barmherzig ist. Und der Same, den sie damit in ihren Sohn gelegt hat, der hat Früchte getragen. Diese Erziehung, die Maria geleistet hat, spielt bis heute keine Rolle. Maria ist als Gottesgebärerin gerühmt worden, als Mutter des göttlichen Kindes. Maria wurde Bedeutung zugeschrieben allein durch den Sohn, den sie, jungfräulich, geboren hatte. Dafür wurde sie von der katholischen Kirche sogar in den Himmel gehoben: 1950 erklärte Papst Pius XII. die leibliche Aufnahme Marias in den Himmel zum Dogma. Eine frömmigkeitsgeschichtlich konsequente Entscheidung, denn der himmlischen Maria wurde bereits seit dem Mittelalter eine beachtliche Verehrung zuteil: Nicht nur weil sie die Mutter Jesu war, wurde Maria verehrt, sondern auch als himmlische Mittlerin. Für die Gläubigen sollte sie bei Gott und Jesus Fürsprache halten.
Der Protestantismus hat diese Marienverehrung nicht übernommen, sondern Marias Bedeutung als allein auf Christus bezogen verstanden. So wie Martin Luther in seiner Auslegung des Magnificats befand: Maria ist „eine im ganzen Menschengeschlecht einzigartige Person […], weil sie mit dem himmlischen Vater ein Kind hat, und zwar ein solches Kind.” Wenn also Martin Luther Maria als „hochgelobte Jungfrau Maria“ und als „feine Mutter Christi“ pries, dann galt sein Lob nicht in erster Linie Marias Person – sondern Gott. Im Sinne seiner Rechtfertigungslehre, nach der sich Gott den Menschen allein aus Gnade zuwende, sah er auch Maria: „ein verachtetes, geringes Mägdlein ohne Ansehen“. Luther versteht Maria als „das allervornehmste Beispiel der Gnade Gottes“, also im Grunde lediglich als Medium für Gottes Heilstat.
Maria hat also den Sohn Gottes geboren und damit ihre Mission erfüllt. Nun konnte sie auf ein Podest gestellt werden. Die feministische katholische Theologin Catharina Halkes (1920–2011) hat ihr einst einen Brief geschrieben: „Liebe Maria, im Lauf der Jahrhunderte bist Du, Maria, über Deine persönlichen und biblischen Züge hinaus zum Symbol verfertigt worden. Sie haben Dich Deiner Mutterschaft wegen himmelhoch emporgehoben, Dich Deiner Jungfräulichkeit wegen auf eine Säule gesetzt. Dadurch wurdest Du für uns Frauen immer unkenntlicher … und Du wurdest für die modernen Männer, die in Jesus den kritischen Propheten sehen wollen, immer uninteressanter. (…) Es tut mir immer mehr weh, Maria, wenn ich merke, dass auch Theologen – manche Frauen und beinahe alle Männer – es nicht mehr der Mühe wert finden, über Deine Bedeutung in der Heilsgeschichte nachzudenken.“
Verzerrtes Bild
Die Säule, auf die Maria laut Catharina Halkes gestellt worden ist, ist im Grunde ihr Frauenparkplatz. Maria, geparkt im Himmel, eine entrückte Säulenheilige. Maria auf einem himmlischen Podest – fern, unerreichbar, allen irdischen Kategorien enthoben. Und als Mensch blass. So überlagert der ausschließliche Blick auf die himmlische Maria mit Attributen wie Tugend, Keuschheit und Gehorsam ihre starke prophetische Seite, blendet sie aus, verändert und verzerrt das Bild von ihr.
Immerhin gibt es aus dem 20. Jahrhundert ein Gemälde mit einem Bezug zum Erziehungsalltag Marias. Der surrealistische Künstler Max Ernst zeichnet ein sehr eigenes, provokatives Bild der Gottesmutter: Maria züchtigt ihren Sohn. Sein Bild zeigt, wie die Mutter den Gottessohn übers Knie legt und verhaut, sein Heiligenschein rollt dabei über den Boden. Max Ernst hat die idealisierten Darstellungen von Maria mit dem Kind zu zerschlagen versucht, und das nicht ohne Witz. Auch eine Gottesmutter sollte ihr Kind nicht schlagen. Doch das Bild zeigt: Erziehung ist mühsam – selbst beim Gottessohn.
Maria hat ihrem Sohn, so stelle ich es mir vor, gemäß ihrer jüdischen Glaubenstradition von Gott erzählt. Das Gebot der Nächstenliebe mag sie ihm nahegebracht haben: „Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst“ (3. Mose 19,18). Sie mag ihm von der Verkündigung des Propheten Amos erzählt haben: „Es ströme aber das Recht wie Wasser und die Gerechtigkeit wie ein nie versiegender Bach“ (Amos 5,11.24). Vielleicht hat sie ihm aus dem 94. Psalm vorgelesen: „Erhebe dich, du Richter der Welt; vergilt den Hoffärtigen, was sie verdienen“ (Psalm 94,2). „Denn Recht muss doch Recht bleiben“ (Psalm 94,15). Jedenfalls sind bei Jesus diese Überzeugungen immer wieder zu finden. Er hat selbst Barmherzigkeit und Gerechtigkeit gepredigt, sich kritisch gezeigt gegenüber einem reichen Kornbauern (Lukas 12,16–21) und wertschätzend gegenüber einer armen Witwe (Markus 12,41–44). Auch verkündete Jesus die Umkehr der Verhältnisse: „Wer sich selbst erhöht, wird erniedrigt werden, und wer sich selbst erniedrigt, wird erhöht werden“ (Matthäus 23,12). Und sogar: „Die Letzten werden die Ersten und die Ersten die Letzten sein“ (Mt. 20,16). Die inhaltlichen Bezüge zwischen Marias Magnificat und der Lehre Jesu sind offenkundig. Demnach lassen sich vom Magnificat durchaus Rückschlüsse auf die Erziehung Jesu durch Maria ziehen.
Mein Fazit: Maria hat ihren Sohn gut erzogen. Dafür braucht sie weder einen Frauenparkplatz im Himmel noch eine Säule. Für mich sind Lebensweg und Botschaft Jesu nicht denkbar ohne seine Herkunft: Die Erziehung durch eine prophetisch begabte jüdische Frau – Maria, seine Mutter.
Ines Bauschke
Ines Bauschke ist Pastorin i. R. in Buchholz/Nordheide.