„Wissen und Empathie fehlen“
zeitzeichen: Frau Donath, zunächst die große Frage: Wie beurteilen Sie die gegenwärtige Situation des Judentums in Deutschland? Ist da im Augenblick mehr Glanz oder mehr Elend?
Sabena Donath: Vielleicht beides. Wir haben es im Moment mit einer jüngeren Generation von in Deutschland sozialisierten Jüdinnen und Juden zu tun, die sich sehr selbstbestimmt und selbstbewusst in gesamtgesellschaftliche Debatten einmischen und ihrer Stimme laut Gehör verschaffen.
Das ist der Glanz.
Sabena Donath: Das ist der Glanz. Trotz der bedrohlichen Alltagssituation durch die antisemitischen Mobilisierungen infolge des 7. Oktobers gibt es eine Form der Selbstbestimmung, die nicht allen Generationen vorher zu eigen war.
Die früheren Generationen waren noch nicht so frei oder mussten noch zu viel mit sich herumschleppen?
Sabena Donath: Wenn man von einer Shoah-Familiengeschichte geprägt ist, wie zum Beispiel viele Gemeindemitglieder in Frankfurt, dann hat man, meiner Meinung nach, sehr damit zu tun. Insbesondere wenn man der zweiten oder dritten Generation nach der Shoah angehört. Es geht nicht nur um innerfamiliäre Prozesse, sondern auch um die Aushandlung mit der nicht-jüdischen deutschen Mehrheitsgesellschaft. Das bedeutet nicht immer, dass man sich entweder politisch oder aktivistisch zeigen kann oder will. Das Selbstbewusstsein innerhalb der Mehrheitsgesellschaft aber hat sich jetzt in den letzten Jahren deutlich verändert. Und das empfinde ich durchaus als stärkend.
Und das Elend?
Sabena Donath: Elend ist vielleicht nicht das richtige Wort. Aber die Zeit seit dem 7. Oktober 2023 ist wahrscheinlich die größte Zäsur, die die jüdische Gemeinschaft weltweit nach der Shoah erlebt hat.
Wegen der Explosion an Antisemitismus in Deutschland infolge des Massakers?
Sabena Donath: Weltweit. Das heißt vor allem, dass die Ereignisse des 7. Oktobers, der Massaker, der systematisch verübten sexualisierten Gewalt und der Geiselnahmen, im politischen wie auch im gesamtgesellschaftlichen Kontext wenig, in seinem Ausmaß manchmal gar nicht wahrgenommen wurden. Zum anderen gab es vor allem in den links-politischen und aktivistischen Kreisen eine Relativierung, Bagatellisierung oder sogar Glorifizierung dessen, was passiert ist.
Leider auch an den Universitäten.
Sabena Donath: Bis hin in die Akademia. Aber das ist ja nichts Neues. Die Linguistin Monika Schwarz-Friesel stellte schon 2012 fest, dass 30 Prozent der antisemitischen Zuschriften unter anderem an den Zentralrat der Juden von Menschen mit akademischen Abschlüssen stammen. Durch alle gesellschaftlichen Klassen und Schichten, es betrifft alle beruflichen und privaten Kontexte.
Es sind viele Freundschaften zerbrochen, oder?
Sabena Donath: Bündnisse, Freundschaften, kollegiale Verbindungen. Das ist das eine. Aber das andere ist, dass die Explosion des Antisemitismus und auch die Qualität des Antisemitismus heute eine von Außenstehenden oft wenig wahrgenommene Dimension angenommen hat.
Offener und auch brutaler, handgreiflicher auch?
Sabena Donath: Wir sprechen von antisemitischer Gewalt, die sich ja nicht immer nur körperlich ausdrücken muss, sondern auch psychologisch. Beleidigungen und Drohungen in der analogen und digitalen Welt. Alle Lebensbereiche sind davon betroffen. Und das ist eine sehr, sehr schwierige Aufgabe, die die jüdische Gemeinschaft zu bewältigen hat.
Manche zeigen nicht mehr, wie vielleicht vor zehn oder fünfzehn Jahren, dass sie junge Juden sind, sondern verbergen das lieber, zum Beispiel an der Universität.
Sabena Donath: Wir hören immer wieder von jungen Personen als auch von Erwachsenen, die auch Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens sind: Sobald sie sich als jüdisch zu erkennen geben, laufen sie Gefahr, Bemerkungen, Beleidigungen oder auch nur hochgezogene Augenbrauen über sich ergehen zu lassen. Das kann ja nicht sein, dass das für eine jüdische Person in Deutschland heute Normalität ist.
Im Grunde eine Art Normalfall.
Sabena Donath: Und nicht alle haben eine starke jüdische Institution, wie ich, im Rücken. Nicht alle sind in den Gemeinden so sozialisiert, so dass sie sich selbstbewusst dagegen wehren können. Gleichzeitig fällt ja auch auf, dass besonders in Schulen, Universitäten und anderen Bildungskontexten die Ahndung antisemitischer Vorfälle oder überhaupt das Erkennen von antisemitischen Vorfällen noch immer sehr begrenzt ist. Auch das gehört zu unseren Aufgaben, Bewusstsein dafür zu schaffen.
Eine Weile lang war „Jude“ ein scheinbar ganz normales Schimpfwort auf deutschen Schulhöfen. Und dann hieß es immer: „Das ist aber nicht so gemeint. Das ist irgendwie angeblich ironisiert, aber es meine so etwas wie: Opfer.“
Sabena Donath: Genau.
Es gibt Schätzungen, dass es mindestens zweihunderttausend Menschen jüdischer Herkunft in der Bundesrepublik gibt, aber nur etwa hunderttausend sind auch Mitglieder der jüdischen Gemeinden. Warum ist das so?
Sabena Donath: Mitglied einer jüdischen Gemeinde kann nach dem jüdischen Religionsgesetz (Halacha) nur werden, wer eine jüdische Mutter hat oder zum Judentum konvertiert ist. Das gilt gleichwohl für orthodoxe und liberale Gemeinden. Es gibt einige Menschen in Deutschland, die diese Kriterien nicht erfüllen. Gleichermaßen zeichnet sich hier auch Bewegung ab.
Ist das das Hauptproblem, dass deshalb hunderttausend Menschen, die auch in der Gemeinde Mitglied sein könnten, nicht eintreten können?
Sabena Donath: Tatsächlich ist die Mehrheit derjenigen, die die Möglichkeit einer Gemeindemitgliedschaft hat, auch Mitglied. Nicht alle Städte haben jedoch Gemeinden. Das ist natürlich auch eine Konsequenz der Shoah.
Welche anderen Möglichkeiten gibt es für so genannte Vaterjuden, sich in die jüdischen Gemeinden zu integrieren?
Sabena Donath: In den letzten Jahren sind einige alternative jüdische Räume entstanden. Es geht in der aktuellen Situation auch darum, Orte, in denen man sich sicher fühlen kann, zu schaffen. Das müssen nicht zwangsläufig nur Gemeinden, sondern das können auch andere Kontexte sein. Beispielsweise Seminare, Konferenzen, Vereine und Suborganisationen. Mit der Jüdischen Akademie wollen wir bestehende Räume stärken und neue Safe Spaces schaffen, in denen solche Prozesse ausgehandelt werden können. Mit dem Jewish Women Empowerment Summit zum Beispiel haben wir ein übergreifendes Angebot, das wir letztes Jahr zum siebten Mal durchgeführt haben. Dieses Format organisieren wir als Bildungsabteilung gemeinsam mit der Zentralen Wohlfahrtsstelle des Zentralrats (ZWST) und der Jüdischen Studierendenunion. Daraus entstehen große Netzwerke.
Es fehlen Daten über die Zahl der Gemeindemitglieder, die regelmäßig in Gottesdienste in die Synagoge gehen. Und manche Gemeinden sind so klein, dass es nicht leicht ist, regelmäßig zehn Männer zu finden, um einen gültigen Gottesdienst zu beginnen. Gibt es aber auch ein gewisses spirituelles Manko in der jüdischen Gemeinschaft in Deutschland? Überwiegt eher das Gefühl einer kulturellen, aber weniger einer religiösen Zugehörigkeit zum Judentum?
Sabena Donath: Ich kenne kaum eine Religionsgemeinschaft, die so spirituell inspiriert ist wie das Judentum. Ein starker Teil jüdischer Identität bezieht sich auf „L‘dor vador“ („Von Generation zu Generation), also die Weitergabe von religiösem Wissen. Das beinhaltet kulturelle, traditionelle sowie spirituelle Aspekte. So kann das Feiern der jüdischen Feste auch in der Moderne eine große Rolle spielen. Wichtig ist, und das sage ich auch als Pädagogin, dass es die offenen Zugänge dafür gibt. Die jüdischen Communitys sind eine vulnerable Minderheit in diesem Land. Man muss auch lernen dürfen, wie die Religion funktioniert.
Das erfordert Mühe und Anstrengung.
Sabena Donath: Wenn die Zugänge da sind, ist das nicht so schwierig. Dann beginnt das ab dem Kindergarten ganz selbstverständlich. Deswegen sind jüdische Institutionen der Kinder- und Erwachsenenbildung so wichtig. Sie bieten selbstverständliche Angebote, die gerade in der Resonanz zu einer sehr säkular geprägten christlichen Mehrheitsgesellschaft stehen.
Die Säkularisierung greift in der ganzen Gesellschaft um sich.
Sabena Donath: In der Mehrheitsgesellschaft ist eine Religionsferne bis hin zu einer Religionsskepsis zu beobachten. Da ist es immer schwierig: Wie betrachtet man das Judentum als Teil einer Gesamtgesellschaft? Ich werde immer wieder nach den religiösen und traditionellen Aspekten des Judentums gefragt. Das ist wichtig, weil wir unseren Vorfahren das Versprechen „L‘dor vador“ gegeben haben, also unsere Traditionen weiterzugeben. Wenn ich es meinen Kindern nicht vermittele, wie sollen sie es dann ihren Kindern vermitteln?
Laut einer Schätzung der ZWST leben über 90 Prozent der jüdischen Zuwanderer, die in den 1990er-Jahren nach Deutschland gekommen sind, nun, im Rentenalter, in Altersarmut – in der Gesamtbevölkerung sind es nur etwa 20 Prozent. Warum ist das so?
Sabena Donath: Jede Zuwanderung ist von großen Brüchen und Verlusten gekennzeichnet. Viele der Zuwanderer und Zuwanderinnen aus den Ländern der ehemaligen Sowjetunion standen inmitten ihres Lebens, bevor sie nach Deutschland eingewandert sind. Trotz qualifizierter Ausbildung wurden bei vielen Berufsabschlüsse und Titel nicht vom deutschen Staat anerkannt. Das führte dazu, dass viele nicht an den beruflichen Erfolg in der Sowjetunion anknüpfen konnten. Die Sprachbarrieren waren ein weiteres Hindernis. Das zog erstens Abhängigkeit von Sozialhilfe nach sich und zweitens damit auch die Unmöglichkeit, zum Beispiel die Staatsbürgerschaft zu erhalten und an Wahlen teilzunehmen.
Sie sind kaum in einen ordentlichen Job gekommen.
Sabena Donath: Außerdem wurden ihre Renten nicht anerkannt, was auch Altersarmut zur Folge hat. Das sind laut ZWST 93 Prozent aller zugezogenen „Kontingentflüchtlinge“, darunter Shoah-Überlebende, im Rentenalter. Aber die Generation, die hier in Deutschland schon sozialisiert worden ist, versteht sich ganz anders. Die Bezeichnung „Zuwanderer“ ist kein Attribut mehr, das die heutige Generation für sich akzeptiert. Das sind junge jüdische Menschen, die Migrationsbiografien haben. Die dies auch benennen, deren Muttersprache oft Russisch, Ukrainisch oder eine andere Sprache aus den Ländern der ehemaligen Sowjetunion ist. Sie sind die Bildungswege gegangen und haben sowohl akademische als auch berufliche Erfolge zu verbuchen. Das heißt, wir haben es jetzt mit einer Renaissance des Judentums in Deutschland zu tun.
Es ist natürlich besonders bitter, dass ausgerechnet die Generation, die den Holocaust überlebt hat, zum Teil hierzulande in Altersarmut lebt.
Sabena Donath: Wir haben es heute mit Menschen zu tun, die eher Child Survivors sind. Das ist ein großes Thema, weltweit. An der Stelle, glaube ich, ist Deutschland nicht hundertprozentig seiner Verantwortung nachgekommen.
Die Solidarität mit Israel und die Erinnerung an den Holocaust spielen eine große Rolle in den jüdischen Gemeinden in Deutschland. Ist das Ihrer Ansicht nach etwas zu stark, weil dann eine deutsch-jüdische Identität nicht so stark ist, wie sie sein sollte?
Sabena Donath: Was ist denn eine deutsch-jüdische Identität?
Nun, die gab es im 19. Jahrhundert, auch Anfang des 20.Jahrhunderts. Sie ist durch den Holocaust zerstört worden. Aber sie könnte mit neuen Generationen wieder neu entstehen.
Sabena Donath: Wir haben als jüdische Gemeinschaft nach der Shoah festgestellt, dass die deutsch-jüdische Identität nicht geholfen hat. Die Erinnerung an die Shoah ist ein Teil eines kollektiven Gedächtnisses in den Gemeinden, bei dem einen mehr und bei der anderen weniger. Das hat etwas mit biografischen und mit kollektiven Erinnerungen zu tun.
Und mit familiären.
Sabena Donath: Genau. Die jüdische Gemeinschaft heute ist sehr vielfältig und sehr plural, auch in ihren biografischen und historischen Ausprägungen. Aber die Erinnerung an die Shoah ist ein Baustein dieser kollektiven Identität. In Deutschland besonders als „negative Symbiose“, wie der Historiker Dan Diner es nennt, aber auch darüber hinaus, so wie in den USA und in Israel.
Das wird auch weiter so bleiben?
Sabena Donath: Ja. Ich halte das auch für richtig. Das steht nicht im Kontrast zu einer Identifikation mit dem jeweiligen Heimat- oder Wohnland. Die Erinnerung ist ein Teil von uns. Bei einer jüdischen Identität spielen daher ein individuelles und auch kollektives Gedächtnis eine Rolle. Das ist ein wesentlicher Charakterzug des Judentums. Ebenso spielt auch die Verbundenheit zum jüdischen Staat eine große Rolle. Das ist mit dem Begriff Zionismus nicht einfach zusammenzufassen, weil sich auch der Blick nach Israel verändert hat. Nicht alle jungen Personen wurden so zionistisch sozialisiert mit der Möglichkeit, mehrmals in das Land zu reisen und – sollte es der Fall sein – die Familie dort zu besuchen. Es gibt junge Menschen in unseren Gemeinden, die waren noch nie in Israel.
Israel galt in den jüdischen Gemeinden in Deutschland als eine Art Lebensversicherung: Wenn der Antisemitismus zu stark wird, kann man notfalls dorthin auswandern. Aber diese Hoffnung ist nach dem Massaker vom 7. Oktober 2023 brüchig geworden.
Sabena Donath: Trotz dessen bleibt Israel als sicherer Hafen elementar. Es hat sich leider nicht gezeigt, dass die jeweiligen Mehrheitsgesellschaften in der Diaspora sich so solidarisch mit der jüdischen Gemeinschaft erklärt haben. Das hätten sie tun müssen.
Es wurde oft in der Mehrheitsgesellschaft überhaupt nicht verstanden, was da passiert ist.
Sabena Donath: Die Dimension ist nicht verstanden worden. Es gab kaum eine Empathie dafür, was es für jüdische Personen in der Diaspora spezifisch hier in Deutschland bedeutet, wenn man die Bilder des Terrors vom 7. Oktober sieht und dass man sich gleichermaßen in diesem Land um seine Kinder sowie die eigenen Eltern fürchten muss.
Aber es gab Solidaritätsdemonstrationen.
Sabena Donath: Gab es, aber nicht ausreichend. Und diese Solidaritätsdemos hatten für mich nicht die Größenordnung, die dieser Einschnitt in unser Leben erfordert hätte. Ich sage auch als Erziehungswissenschaftlerin: Die Themen Antisemitismus – insbesondere in seiner israelbezogenen Ausprägung – und der Nahostkonflikt sind die ganze Zeit in den Medien, sodass man als Teil der „normalen“ Mehrheitsgesellschaft das Gefühl hat, man weiß sehr viel darüber. Gleichzeitig stelle ich fest, dass das reale Wissen über jüdische Lebenswirklichkeiten nur marginal vorhanden ist. Wir haben es also mit einem projektiven Wissen zu tun.
Was sind die Folgen?
Sabena Donath: Wenn ich nicht weiß, was Antisemitismus ist und welche realen Konsequenzen er für jüdische Personen hat – ob in der Schule, in der U-Bahn oder an der Uni –, woher soll mein Wissen oder meine Empathie kommen? Und der direkte Kontakt zu Jüdinnen und Juden besteht eigentlich kaum.
Hat sich die Lage wegen der Zuwanderung von vielen Menschen aus muslimisch geprägten Ländern in Sachen Antisemitismus verschlechtert, oder ist dies eine feine Ausrede nach dem Motto: „Na ja, die deutsche Gesellschaft wäre eigentlich schon weniger antisemitisch, wenn jetzt nicht so viel Zuwanderung da wäre.“?
Sabena Donath: Wir haben ein Problem mit einem israelbezogenen und islamistisch-motivierten Antisemitismus innerhalb muslimischer Communitys. Das haben antisemitische Gewalttaten sowie versuchte Terroranschläge die letzten Jahre gezeigt. Die Zahlen der Recherche- und Informationsstelle Antisemitismus belegen einen Anstieg. Zur Wahrheit gehört aber auch, dass Deutschland die Zuwanderung nicht gebraucht hat, um antisemitisch zu werden. Die Zustimmungswerte zu antisemitischen Einstellungen sind seit Jahrzehnten stabil. Die Sozialforschung belegt, dass jede vierte Person in Deutschland antisemitischen Aussagen manifest oder latent zustimmt. Letztlich ist es für eine jüdische Person völlig irrelevant, wer sie antisemitisch angreift. Mir geht es darum, klarzumachen, dass wir es mit einer so schwierigen Lage zu tun haben, die nicht adäquat, weder politisch noch bildungspolitisch, aufgegriffen wird. Und es kann nicht sein, dass die jüdische Gemeinschaft dafür verantwortlich ist, dieses Problem selbst zu lösen. Das liegt in der gesamtgesellschaftlichen und politischen Verantwortung. Jüdische Menschen sollten ihr Judentum nicht verstecken müssen!
Man hat sich auch an den Schutz von jüdischen Einrichtungen gewöhnt. Es wirkt normal. Und der eigentliche Skandal, der dahintersteckt, wird von den meisten ja gar nicht mehr erkannt.
Sabena Donath: Genau. Aber ich spreche auch von Verhältnissen, die im Klassenraum stattfinden. Dass jüdische Schülerinnen und Schüler sich nicht geschützt fühlen, dass Schulleitungen sagen: „Vielleicht sind sie ein bisschen empfindlich, weil sie jüdisch sind.“ Ich habe etliche dieser Fälle auf dem Tisch. Es ist eine Sache, zu sagen: Die Universitäten sind nun mal der Ort, wo sich auch pro-palästinensische Gruppen organisieren dürfen. Es ist eine andere Sache, dass sich jüdische Studierende auf keinem Campus mehr sicher fühlen können. Aber das wird hingenommen. Dass Antisemitismusbeauftragte verlacht werden, nicht ernst genommen werden. Das ist die Normalität, und das darf nicht sein.
Ihre neue Akademie wird dieses Jahr eröffnet. Nicht ganz im Zeit- und Kostenplan. Corona kam dazwischen, ebenso die Explosion der Kosten bei fast jedem großen Bau seitdem.
Sabena Donath: Genau, Corona wie auch der russische Angriffskrieg gegen die Ukraine haben uns zurückgeworfen. Wir haben ja als Bildungsabteilung bereits seit über zehn Jahren schon ein Bildungsprogramm, eben noch nicht im neuen Bau. Aber nun ist die Eröffnung nah. Und wir werden dann mit einem fulminanten Programm die jüdische und auch die nicht-jüdische Gemeinschaft erfreuen!
Das Gespräch führte Philipp Gessler am 19. Januar in Frankfurt am Main.
Sabena Donath
Sabena Donath ist Direktorin der Jüdischen Akademie des Zentralrats der Juden in Deutschland, die derzeit in Frankfurt am Main entsteht.
Philipp Gessler
Philipp Gessler ist Redakteur der "zeitzeichen". Ein Schwerpunkt seiner Arbeit ist die Ökumene.