Wo man Gott treffen soll

Das Gebetshaus Augsburg und sein Gründer Johannes Hartl stehen in der Kritik
Die „MEHR“-Konferenz des Gebetshauses Augsburg im Jahr 2017. Auf der Bühne steht der Gebetshaus-Gründer Johannes Hartl.
Foto: epd-bild/Annette Zoepf
Die „MEHR“-Konferenz des Gebetshauses Augsburg im Jahr 2017. Auf der Bühne steht der Gebetshaus-Gründer Johannes Hartl.

Das Gebetshaus Augsburg macht derzeit Schlagzeilen. Es zieht vor allem viele junge Menschen an, die sich unter anderem von „Lobpreis und Anbetung“ bewegen lassen. Doch die als eingetragener Verein organisierte Institution ist auch umstritten. Das liegt vor allem am „Gebetshaus“-Gründer Johannes Hartl, der ein römisch-katholischer Theologe und Publizist ist, schreibt die Autorin Sarah Kilter.

Das Gebetshaus im Augsburger Stadtteil Göggingen hat viele Namen. Mal nennt es sich „Kloster der Moderne“, dann Gebetshaus, und auf der gläsernen Eingangstür stehen die Worte „Prayers Hub“. Betritt man den spendenfinanzierten Tempel, der in einer Art Industriegebiet zwischen Autohaus und Lackiererei steht, wird es schlagartig und brüllend warm. Schnell die Jacke aus. Die vielen Kinder- und Erwachsenenjacken, die neben einigen Rucksäcken in der Garderobe hängen, machen zwei Dinge deutlich: Das ist ein Ort für jedes Alter, und hier wird offenbar nicht geklaut.

Im angrenzenden hauseigenen Shop werden Kleidung und Schreibwaren mit religiösen Prints verkauft. Modisch. Zeitgeistig. Hier gibt es Gott als Marke. Jesus als Lifestyle. Offenkundig steht hier nicht nur der Glaube im Mittelpunkt, auch das Geschäft mit ihm scheint kein Problem zu sein. Und während Rauchen auf dem gesamten Gelände verboten ist, ist man beim Alkohol viel lockerer. Für eine Flasche Gebethaus-gebrandeten Wein mit Bibelpsalm-Etikett muss man zwischen 9 und 10 Euro auf den Tisch legen. Die Verbindung von Frömmigkeit und Merchandising wirkt dabei nicht zufällig, sondern programmatisch.

Das Besondere an diesem Ort ist der Gebetsraum. Das wird sofort klar, denn in ihm wird 24/7 gebetet. Gewährleistet wird das durch so genannte Gebetshaus-Missionare, die in einem Vier-SchichtSystem ihren Dienst ableisten. Wenn das Gebetshaus alle zwei Jahre zur „MEHR“-Konferenz lädt, kommen Tausende, vor allem junge Gläubige.

Attraktive Alternative

So könnte man meinen, dass das Gebetshaus die Utopie einer neuen Kirche ist: ein gelungener Versuch, den Gemeinden klassischer Volkskirchen eine attraktive Alternative entgegenzusetzen. Zugleich wirkt das Gebetshaus wie eine Art Schutzraum, der alle Menschen rund um die Uhr willkommen heißt. Auf der eigenen Website wird das Gebetshaus als eine „ökumenische Organisation“ beschrieben, die sich zum Ziel gesetzt hat, „den christlichen Glauben auf zeitgemäße Weise erfahrbar zu machen“. Schwer, diese hehren Ziele zu kritisieren.

Doch beschäftigt man sich intensiver mit dem promovierten katholischen Theologen Johannes Hartl, dem Mann, der das Gebetshaus gemeinsam mit seiner Frau Jutta Hartl 2005 gegründet hat, wird klar: Hinter der modernen Fassade zeigt sich eine Spannung: Die zeitgemäße Ästhetik verdeckt Positionen, die in gesellschaftspolitischen Fragen deutlich konservativer wirken, als die ökumenische Selbstbeschreibung vermuten lässt.

Seit Jahren schon wird das Gebetshaus kritisiert. Ursula Nothelle-Wildfeuer, katholische Theologin und Professorin der Universität Freiburg, machte schon 2018 gegenüber Vatican News deutlich, dass sie im Gebetshaus „Züge einer sektiererischen Ausrichtung“ erkenne. Dabei kritisierte Nothelle-Wildfeuer vor allem die Jesusfixierung des Gebetshauses, die weder zu einer theologischen Diskussion noch zum eigenen kritischen Denken anrege.

Ähnlich ist die Kritik von Louis Berger, der intensiv zum Gebetshaus Augsburg recherchiert hat. Der Redakteur der Wochenzeitung Kirche+Leben erklärte kürzlich gegenüber dem Deutschlandfunk den vorherrschenden, ich-zentrierten Glauben, der die Nöte der Welt ausblende und manipulationsanfällig sei, zur Hauptgefahr des Augsburger Gebetshauses. Dessen Theologie lasse sich im Übrigen nicht eindeutig zuordnen, sondern kombiniere vielmehr unterschiedlichste konfessionelle Versatzstücke.

Unter dem Titel „Abgründe eines kirchlich-populistischen Erfolgsmodells“ hat der Theologe und Podcaster Thomas Halagan im Mai 2024 in einer langen Analyse auf dem anerkannten und einflussreichen Theologie-Portal feinschwarz.net den Kern der gesellschaftspolitischen Thesen des Gebetshaus-Gründers Hartl so beschrieben: „Ob es um die Frauen, den Islam, die Gesellschaft, die Queeren oder neuerdings die Gen-Z geht: Johannes Hartl entwirft in seinen öffentlichen Äußerungen immer wieder derartige Gruppen als homogene Entitäten. Fernab von Komplexität und Pluralität nimmt er ihre Existenz zum Ausgangspunkt seiner Argumentationen, indem er – teils Wissenschaftlichkeit vorgebend – Thesen dazu aufstellt, wie diese denken und handeln. Sie dienen ihm letztlich als Negativschablonen, als konstruierte Feindbilder, von denen ein behauptetes ‚christliches Wir‘ abgrenzbar wird.“

Das Bistum Augsburg, in dessen Diözese das Gebetshaus liegt, bezeichnet das Gebetshaus Augsburg als eine „charismatische, konfessionsübergreifende Bewegung“. Auf Anfrage äußert sich das Bistum aber recht zurückhaltend zum religiösen Zentrum und teilt mit, das Gebetshaus Augsburg 2017 einer Prüfung unterzogen zu haben. Dabei sei man zu dem Ergebnis gekommen, dass „im Gebetshaus nichts gelehrt und verkündet wird, was im Gegensatz zur Lehre der katholischen Kirche steht“.

Auf Anfrage verweist das Bistum außerdem auf eine Aussage des Augsburger Diözesanbischofs Bertram Meier gegenüber der Katholischen Nachrichtenagentur KNA kurz vor der diesjährigen „MEHR“-Konferenz im Januar. Bischof Meier betont darin, dass der als eingetragener Verein organisierte Träger Gebetshaus e. V. kirchlich nicht anerkannt sei und strukturell wie finanziell unabhängig vom Bistum Augsburg agiere. Zu Johannes Hartl äußert sich Bischof Meier gegenüber KNA folgendermaßen: „Ich habe zu einigen Themen bezüglich des Gebetshauses meine Anfragen und habe dies Herrn Dr. Hartl auch wiederholt mitgeteilt. Dennoch bin ich davon überzeugt, dass Herr Dr. Hartl ein engagierter Gottsucher ist, der mit seiner Begeisterung offensichtlich eine große Zahl von Menschen erreicht.“ Einen aktuellen Anlass zur öffentlichen Kritik sieht das Bistum Augsburg offenkundig nicht. Bischof Meier feierte auf der letzten „MEHR“-Konferenz, veranstaltet vom Gebetshaus Augsburg, im Januar dieses Jahres sogar einen Gottesdienst.

Gegenüber kritischen Stimmen zeigt sich Hartl immer wieder offen zur Diskussion – sowohl öffentlich als auch auf schriftliche Anfragen. Wie Hartl, konfrontiert mit konkreter Kritik, aber auch reagieren kann, lässt sich gut in dem SRF-Kultur-Format Sternstunde Religion aus dem Jahr 2023 beobachten. Die Journalistin Olivia Röllin befragte Johannes Hartl darin zu seinen eigenen Publikationen: „Da schreiben Sie mit Rückbezug auf den ersten Korintherbrief, dass Sexualität außerhalb des guten Planes Gottes – das bedeutet zwischen Mann und Frau – negative Auswirkungen auf das geistliche Leben habe.“ Hartl beantwortet weder Röllins Nachfrage nach den konkreten negativen Auswirkungen noch ob er sich mittlerweile von der Passage in seinem Buch distanziert. Vielmehr macht er gegenüber Röllin deutlich, dass er es vorziehe, über das Thema des gleichgeschlechtlichen Geschlechtsverkehrs nicht mehr öffentlich zu sprechen. Diese Form der vagen Kommunikation verbindet den rhetorisch sehr geübten Hartl und die Öffentlichkeitspolitik des Gebetshauses. Sie scheint wie ein Versuch, sich sowohl konservativen als auch progressiven Christen offen zu zeigen und so möglichst viele Menschen zu erreichen.

Auch der 24-Stunden-Gebetsraum des Gebetshaus Augsburg ist auf maximale Reichweite aus. Das macht spätestens der Datenschutzhinweis deutlich, der im ersten Stock am Eingang des Gebetsraums angebracht ist. Er weist darauf hin, dass das gesamte Geschehen darin online live gestreamt wird. Im Gebetsraum befinden sich an diesem Tag etwa 20 Personen. Auf der Bühne sitzt eine blonde Frau. Sie singt christliche Lieder, mal auf Deutsch, mal auf Englisch, und begleitet sich selbst auf dem Keyboard. Emotional. Poppig und extrem mitreißend.

Auch hier läuft die Heizung auf Anschlag. Es wirkt wie ein warmer christlicher Mittelfinger Richtung Energiekrise. In der Mitte der Bühne hängt kein klassisches christliches Kreuz, sondern ein überdimensionales Additionszeichen. Licht strahlt aus zig Lichtspots, die in die goldgestrichene Decke integriert sind. Die gesamte Fensterfront ist mit Jalousien verdeckt. Sie verhindern den Blick nach draußen. Dieser Ort könnte überall sein. Bestenfalls erahnen lässt sich, ob es gerade Tag oder Nacht ist.

An einigen der kleinen Tische am Rand sitzen vorrangig junge Frauen, die in der Bibel lesen und sich Notizen machen. Man könnte das hier fast für eine esoterische Uni-Bibliothek halten. Dazu passt aber kaum, dass in diesem Raum Laptops verboten sind, wie Hinweise an den Wänden erklären. Es drängt sich die Frage auf, wie das wohl für die Eltern der vielen jungen Frauen hier im Raum ist, von denen einige noch nicht mal ihren zwanzigsten Geburtstag erlebt haben dürften: Sind sie beruhigt oder beunruhigt darüber, dass ihr Kind den Samstagnachmittag am liebsten für mehrere Stunden im Gebetshaus verbringt?

Schaut man sich einige der „Aufklärungsvideos“ von Hartl an, bekommt man einen Eindruck, wie er Frauen prägen könnte … In dem YouTube-Video „Die Kunst, einen Mann zu lieben“ erteilt Hartl Frauen Ratschläge zum Umgang mit Männern, die so klingen: „Der Mann muss rausgehen, und dann hat er Sehnsucht, wieder zurückzukommen (…) Aber wenn du ihn versuchst, zu domestizieren, wenn du versuchst, zu zähmen wie ein Haustier, dann wird er seinen Drive verlieren, und übrigens auch die sexuelle Anziehung zwischen euch wird aufhören.“

Doch während Hartl sich einerseits als Antifeminist gibt, nimmt er sich in einem anderen Video ausgerechnet des Falls Gisèle Pelicot an, die von ihrem Mann und anderen Mittätern über Jahre systematisch betäubt und vergewaltigt wurde. Darin bespricht der Gebetshaus-Gründer am Beispiel des Peinigers der Französin, die mit ihrer Geschichte zu einer feministischen Ikone geworden ist, den Ursprung des Bösen. Es bleibt eine Herausforderung, Johannes Hartl auf eine Haltung festzunageln.

Im YouTube-Video „Trump, Putin & Co – die blinden Flecken der politischen Ränder“ stellt Hartl gleich zu Anfang klar: „So, heute geb’ ich meinen Senf ab zu dem Rechtsrutsch, und keine Sorge, das wird jetzt nicht so ein ganz, ganz pauschales Bashing wie ‚Omas gegen Rechts‘.“ Das Problem von Hartls Aussagen: Einer zivilgesellschaftlichen Initiative, deren Mitglieder sich ehrenamtlich für Demokratie und gegen Hass engagieren, vorzuwerfen, sie würde bestimmte Gruppen pauschal niedermachen, beschreibt nicht ansatzweise das tatsächliche Engagement von ‚Omas gegen Rechts‘, aber lässt erahnen, wo Hartl politisch steht.

Auf schriftliche Anfrage zu diesen Aussagen äußert sich Johannes Hartl erneut ausweichend und gibt paradoxerweise an, er würde sich im erwähnten YouTube-Video nicht kritisch gegen ‚Omas gegen Rechts‘ äußern. Außerdem würde er sowohl rechte als auch linke Strömungen kritisieren. Und obwohl er sich regelmäßig und öffentlich zu politischen Themen äußert, erklärt Hartl, sein Anliegen sei kein politisches, sondern ein religiöses und kulturelles.

Auch Martin Fritz, wissenschaftlicher Referent der Evangelischen Zentralstelle für Weltanschauungsfragen, beschäftigte sich kürzlich mit einem aktuellen YouTube-Video Hartls: „Liberale Theologie: aufgeklärt – oder geistlich leer?“ In seinem Text „‚So stirbt der Glaube‘ – Der katholische Influencer Johannes Hartl warnt vor der ‚liberalen Theologie‘“ kritisiert Fritz Hartls Inszenierung als intellektueller Theologe, dessen substanzielle Auseinandersetzung mit den unterschiedlichen liberalen Theologien aber tatsächlich zu wünschen übrig lasse. Hartl stilisiere liberale Theologien als Feindbild und als „verkehrte und schädliche Form von Theologie“. Dabei lasse Hartl laut Fritz völlig außer Acht, dass für viele Menschen liberale „Theologie nicht Relativierung, sondern Rettung; nicht Banalisierung, sondern Befreiung; nicht Verlust, sondern großer Gewinn“ bedeute.

Hartls bestgeklicktes YouTube-Video hat knapp 800 000 Aufrufe. Und auch sein Gebetshaus wird stark frequentiert. 40 000 Besuchende verzeichnete es nach eigenen Angaben in den Jahren 2024 und 2025. Die Attraktivität dieses Ortes erklärt Hartl auf Anfrage so: „Wir fokussieren uns auf das, was im Glauben zentral ist: die Begegnung mit Gott. Sehr viele Menschen haben Sehnsucht nach einer Spiritualität, die Kopf und Herz gleichermaßen anspricht und außerdem in einem ansprechenden Gewand daherkommt. Letztlich ist es die erfahrbare Gegenwart Gottes, die Menschen anzieht.“

Die menschliche Sehnsucht nach der Gegenwart Gottes lässt sich derweil im Gebetsraum beobachten: Einige der Gläubigen laufen flüsternd betend und bibellesend hin und her, in einer eigentümlichen Unruhe, suchend, kreisend, ganz bei sich. Andere werfen die Arme in die Luft oder halten die Hände offen vors Gesicht, als wollten sie etwas empfangen. Eine Frau wippt stehend, als würde sie versuchen, ein Baby zu beruhigen. Ein junger Mann aus der hinteren Stuhlreihe kann es nicht mehr zurückhalten und singt plötzlich lauthals den Refrain eines christlichen Liedes mit. „Du bist der Eine, du bist der Einzige für mich.“

Starke Emotionen

Irritierend. Gleichzeitig könnte man den Gläubigen aber auch beneiden. Einen Ort zu haben, an dem man, ohne skeptisch beäugt zu werden, öffentlich seinen Impulsen nachgehen kann – das muss Freiheit sein. Die meisten Menschen hier erleben gerade dermaßen starke Emotionen, es ist unmöglich, das vollkommen an sich abprallen zu lassen. Da ist irgendetwas in diesem Raum, das einem die Tränen in die Augen treibt.

Kurz vor 15 Uhr ist Schichtwechsel. Die blonde Musikerin wird abgelöst. Eine brünette Frau spielt nun Gitarre, und ihr gegenüber hauchen ein Sänger und eine Sängerin mit geschlossenen Augen in die Mikrofone. Die beiden sind so jung, würden sie den Wein im Gebetshaus-Shop kaufen wollen, man sollte sie nach ihren Ausweisen fragen. Die Liedtexte der Songs werden oben links auf einem Bildschirm eingeblendet. So wird der Gebetsraum, in dem laut Zeitplan gerade „Lobpreis und Anbetung“ stattfindet, immer mehr zu einer schüchternen Karaoke-Bar. Es ist Zeit, zu gehen. Raus aus dieser aufgeheizten Echokammer.

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